Berlinale 2019: Drei Filmhighlights im „Panorama“

Donnerstag, 14.02.2019

"Kislota", "Skin" & "The Souvenir"

Diskussion

Mitunter verschießt die „Berlinale“ ihr Pulver bereits in der ersten Hälfte. Das mag daran liegen, dass spätestens ab Mittwoch der zweiten Woche der EFM (European Film Market) mit seinem Keraus beginnt, viele (zumindest geistig) das Land Richtung Hollywood und „Oscars“ verlassen und alle Produzenten ihre Schätze am Liebsten um das erste Wochenende herum programmiert sehen würden. Dennoch, es gibt sie: jene Schätze der zweiten Hälfte, die das Durchhalten auch angesichts einer drohenden Reizüberflutung lohnen. Im "Panorama" heißen sie „Kislota“, „Skin“ und „The Souvenir“.


Ätzend: „Kislota“ („Acid“)

Man gibt einfach nur etwas von der klaren Flüssigkeit mit ins Wasser – und schon beginnen sich die im Bassin eingeweichten Figurinen aus einer vergangenen Epoche aufzulösen und formen in einem Kunsthappening etwas Neues, Radikales, Schemenhaftes. Vielleicht hilft es ja auch bei Pete. Sein tiefer Schluck aus der Flasche mit Säure wird nicht tödlich enden, aber er bleibt nicht folgenlos. Der russische Beitrag „Kislota“ (zu Deutsch: Säure) von Alexander Gorchilin ist ein Film über eine (männliche) Jugend, die ohne Väter aufwächst, ihrem Übervater im Kreml nichts abgewinnen kann und ziellos, wenn auch ohne finanzielle Sorgen in den Tag hinein lebt.


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Pete ist DJ und Musiker – wie sein Freund meint, kein besonders guter. Doch was soll er sonst tun, um aus dem goldenen Käfig seiner ihn erziehenden Mutter und Großmutter auszubrechen? Arbeiten? Zwischen Musik, einer schwierigen Liebesbeziehung zu einer viel zu jungen Balletttänzerin und seinem Freund mäandert sein Leben – und Alexander Gorchilins Filmdebüt. Dem gerade einmal 26-jährigen Theaterschauspieler ist ein wütendes, zum Teil noch ein wenig unbeholfen wirkendes Werk über eine auch innerlich verätzte Moskauer Großstadtjugend gelungen.


"Kislota"
"Kislota"

Kraftvoll in den Bildern und in der Körpersprache seiner jungen Darsteller. Nur wie das Ganze enden soll war dem Regisseur wohl nicht ganz klar. Es gibt viele mögliche Enden für den Film, bekannte Gorchilin selbstkritisch nach der völlig überfüllten Premiere im Cinemaxx am Potsdamer Platz. „Es könnte sein, dass ich mit meinem Ende auch nicht ganz glücklich bin.“ Aber ganz ähnlich verhält es sich mit der desillusionierten Jugend im (politischen) Moloch Russland. „Wenn du springen willst, dann spring!“


Atavistisch: „Skin“

Ein Film zur richtigen Zeit! „Skin“ spielt nach der Jahrtausendwende in der US-amerikanischen Provinz. Dort, wo sich die Weißen ein Amerika unter Obama nicht vorstellen und die Macht ihrer Rasse ewig manifestiert sehen wollen. In diesem Klima avanciert Bryon Widner (Jamie Bell) zu einem der führenden Köpfe der „White Power“ im Mittleren Westen. Sein Kopf kahlgeschoren und mit martialischen Tattoos übersät, gilt er als „Pitbull“ in der Organisation, der voller Verve und bösem Charisma von Mutter Shareen und Vater Fred geleitet wird. Doch mit der Liebe zu Julie und ihren drei Töchtern bröckelt die Festung aus Hass und Gewalt, in der Byron sich all die Jahre seiner Jugend verschanzt hat. Doch ein Ausbruch aus den paramilitärischen Strukturen der Bewegung scheint unmöglich.

Man erkennt ihn unter der Fratze aus Hass und Tinte fast nicht wieder: Jamie Bell, der einst als tanzender Arbeiterjunge „Billy Elliot“ zum Zuschauerliebling avancierte und mit „Hallam Foe“, „Snowpiercer“ und „Film Stars Don't Die in Liverpool“ dem Arthouse-Film treu blieb. „Skin“ markiert nun einen weiteren Höhepunkt seiner Kariere: Die Verkörperung des Aussteigers Bryon Widner, der zum Kronzeugen der Polizei avancierte und unter der Obhut eines Zeugenschutzprogrammes seine Ganzköper-Tattoos weggelasert bekam, ist eine wahrhafte Grenzerfahrung – für den Darsteller und das Publikum. Der israelische Regisseur Guy Nattiv, dessen gleichnamiger (aber thematisch nur vage verwandter) Kurzfilm gerade für den „Oscar“ nominiert ist, hat einen ungeheuren Film gedreht: über menschliche Abgründe und die unmenschlichen Anstrengungen, diese zu überwinden. Ein Film voller Wut und Gewalt und brillanten Darstellern. Ein ganz besonderer Coup ist neben Bell auch Vera Farmiga, die voller manischer Hingabe die Nazi-Übermutter Shareen spielt.


Ätherisch: „The Souvenir“

Wut kann nicht nur nach Außen unglaublich zerstörerisch sein. Nach innen gerichtet, zerfrisst sie den Menschen ebenso unbarmherzig. Als Julie das erste Mal Anthony in einem distinguierten Restaurant zum Tee trifft, lernt sie einen kaum aus sich herauskommenden, um gewählte, aber nicht immer passende Worte ringenden jungen Mann kennen, die das Weltbild eines Exzentrikers offenbaren. Die junge Britin aus gutem Hause erzählt ihm mit zurückhaltender Empathie von ihrem Filmprojekt, das die Studentin in den nächsten Wochen zu realisieren gedenkt. Beide verbindet eine gewisse Seelenverwandtschaft, wie sie im Laufe ihres Zusammenseins feststellen. Sie will aus dem goldenen Käfig ihrer gesellschaftlichen Stellung, ihrer wohlbetuchten Familie mittels ihrer (immens teuren) Super-8-Kamera ausbrechen. Er versucht in einer Gesellschaft mitzuhalten, in die er nicht hineingeboren wurde.


"The Souvenir"
"The Souvenir"

Beide suchen im Gegenüber einen Kumpanen, eine Vebündete. Zunächst intellektuell, dann peu à peu auch immer körperlicher. Während es Julie – wissend, im Zweifel immer auf die Börse ihrer Mutter zurückgreifen zu können – einfach fällt, den künstlerischen Rebellen zu geben, verfällt Anthony – wissend, den (finanziellen) Anforderungen dieser Rebellion nicht gewachsen zu sein – zunehmend in eine innere Agonie und den Drogen. „The Souvenir“ gehört sicherlich zu den ungewöhnlichsten Liebesgeschichten, die das Kino in diesem Jahrtausend hervorgebracht hat. Nicht unbedingt aufgrund des britischen Understatements, mit dem die 58-jährige Britin Joanna Hogg in ihrem vierten Film von einer großen (Beziehungs-)Tragödie erzählt, die ihren Titel von einem kleinen Gemälde von Jean-Honoré Fragonard erhält, das allegorisch für das tiefe Glück einer platonisch Liebenden steht.

Vor allem beeindruckt die unglaublich präzise Schauspielerführung, die Honor Swinton Byrne, die ätherisch agierende Tochter von Tilda Swinton (sie spielt im Film ebenfalls ihre Mutter), in ihrer ersten Hauptrolle ins Zentrum stellt. Auch die von David Raedeker in einer betörenden Morbidität eingefangen Bilder machen die Chronologie einer scheiternden Beziehung so eindringlich. Der Film scheint auf faszinierende Weise aus der Zeit gefallen. Anfang der 1980er-Jahre spielend, vom Dekor und den Kostümen mitunter aber aus längst vergangener Zeit scheinend, ist „The Souvenir“ ein bemerkenswertes Beispiel dafür, das Tragik, Wut und Ernsthaftigkeit auch in aller Stille die Leinwand fluten könnnen – und dabei nicht minder nachhaltig wirkt.



Fotos: oben: aus "Skin" (© Berlinale). Andere Fotos: © Studio SLON ("Kislota")/ © Agatha A. Nitecka ("The Souvenir")

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