Ghostland - Reise ins Land der Geister

Culture Clash: Afrikanische Nomaden besuchen Frankfurt am Main

Diskussion

Die von weither angereisten Touristen werden nach ihrer Rückkehr vermutlich erzählen, dass sie in Afrika einen Stamm kennengelernt haben, dessen Mitglieder noch ganz ursprünglich leben. Die Männer und Frauen des Volkes der Ju/'Hoansi, die am Rande der Kalahari-Wüste ein eher karges Dasein fristen, würden diese Berichte allerdings amüsieren. Denn mit ihrem wirklichen Leben haben die Darbietungen, die sie für die Urlauber aufführen, nur wenig zu tun. Dass die Dörfler im Alltag Shorts und T-Shirts tragen und ihre Lendenschürze nur noch für die weißen Gäste zum Einsatz bringen, brauchen diese ja nicht zu wissen.

Seitdem der Staat in Namibia das Jagen verboten hat und die Weidezäume der Farmer das Stammesgebiet der Ju/'Hoansi durchziehen, bleiben ihnen nur die paar Touristen, die die strapaziöse Reise in den afrikanischen Busch auf sich nehmen. Für die Buschmänner sind die Auftritts-Honorare und die Erlöse durch den Verkauf von Bastelarbeiten die einzigen Einnahmequellen. „Als wir noch jagen durften“, sagt einer, „brauchten wir kein Geld. Da war alles umsonst.“

Unterstützt werden die Ju/'Hoansi von einem in Namibia lebenden Deutschen, der für eine Hilfsorganisation arbeitet. Weil seine Schützlinge ihr Stammesgebiet noch nie verlassen haben, organisiert er für sie eine Bustour durchs eigene Land. Sie besuchen andere Stämme, staunen über deren Nutztierhaltung und sind schier sprachlos, als sie in einer Stadt einen riesigen Supermarkt betreten. Auch Getränke in Dosen, WCs und ein Swimmingpool hinterlassen auf der Rundreise nachhaltigen Eindruck. Zugleich aber machen sie sich über viele Errungenschaften der Zivilisation eher lustig, als dass sie deren Besitz erstrebenswert fänden.

Ein halbes Jahr später hat der Unterstützer im Rahmen eines Bildungsprojektes für einige Ju/'Hoansi sogar einen Flug nach Frankfurt am Main organisiert. „Sie sind nett, aber so anders. Ihre Welt muss seltsam sein“, hat einer der Buschmänner zu Beginn des Films über die weißen Besucher gesagt. Nun aber stehen die afrikanischen Touristen auf dem Dach eines Hochhauses und blicken konsterniert auf den tosenden Verkehr unter ihnen. „Wie kann man so leben?“, fragt einer und schüttelt den Kopf. Die Hektik der Großstadt, der Lärm und die Anonymität der grußlos aneinander vorbeihastenden Menschen machen sie ratlos. Keiner von ihnen käme auch nur im Entferntesten auf die Idee, in diesem reichen, aber offenbar komplett verrückten Land einen Asylantrag zu stellen.

Der Dokumentarfilm von Simon Stadler, Catenia Lermer und Sven Mehling folgt den Erlebnissen der afrikanischen Reisegruppe mit unverkennbarer Sympathie, aber auch gebotener Distanz. Solche „Clash of Culture“-Erfahrungen sind im dokumentarischen Kino so verbreitet wie im fiktionalen Film, wo die südafrikanische Produktion „Die Götter müssen verrückt sein“ (fd 23 549) schon vor fast 40 Jahren ein Überraschungserfolg war. „Ghostland“ funktioniert im Prinzip ganz ähnlich wie die satirische Parabel von Jamie Uys. Ein paar Buschmänner aus Namibia halten uns einen Spiegel vor, indem sie mit ihren Beobachtungen und Kommentaren die Fortschrittsgläubigkeit hinterfragen. Bisweilen zeugen ihre Bemerkungen von verblüffend profunden Einsichten in die Mechanismen des Kapitalismus. „Die Deutschen müssen so viele Dinge kaufen, weil sie so viel arbeiten“, sagt einer beim Besuch eines Warenhauses. Im Gegensatz zu manch anderen, ähnlich angelegten Produktionen werden die Akteure hier aber nicht in ein zivilisationskritisches Konzept gepresst. Stattdessen nehmen die Filmemacher ihre Charaktere ernst und belassen es bei Beobachtungen. Damit enthält sich der Film jeder Wertung und vergisst bei allem Unterhaltungswert der Erlebnisse der Ju/'Hoansi im Land der Geister nicht die bittere Armut, die ihr Leben in ihrer Heimat bestimmt.

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