In memoriam Stéphane Audran

(1932-2018)

Diskussion

Sie prägte Claude Chabrol in ähnlicher Weise, wie Anna Karina Jean-Luc Godard. Beruflich wie auch privat voneinander angezogen, entstanden beispiellos produktive Verbindungen, die den Prozess der Emanzipation der Männer von der gemeinsamen, Nouvelle Vague genannten, Idee von der Erneuerung des französischen Kinos wesentlich mitbedingten.

Mit „Les Cousins“, einem der ersten Filme der Nouvelle Vague, begann 1959 Stéphane Audrans Zusammenarbeit mit Claude Chabrol. Es folgten 1960 „Les Bonnes Femmes“, 1961 „Les Godelureaux“ und 1963 „Landru“. Nach ihrer Heirat 1964 entstanden die meisten der psychologischen Kriminalfilme, die das Gespann in die Filmgeschichte eingehen ließ. Stéphane Audran schien fortan einen Frauentyp zu verkörpern, der mit der Kühle der Inszenierung Chabrols perfekt harmoniert. In „Les Bonnes Femmes“, wo sie eine junge Frau aus der Arbeiterklasse spielt, gelingt es ihr bereits, mit ihren großen Augen eine unnachahmliche quälende Langeweile auszudrücken. Doch ist es hier noch die Langeweile der jungen Frau, die sich wünscht, dass endlich etwas in ihrem Leben passieren möge. Als Repräsentantin des gehobenen Bürgertums wie in „Les Biches“ (1968) ist aus dieser Langeweile ein Zustand des Ennui, der Lustlosigkeit und des Überdrusses am Leben geworden, der selbst das Reden über die körperliche Lust mit ihrer Freundin Why von Gähnen begleitet. Es ist eine Langeweile, die latente Gefahr in sich birgt und zu Ausbrüchen der Gewalt provoziert. Dieses Abgründige vermag Stéphane Audran brillant in einer makellos schönen Maskenhaftigkeit auszudrücken, wohinter keine psychologische Tiefe sich zu verbergen scheint. Für die Rolle wurde sie bei den 18. Berliner Filmfestspielen mit dem „Silbernen Bären“ ausgezeichnet.

Das wäre indes zu wenig, um eine Meisterschaft im Spiel zu erreichen, wie es bei Stéphane Audran gelungen ist. Ihre großen Augen können voller Lebensfreude und Natürlichkeit sprühen, sie kann strahlen mit ihrem bezaubernden Lächeln und mit Neugier in die Welt blicken – ebenso wie sich ihre Lippen zu grausamer Verachtung verziehen können. Dies findet sich etwa in dem vielleicht bedeutendsten Film, den sie mit Chabrol gedreht hat, in „Le Boucher“ (1970). Da spielt sie eine Lehrerin, die keine der stereotyp bürgerlichen Allüren spazieren trägt, sondern ihren Beruf, Kinder zu erziehen, sehr ernst nimmt und fest im Leben steht, wenngleich die französische Kleinstadt, in der sie lebt, zur Langeweile einlädt. Erst als sie während eines Schulausflugs die Leiche einer brutal ermordeten Frau betrachtet, sehen wir eine irritierende Gefasstheit, ja Abgeklärtheit in ihren Gesichtszügen. Als sie sich sodann sicher sein kann, dass der Mörder der ihr sehr nahe stehende Schlachter Paul Thomas ist, gesellt sich (aus dem Bedürfnis nach Freundschaft?) eine Angstlust oder eine Indifferenz hinzu, die ihrem Spiel eine beängstigende Komplexität verleiht.

Der aristokratische Gestus ging dieser Frau mit den hohen Wangenknochen und dem eleganten Gang ebenso leicht von der Hand wie Grace Kelly in den Filmen Alfred Hitchcocks, den Chabrol wie kaum einen zweiten Hollywoodregisseur schätzte. Am effektivsten findet sich dies in Luis Buñuels „Le Charme discret de la bourgeoisie“ (1972). Aber auch hier geht die Verspieltheit bis zum Komödiantischen, die ihrem Schauspiel den Reiz der Vielfalt verleiht. Die Rolle sollte eigentlich Catherine Deneuve spielen. Es verwundert nicht. Das Aristokratische gepaart mit dem Rätselhaften, das jederzeit ins Gewöhnliche und sogar Schäbige abrutschen kann, ist im Repertoire beider Schauspielerinnen zu finden.

Unter ihren späteren Rollen, von Chabrol lebte sie inzwischen getrennt, ist vor allem „Babettes Fest“ von 1987 hervorzuheben. Da spielte sie eine warmherzige Frau, die mit kulinarischen Köstlichkeiten eine durch übertriebene Religiosität verkrustete Gesellschaft wieder zum Leben erweckt und ihr zeigt, wie wichtig Genuss und Sinnlichkeit sind. Als ihre Arbeitgeberinnen erfahren, dass die Köchin ihr gesamtes Geld dafür aufgewendet hat, der Gemeinde ein opulentes Gastmahl zu bereiten, und nun mittellos ist, antwortet Babette auf die Frage nach dem Grund: „Ein Künstler ist niemals arm, solange er sein Bestes geben kann.“ Es ist ein Satz, der auch auf die Vielseitigkeit von Stéphane Audran angewandt werden konnte.


Foto aus "Die untreue Frau"/Filmconfect

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