Berlinale 2019: „Synonymes“ gewinnt „Goldenen Bären“

Sonntag, 17.02.2019

Der Film des israelischen Regisseurs Nadav Lapid ist eine gute Wahl in einem eher schwächeren Wettbewerb

Diskussion

Ein Israeli landet in Paris und will Franzose werden. Schnellund ohne Umwege. Doch die Vergangenheit, seine Herkunft und Prägung lassen sich nicht einfach abstreifen. In dem verblüffenden Versuch einer Assimilation, ersonnen und inszeniert von dem israelischen Regisseur Nadav Lapid, erkannte die Jury bei der „Berlinale“ ihren Siegerfilm – Migration aus der Perspektive eines Ankommenden. Ein kluge Entscheidung.


Da kommt einer nach Paris und läuft mit gesenktem Kopf durch die Straßen. Sightseeing interessiert den jungen Mann nicht. Yoav (Tom Mercier) ist kein Tourist. Er will Franzose werden, ohne Umwege, schnell, waschecht, radikal. Seine israelische Herkunft will er vergessen, geradezu eliminieren.

Ein verzweifeltes Projekt, wie schon die Anfangsszene von „Synonymes“ zeigt: Yoav, frisch gelandet aus einem Land, das nur milde Winter kennt, strandet nachts in einer ihm fremden, unmöblierten Pariser Wohnung, stolpert durch kalte Flure. Aus dem Hahn der Badewanne fließt wenigstens heißes Wasser, doch als Yoav aus der Wanne steigt, sind seine Habseligkeiten verschwunden.



Vor dem Erfrieren wird der junge Israeli durch ein gleichaltriges französisches Paar gerettet, das in einer Nachbarwohnung lebt. Sowohl auf Caroline (Louise Chevillotte) wie auf Emile (Quentin Dolmaire) scheint Yoav eine starke – auch erotische – Faszination auszuüben. Die beiden neuen, gutbetuchten Freunde helfen dem Migranten Fuß zu fassen. Doch Yoav will letztlich aus eigener Kraft Franzose werden, zieht in eine zugige Dachkammer, kocht sich jeden Tag Spaghetti mit Tomatensoße aus dem Discounter und paukt französische Vokabeln.


Innen und außen

Doch Yoav stößt immer wieder an die Innengrenzen seiner jüdischen Identität. „Synonymes“ ist ein Film über das absurde Unterfangen der Selbstverleugnung. Zugleich kritisiert die Tragikomödie auch politische Naivität und Hybris – wenn Yoav, zwischenzeitlich bei der israelischen Botschaft beschäftigt, einfach die Schranke für alle Antragsteller öffnet, um sich als Befreier aufzuspielen. „Es gibt keine Grenzen!“, ruft er in heldenhafter Emphase.

„Berlinale“-Gewinner sind meistens Überraschungssieger. Ganz unverhofft kommt der „Goldene Bär“ für Nadav Lapids fesselnde, gegen Ende vielleicht etwas ausfransende Filmerzählung aber nicht. „Synonymes“ besitzt ein Alleinstellungsmerkmal: der einzige Wettbewerbsbeitrag, der sich mit dem Migrationsthema beschäftigt – aus der Perspektive eines Ankommenden.

Alle anderen Figuren der Wettbewerbsfilme haderten mit Problemen ihrer jeweiligen Heimat. Einige Figuren verweigerten sich dem Anpassungsdruck, die kleine Benni in „Systemsprenger“ oder die auf Kirche und Staat pfeifende Mazedonierin in „God Exists, Her Name Is Petrunya“. Andere waren sich selbst entfremdet – wie Lola, die von Burnout bedrohte Unternehmensberaterin in „Der Boden unter den Füßen“.



Anders jedoch Yoav in „Synonymes“, der sich mit vollem (Selbst-)Bewusstsein umzuprogrammieren beginnt. Mitunter wirkt er dabei wie eine Eliza Doolittle (aus George Bernard Shaws „Pygmalion“), die auf ihren Trainer Professor Higgins verzichten kann. In der Spannung zwischen Erwartung und Realität, in den Friktionen, die sich aus der alles andere als reibungslosen, verbissen vorangetriebenen und daher letztlich nicht gelingenden Assimilation ergeben, liegt die Qualität des Films.


„Napoleon, Zidane und ein paar Godard-Filme“

„Synonymes“ modifiziert reale Erlebnisse des Regisseurs: Nadav Lapid, seiner israelischen Heimat entfremdet, wollte in Paris neu anfangen, ohne bis auf seine „Bewunderung für Napoleon, meine Leidenschaft für Zidane und ein paar Godard-Filme, die ich zwei Monate zuvor gesehen hatte“ allzu viel Vorwissen über Frankreich mitzubringen, wie der Regisseur erklärt. Wie Yoav im Film lernte Lapid ein französches Wörterbuch auswendig, um sich mittels Sprache in einen anderen Menschen zu verwandeln.



„Ich denke, dass die Sprache das Innerlichste ist, was wir haben und was wir ändern können“, sagt Lapid. Was man nur bedingt verändern könne, seien der Körper und die ihm eingeschriebene individuelle Geschichte. Ein schöner, tröstender Gedanke: Der Körper steht den hochfahrenden Konzepten, die wir für unser Leben entwerfen, im Weg. Die Idee wird zu großartigem Kino, weil der Regisseur in Tom Mercier einen Hauptdarsteller fand, der das ausfüllen kann: einen israelischen Ex-Soldaten, traumatisiert, von der Heimat angeekelt, aber vor Energie beinahe explodierend. Der aus seiner Haut will – und sich zumindest immer wieder seiner Kleider entledigt. Einen Teil seiner Auftritte absolviert Mercier nackt, was angesichts seiner eruptiven Darstellungskraft dennoch nie gewollt wirkt.

Dass Yoav für die Anderen häufig als Projektionsfigur erotischer Wünsche dient, kulminiert in einer Szene, in der der durchtrainierte Israeli sich für einen Fetisch-Fotografen den Finger in den Hintern steckt – um dann, auf Wunsch des Auftraggebers, lustvolles Israelisch von sich zu geben. Mercier, der für seine Debütrolle von der Schauspielschule weggecastet wurde, spielt diese und andere Szenen so authentisch, tänzerisch, mit sprühender, zum Ende hin auch bedrohlicher Energie, dass man ihm jetzt schon eine große internationale Karriere voraussagen kann.


Durch die Wand gehen wollen

„Synonymes“ ist eine gute Wahl in einem qualitativ insgesamt schwachbrüstigen „Berlinale“-Jahrgang. Man will den Film unbedingt ein zweites Mal sehen, um seinen motivischen Verästelungen nachzuspüren. Bis ins Visuelle, teilweise mit wackelnder Handy-Kamera gedreht, sich dann wieder in trügerisch-warmen Bildern beruhigend, um erneut in nervöse Spannung zu geraten, manifestiert sich der Gestus des Durch-die-Wand-Gehen-Wollens seiner Hauptfigur.

Das Thema der künstlichen Identität, das sich durch einen „Handel“ zwischen Emile und Yoav anklingt – der mit Schreibblockaden kämpfende französische Jungdichter darf die persönliche Texte des Migranten benutzen – kommt auch in der Musik zum Tragen: Emiles Freundin, die Musikerin Caroline, übt auf der Oboe Musik von Domenico Cimarosa. Für Oboe sind die Melodien aber gar nicht geschrieben worden. Als Oboenkonzert in c-Moll wurde 1942 eine Kompilation aus Cembalosonaten des 1801 verstorbenen Cimarosa veröffentlicht. Der Komponist (oder Arrangeur) hieß Arthur Benjamin. Trotzdem handelt es sich um großartige, stimmige Musik. Wie auch Yoav ein stimmiger und auch sympathischer Charakter ist. Sein Versuch, die eigene Lebensmelodie umzuschreiben, ist trotzdem zum Scheitern verurteilt.

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