Berlinale 2019: Jayro Bustamante über „Temblores“ (Panorama)

Ein Interview mit dem guatemaltekischen Filmemacher über evangelikale und andere fundamentalistische Umtriebe in seinem Land

Diskussion

Sein Debütfilm „Ixcanul“ brachte dem guatemaltekischen Regisseur Jayro Bustamante 2015 auf Anhieb einen Silbernen Bären ein. Jetzt ist er mit einem neuen Film wieder in Berlin. „Temblores“ ("Erdbeben") erzählt von einem Familienvater, der sich in einen Mann verliebt und dafür Gattin und Kinder verlässt. Seine Familie und seine evangelikale Gemeinde versuchen ihn auf den Pfad der Tugend zurückzubringen.


Der Film handelt von einem Menschen, der mit den strengen moralischen Vorstellungen seiner evangelikalen Gemeinde in Konflikt kommt. Welchen gesellschaftlichen Stellenwert besitzt der christliche Fundamentalismus in Guatemala?

Jayro Bustamante: Die Evangelikalen haben einen gewaltigen Einfluss. Selbst Präsidentschaftskandidaten, die bis dahin nicht als besondere religiöse Menschen aufgefallen sind, werden ab dem Moment, an dem ihre Kandidatur feststeht, superreligiös, weil das sich im Wahlkampf gut verkauft. Wenn man in ein Taxi steigt, fängt der Fahrer gleich zu predigen an und seinen Glauben zu bekennen, weil das in der Gesellschaft wieder wichtig geworden ist. Ganz neu ist das in Guatemala aber nicht. Der letzte Diktator, Ríos Montt, der wegen Völkermord verurteilt wurde, erhielt in den USA eine Ausbildung als Prediger. Das führte dazu, dass sich die evangelikalen Gemeinschaften der militärischen und politischen Macht anschlossen.


Wie kamen Sie auf diese Geschichte?

Bustamante: Die ursprüngliche Figur des Pablo habe ich kurz nach den Dreharbeiten zu „Ixcanul“ kennengelernt. Er hat mir seine Geschichte erzählt, und ich habe dann weitere Pablos gesucht und gefunden. Ich schätze, dass etwa 9 Prozent der männlichen Bevölkerung in Guatemala ihre Homosexualität unterdrücken. So kann man sein Dasein verbringen, aber die meisten, mit denen ich gesprochen habe, lebten in einer ständigen Lüge, mit einer Ehefrau und Kindern. „Temblores“ ist aber mehr als ein Film über Homosexualität. Pablos Geschichte verweist auch auf andere gesellschaftliche Probleme, auf Machismus, Unterdrückung, Sexismus und Frauenfeindlichkeit.


In Pablos Familie, die ihn mit allen Mitteln wieder auf den „rechten“ Weg bringen will, kann man Risse, Feindseligkeiten und Klassenunterschiede nicht übersehen. Wie stark spiegelt diese Familie die guatemaltekische Gesellschaft wider?

Bustamante: Ich wollte sehr dezidiert feine soziale Schichtungen und Konflikte zeigen. Guatemala ist eine fürchterliche Klassengesellschaft. Eigentlich ist das rassistisch, aber es gibt auch einen ständigen Klassendünkel; die Menschen sind extrem aufstiegsorientiert. Gleichzeitig gibt es in Guatemala aber nur wenig Möglichkeiten zum gesellschaftlichen Aufstieg. Familiäre Verbindungen und Eheschließungen sind eine Möglichkeit, den gesellschaftlichen Status etwas zu heben. Man spricht davon, die Familie „etwas weißer zu machen“; ein neues weißes Familienmitglied verbessert nach diesen Vorstellungen die „Rasse“.


Angesichts des neokonservativen Vormarsches fragt man sich, wie aktuell diese reaktionären Vorstellungen sind? Ist Homophobie nur ein Teil eines allgemeinen moralischen Rollbacks in Guatemala und Lateinamerika?

Bustamante: Sie ist Teil einer gesellschaftlichen Repression. Diese Unterdrückung ist das eigentliche Problem. Wir erleben im Moment einen extremen Rückschritt. Der Fortschritt passiert immer nur langsam, mit vielen kleinen Schritten, aber zurück geht es immer ganz schnell.


Sie beginnen Ihren Film wie ein klassisches Familienmelo. Dann bebt die Erde. Später ändert sich der Ton, er wird entspannter, undramatischer, fast dokumentarisch. War das die ästhetische Konzeption für den Film?

Bustamante: Ich war mit dem Kameramann Luis Armando Arteaga darin einig, dass wir an zwei ganz unterschiedliche Stile anknüpfen wollten. Einmal ans US-amerikanische Kino der 1970er-Jahre, und auf der anderen Seite an ein japanisches Kino, das sehr am Dokumentarischen orientiert ist. Wir wollten die konservative Familie in einem US-amerikanisch-theatralischen Duktus darstellen, mit beeindruckenden Schauspielern, das urbane Leben aber auf eine weniger dramatische, japanische Art, fast ein wenig undergroundmäßig. Beide stilistisch so unterschiedlichen Welten sind ästhetisch sehr ausgefeilt mit ihren Atmosphären, Farben und ihrer Lichtsetzung. Es sind zum großen Teil Innenräume. Nach den großartigen Naturpanorama in „Ixcanul“ mit den endlosen Außendrehs hatten wir große Lust, etwas urbaneres zu machen.


Es gibt einen Wendepunkt im Film, wenn das Familiendrama plötzlich ins Bedrohliche kippt, der Moment, als das Private nicht mehr privat ist und die Familie sich zur Mafia wandelt.

Bustamante: Der Film handelt davon, wie in einer konservativen Gesellschaft versucht wird, den Schein zu bewahren. Aber dabei, und das ist ganz typisch für Guatemala, wird Heuchelei mit guter Erziehung verwechselt. Ich erzähle, wie die Personen, als sie mit der üblichen Heuchelei und guter Erziehung nichts erreichen, zu drastischeren Mitteln greifen, indem die ganze Familie, die Kirche und die Gesellschaft miteinbezogen und Pablo alle nur möglichen Schwierigkeiten bereitet werden. Er verliert die Arbeit, er darf seine Kinder nicht mehr sehen und wird von allen Seiten angegriffen; sein Lebenspartner wird sogar zusammengeschlagen. In Gesellschaften, in denen Macht und Geld über dem Recht steht, ist alles möglich.


Welche Perspektiven hat Pablos Ehefrau Isa? An einer Stelle droht sie, mit ihren Kindern in die USA zu ziehen.

Bustamante: Viele Männer, denen es wie Pablo ergeht, haben das erlebt. Ihre Frauen und Kinder sind die in die USA gezogen, um der gesellschaftlichen Stigmatisierung zu entgehen, der sie in den Schulen oder im Freundeskreis ausgesetzt sind. Die gesellschaftlichen Kreise sind sehr eng. Wenn man scheitert, gehörst man nicht mehr dazu. Ich wollte aber auch zeigen, wie Frauen in konservativen Gesellschaften immer mehr zu den Gralshüterinnen von Familie und Moral gemacht werden und damit unter einem unglaublichen Druck stehen.


Die Gemeinde bietet Pablo eine Art Exorzismus gegen seine Homosexualität an. Wie waren Ihre Recherchen bei den evangelikalen Gruppen?

Bustamante: Die Evangelikalen entpuppten sich als viel simpler, als wir gedacht hatten. Sie sind sehr pragmatisch, haben ein Gespür dafür, was man machen kann und was nicht. Viele erzählen nur, wie wichtig es sei, zu beten und Spenden zu geben. Eine Gemeinde versprach eine Methode zur Heilung von Homosexualität, eine Art Diät. Diejenigen, die 21 Tage lang nicht rückfällig wurden, durften durch einen mit Luftballons geschmückten Bogen gehen, und die ganze Gemeinde applaudierte und jubelte. Bei manchen katholischen Gruppen redete man von den Homosexuellen als eine Art Geheimgesellschaft, die Gott und seine Schöpfung zerstören will. Besonders in den Kinos und in den großen Kaufhäusern seien sie sehr aktiv. Wenn Männer dort alleine hingehen, würden sie ergriffen und in Schwule verwandelt. Deshalb hätten die Frauen so eine große Verantwortung für ihre Söhne und Ehemänner. Das Teile der katholischen Kirche noch auf diesem Entwicklungsstand sind, hat mich überrascht; bei den Evangelikalen hingegen überrascht mich eigentlich nichts.


Am Ende schauen sich Pablo und seine Tochter schweigend in die Augen. Liegt darin eine Spur Hoffnung?

Bustamante: Ich glaube ja. Ein kleines Stück Hoffnung in der Dunkelheit. Hoffnung in die neue Generation; die alten Generationen werden nichts mehr ändern.


Foto: Berlinale

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