Die Lebenden reparieren

Ein Drama um Organspende als Hymne an das Leben

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Simons Herz schlägt noch. Seine Mutter Marianne kann es in seiner Brust fühlen. Warum soll sie dann akzeptieren, dass ihr Sohn tot sei? Der Teenager war frühmorgens mit zwei Freunden beim Surfen; auf der Rückfahrt nach Le Havre verunglückte ihr Auto, wobei Simon, der nicht angeschnallt war, am Kopf schwer verletzt wurde. Jetzt liegt er, angeschlossen an Schläuche und Apparate, auf einem Krankenhausbett. Seine Organe sind intakt. Aber der Arzt hat Marianne und Simons Vater, vom dem sie getrennt lebt, mitgeteilt, dass Simon hirntot sei. Für die Ärzte bedeutet das: tot. Bald steht deshalb die Frage im Raum, ob sie bereit seien, Simons Organe frei zu geben und damit auch seinen Körper sterben zu lassen. In Paris wird derweil die etwa 50-jährige Claire von ihrer Ärztin darüber aufgeklärt, dass sich der Zustand ihres schwachen Herzens nochmals verschlechtert hat. Ihre einzige Chance besteht darin, rechtzeitig ein neues Herz transplantiert zu bekommen, bevor der kranke Muskel endgültig den Dienst quittiert. Die Mutter zweier fast erwachsener Söhne aber scheint nicht so recht zu wissen, ob sie das überhaupt will. Zwischen Resignation und Hoffnung wartet sie die weiteren Entwicklungen ab, während sie jede Anstrengung meiden muss, um ihr Herz nicht zu überanstrengen.

Werden Simons Eltern sich für die Organspende entscheiden, und werden sie es rechtzeitig genug tun, damit das Leben der ihnen unbekannten Claire gerettet werden kann? Aus dieser Prämisse hätte man ein spannendes Drama machen können. Das ist der neue Film von Katell Quillévéré durchaus, doch er ist zugleich viel mehr. Auf der Basis der gleichnamigen Romanvorlage von Maylis de Kerangal versucht die Regisseurin, das Thema Organtransplantation gleichzeitig auf fast dokumentarische, poetische und metaphysische Weise in den Griff zu bekommen; ein erzählerisches Wagnis, das Quillévéré geradezu sucht, da ein großer Film in ihren Augen auch große Risiken gerade braucht. „Die Lebenden reparieren“ ist ein solcher großer, sehr großer Film. Schon die Exposition ist ein kleines Meisterwerk: eine beglückende, zugleich aber von der Ahnung der Fragilität des Lebens durchzogene Begegnung mit dem Jungen, um dessen Herz sich der Rest des Films dreht. Die Kamera wacht mit Simon im Bett seiner Freundin auf, teilt einen verliebten Blickwechsel der beiden und folgt Simon, der sich noch vor Sonnenaufgang davonmacht und hinunter in die Stadt radelt, wo er seine Freunde trifft und mit ihnen zusammen im Kleinbus an die Küste fährt. Die Jungs werfen sich mit ihren Surfbrettern in die Brandung, hautnah begleitet von der Kamera, die von den Wellen überspült wird und mit untergeht, wobei die sinnliche Freude an der Bewegung allmählich aber auch in eine Verunsicherung übergeht. Das Wasser wandelt sich vom profanen Element zu etwas Anderem, fast Mythischem, das Leben und Erneuerung ebenso umfasst wie Tod und Zerstörung.

Solche subtilen Wechsel von Erzähltonlagen und Stimmungen gelingen der 1980 geborenen Regisseurin immer wieder. Rund um Simons Herz webt der Film einen nuancenreichen Erzählteppich, der so akkurat wie möglich versucht, das Geflecht der medizinischen Aktionen des Fachpersonals abzubilden, das für die Organisation und Durchführung einer Organtransplantation verantwortlich ist, bis hin zu den detailliert gezeigten Operationen. Zugleich beleuchtet die Inszenierung die menschlichen Dimensionen, die Trauer und den Prozess des Loslassens bei Simons Familie, die Angespanntheit von Claires Angehörigen, aber auch die Befindlichkeiten von Ärzten und Pflegern. Und: Der Film weitet den Blick für die großen, existenziellen Fragen: Wann genau hört das Leben eines Menschen auf? Was ist der Tod, und wie kann man das Ungeheuerliche des Sterbens als Teil des Lebens annehmen?

Quillévéré übernimmt viele Impulse aus der Romanvorlage, setzt aber auch eigene Akzente. Die zahlreichen Erinnerungseinschübe der Vorlage lässt sie weitgehend weg, bis auf eine wunderschöne Sequenz, in der gezeigt wird, wie Simon und seine Freundin ein Paar wurden; sie dehnt die Handlung nicht in der Zeit, sondern sozusagen im Raum aus: über die zahlreichen Protagonisten, deren Perspektive zum Tragen kommt und die in bewundernswert pointierten Porträts Kontur gewinnen. Vor allem die potenzielle Empfängerin der Organspende und die mit ihr verbundenen Menschen spielen eine größere Rolle, als das im Buch der Fall ist.

Quillévérés Kunst, die vielen Vignetten und Sinnebenen zu einer stimmigen Einheit zusammenzufügen, hängt unter anderem auch mit dem visuellen Konzept des Films zusammen. Die bewegte Kamera sorgt für einen harmonischen Erzählfluss, der nur an markanten Stellen fühlbar zum Stehen kommt; die wohldosierte, auf wenige markante Motive konzentrierte Filmmusik von Alexandre Desplat trägt zur emotionalen Strukturierung bei. So rundet sich der Film zur intensiven, schmerzlich-schönen Betrachtung des Lebens mit dem Tod – und zum Hymnus auf die Tragekraft des komplexen, professionell und privat geknüpften Netzes aus menschlicher Fürsorge.

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