Berlinale 2019: "Berlinale-Kamera" für Herrmann Zschoche

Samstag, 09.02.2019

Der DEFA-Regisseur bewies sein Leben lang Mut zur Zivilcourage

Diskussion

Mit dem DEFA-Regisseur Herrmann Zschoche ehrt die "Berlinale" einen Filmemacher, der sich lange vor dem Mauerfall für Zivilcourage und Meinungsfreiheit engagierte. In " Karla" (1966), seinem wohl schönsten Film, skizziert er die Geschichte einer jungen Lehrerin, die nach dem Studium ihre Ideale lebt: aufrichtig sein, keine faulen Kompromisse machen, die Schüler zu Offenheit und Ehrlichkeit erziehen.


Als Dieter Kosslick auf der Pressekonferenz vor der „Berlinale“ die Preisträger der „Berlinale Kamera“ bekannt gab, fragte er nach der Nennung von Herrmann Zschoche in die Runde: „Kennt den hier jemand?“ Nur sehr wenige meldeten sich. Nun mag ja sein, dass sich angesichts einer großen Journalistenschar kaum jemand traute, den Finger zu heben. Wahrscheinlicher aber ist, dass die Mehrzahl im Saal tatsächlich nie von Zschoche gehört hat.

Zweierlei wäre aus diesem Umstand herauszulesen: Für vorwiegend junge Filmjournalisten fängt die Filmgeschichte wohl erst mit „Pulp Fiction“ an; das deutsche Filmerbe gehört, mit Ausnahme von „Metropolis“, nicht unbedingt zu dem, was man wissen muss. Und das ostdeutsche Filmerbe muss man schon gar nicht kennen. Auch 30 Jahre nach der Einheit gilt vielen westdeutsch sozialisierten Autoren die DEFA noch immer als ästhetisch uninteressante Propagandaschmiede. Volker Schlöndorff hat mit seinem ebenso griffigen wie saudummen Satz „Die Defa stinkt“ erheblich zu dieser Haltung beigetragen.


Aufrichtig sein, keine faulen Kompromisse

Man muss Kosslick also unbedingt dafür loben, wenn er mit Herrmann Zschoche dagegenhält. Richtig kennengelernt haben sich die beiden auf einem Filmfestival in Mexiko, das eine „Berlinale“-Auswahl nachspielte, darunter Zschoches „Karla“ (1966), der in Berlin in der Retrospektive lief. Zumindest mit diesem, seinem wohl schönsten Film hat sich Zschoche in die deutsche Filmgeschichte eingeschrieben. Es ist die Geschichte einer jungen Lehrerin, die nach dem Studium ihre Ideale zu leben versucht: Aufrichtig sein. Keine faulen Kompromisse machen. Die Schüler zu Offenheit und Ehrlichkeit erziehen. Zivilcourage gegenüber den Obrigkeiten. Mut zur eigenen Meinung. Und keine Angst vor hohen Tieren. Ulrich Plenzdorf schrieb damals das Drehbuch, und Jutta Hoffmann spielte die Hauptrolle. Mit großen, fragenden Augen und einer Herzlichkeit, die zu Tränen rühren konnte. Wie die junge Giulietta Masina, sagten Kritiker später. Der Film, in Schwarz-weiß und CinemaScope, wurde verboten. Zschoche musste bis 1990 warten, ehe er ihm auf der Leinwand wiederbegegnete.

"Karla" (1966)
"Karla" (1966)

Zwischendurch drehte der 1934 in Dresden geborene Regisseur mehr als ein Dutzend andere Filme, meist Gegenwartsfilme, oft für ein jugendliches Publikum. Die besten setzten kräftige Widerhaken in die Genügsamkeit des DDR-Alltags. In „Sieben Sommersprossen“ (1978) wehren sich junge Leute dagegen, dass es im Ferienlager vor allem Fahnenappelle und Sportfeste geben soll. Stattdessen spielen sie „Romeo und Julia“ und finden ihre eigenen Gefühlswelten schon bei Shakespeare gut aufgehoben.

In „Insel der Schwäne“ (1983) kommt die jugendliche Hauptfigur vom Land nach Marzahn. Der Vater ist Bauarbeiter, die Familie hat hier eine Wohnung bekommen. Heute heißt es: im Plattenbau, damals war es für viele ein Glücksumstand. Was bei Zschoche und seinem Szenaristen Ulrich Plenzdorf aber nicht die allumfassende Seligkeit bedeutete. In dem Film fordern die Kinder das, was ihnen versprochen wurde, auch ein: zum Beispiel Gelegenheiten zum Spielen und Toben. Wenn in einer spontanen Revolte ein Betonplatz zerstört wird und die frisch gepflanzten Bäume gleich mit ausgerissen werden, sieht das von heute aus wie eine Vorwegnahme des Aufbruchs 1989 aus.

"Insel der Schwäne" (1973)
"Insel der Schwäne" (1983)

Mit „Bürgschaft für ein Jahr“ (1981) schaffte es Herrmann Zschoche einst in den Wettbewerb der „Berlinale“. Katrin Saß gewann dafür den Silbernen Bären als beste Darstellerin: eine junge, alleinerziehende Frau, der die Kinder weggenommen werden, weil sie ihr Leben nicht in den Griff bekommt und säuft. „Die Alleinseglerin" (1987), ein anderer dieser „Frauenfilme“, die die DEFA so gut konnte, lief in der Panorama-Sektion: Zschoche hatte ein gutes Händchen dafür, anhand von Liebes-, Partner- und Einsamkeitsgeschichten sehr genau über die Gesellschaft, ihre Fehlstellen und die Kluft zwischen Ideal und Wirklichkeit zu erzählen.

Zur Preisverleihung der „Berlinale Kamera“ läuft Zschoches letzter DEFA-Film „Das Mädchen aus dem Fahrstuhl“ (1991). Ein Abschiedsfilm, ein letzter Rückblick auf die DDR, über mangelnde Demokratie im Schulwesen, und wie das Rückgrat eines Mädchens gerade wird und das eines Jungen krumm. Danach hat Herrmann Zschoche noch ein bisschen fürs Fernsehen gedreht, „Kommissar Rex“ und „Kurklinik Rosenau“, und weil das nicht die Erfüllung war, sich dann zurückgezogen. Heute lebt er in seinem Häuschen bei Storkow, erforscht Biografien von weniger bekannten Malern im Umfeld von Caspar David Friedrich, schreibt kleine Bücher über den Genius der Romantik und dessen Zeitgenossen.

"Mädchen aus dem Fahrstuhl" (1991)
"Mädchen aus dem Fahrstuhl" (1991)

Muss man Herrmann Zschoche kennen? Ihm selbst ist das wohl ziemlich egal. Er hat seinen Frieden in der Natur und mit der Bildenden Kunst gefunden.


Foto oben: "Karla". Quelle: Berlinale, DEFA-Stiftung

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