Berlinale - Thomas Heise und „Heimat ist ein Raum aus Zeit“

Der Dokumentarfilmer vermisst seine eigene Familiengeschichte über drei Generationen hinweg als eine Art Hörfilm, in dessen Hallraum viele Fragen nisten

Diskussion

Der umtriebige Dokumentarfilmer vermisst seine eigene Familiengeschichte, als Konglomerat aus Flucht und Verfolgung im Strom der Historie(n) – ein dreieinhalbstündiger Hörfilm, in dessen Hallraum viele Fragen, aber auch der Trost der Vergänglichkeit nisten.


Ein schlanker Stahlpfeiler wächst aus der Erde, im Wald, wie ein Relikt aus einer Epoche, die man mit einem früheren Film von Thomas Heise ,Eisenzeit‘ nennen könnte. Am oberen Ende ein Schild: „Nach der Legende stand hier Großmutters Haus“. Eine Jägerfigur, wahrscheinlich aus Eisen, ein Wolf, die Großmutter und das Rotkäppchen klären die Situation: Man befindet sich in einem Märchenwald – einem jener Orte, von denen man nicht so recht weiß, ob Eltern mit ihren Kindern dort noch hingehen, oder man sich inzwischen für zu weltläufig für so etwas Nationales wie Märchen, Sagan, Legenden hält.

„Verschwinden“, lautete ursprünglich der Projekttitel dessen, was jetzt „Heimat ist ein Raum aus Zeit“. Die beiden Titel öffnen unterschiedliche Türen, markieren andere Eingänge. „Verschwinden“ hat den klaren knappen Heise-Klang, in dem Filmtiteln wie „Vaterland“ (2002), „Material“ (2009) oder „Die Lage“ (2012) nachhallen. „Heimat ist ein Raum aus Zeit“ klingt wie eine Ansage, eine Setzung, ist größer und auch gewaltiger, was gut zu diesem Werk passt, das in vieler Hinsicht Heises Schaffen zusammenzieht: Hier geht es um das Ganze.


Deutschland als Idee

Was in diesem Fall bedeutet: um mehrere Inkarnationen von „Deutschland“, das mehr eine Idee ist als die Bezeichnung eines der konkreten Staaten, in denen die Familie Heise lebte, litt und gedieh. Österreich spielt ebenfalls eine zentrale Rolle, und das nicht nur als Ostmark. Die Eingangssequenz schließt mit dem Bild eines Bub, der eine Fahne hält; es könnte die Flagge des Deutschen Reichs, also der Weimarer Republik sein, oder die der Deutschen Demokratischen Republik zwischen 1949 und 1959 (noch ohne Hammer und Zirkel, nur umgeben von einem Ährenkranz), oder auch die der Bundesrepublik Deutschland. Wenn man nicht weiß, wer der Junge auf dem alten Foto ist, lässt sich nicht sagen, wo man ist und wann. Deutschland ist allen historischen Schnitten zum Trotz eine ambivalente Konstruktion voller Überlappungen und Überlagerungen.

Deutschland ist hier die Familie Heise. Was zunächst meint, dass das Deutschland im Zentrum dieser Geschichte die DDR ist, deren wahrscheinlich bedeutendster Philosoph der Vater von Thomas Heise war, Wolfgang Heise; dessen Schriften zu Hölderlin gehören zum Anmutigsten, was in der deutschsprachigen Literatur darüber veröffentlicht wurde.


Kein Raum, nur Zeit

Der Großvater war den Nazis politisch suspekt und wurde kaltgestellt; die Großmutter war Jüdin, überlebte den Terror; die Mutter arbeitete als Dolmetscherin und Übersetzerin. Verfolgung und Flucht, vor allem aber: die Unmöglichkeit, sich konkret mit einem Ort zu identifizieren, sind in der Familiengeschichte tief verwurzelt. Die Märchenwelt blieb ohne Gegenstück in der Wirklichkeit – hier die Idee, da kein Raum; was bleibt, ist die Zeit.



„Heimat ist ein Raum aus Zeit“ steht im Schaffen von Thomas Heises seinen Filmen „Vaterland“ und „Material“ am nächsten: mit seinem Bewusstsein für Geschichte als Abfolge von Schichtungen und dem kontrastfesten Ton, mit dem scheinbar disparate Elemente gegenseitig zum Klingen gebracht werden; die eigene, biografische Geschichte spielt in beiden Filmen eine Rolle, auch in das aktuelle Werk, so wie auch historische (Ver-)Läufe in allen drei Arbeiten verfolgt werden.

Aber was ist Geschichte? Das, an was man sich erinnert, plus ein paar Dokumente und das, was zwischen dem Erinnerten und dem zu Sehenden, Hörenden, Lesenden sich zeigt. Es wird viel nachgedacht in „Heimat ist ein Raum aus Zeit“, viel zitiert, dazu gibt es lange Passagen mit Bildern von Zugfahrten und Straßenzügen, die nichts illustrieren, sondern ausschließlich Hallräume öffnen.


Das Leben als Textur

Beim Horchen laufen andere Geschichten vor den eigenen Augen ab, die etwas mit der Haupterzählung zu tun haben können, es aber nicht müssen. Wenn man beispielsweise Menschen auf einer Après-Skihütte im Zillertal sieht, Feierdeutsche und die Security, welche vor darauf aufpasst, dass es niemand mit dem Wort Freiheit zu ernst nimmt, dann ahnt man, worum es Heise geht: um das Leben und die Wirklichkeit als Textur. Jedenfalls teilweise. Weil es zudem ja immer auch um das geht, was am Ende aus der Geschichte und all den Bestrebungen geworden ist, etwa aus der DDR und all jenen, die an den Staat und den Sozialismus glaubt haben: Feierdeutsche und Security.


Aber auch das wird vergehen, lässt sich als ein gewisser Trost aus dem Film herausfiltern, weil alle Geschichte unbeständig ist, und weil alle diese Bilder eines Tages genau so alt und fremd sein werden wie die Fotos aus der Heiseschen Familiengeschichte, von denen man so viele sieht, und weil sie Beweise dafür sind, dass es einmal irgendwo eine bestimmt Art von Leben gab.

Natürlich geht es in „Heimat ist ein Raum aus Zeit“ um die Familie Heise, und um die historische Notwendigkeit der DDR, mit all ihren Problemen, von denen die Bundesrepublik ja auch nicht gerade wenige hat(te). Vor allem aber ist der Film eine Vanitas und darin plötzlich keinem Werk von Heise so nahe wie „Gegenwart“ (2012), die Studie eines Krematoriums.

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