Albert Finney (9.5.1936-7.2.2019)

Montag, 18.02.2019

Ein Nachruf auf den britischen Schauspieler

Diskussion

„The most elusive thing in films is that you try to give it the breath of life.“

(Albert Finney)


Albert Finney wurde mit „Samstagnacht bis Sonntagmorgen“ (1960, Regie: Karel Reisz) so etwas wie der Vorzeige-Proletarier des englischen Free Cinema. Das Milieu kannte er von seiner Familie, aber was seiner Gestaltung Wucht gab, waren die Jahre davor in Stücken von Shakespeare. Sein Arthur ist nicht nur ein Vollblut-Schauspieler, der einen Proletarier spielt, er ist abwechselnd auch Falstaff, Ned Poins, Bardolph, Peto und Hamlet. Alle seine hochtrabenden Ausbruchsversuche, gescheiterten Fluchten und zornigen Auflehnungen gegen das vorbestimmte Klassenschicksal scheitern kläglich mit einem symbolischen Steinwurf.

Drei Jahre später kommt „Tom Jones“, fast ein Geniestreich von Tony Richardson und John Osborne, die sich zusammentun und Fieldings gleichnamigen Roman von 1749 modernisieren. Mit Albert Finney wählen sie einen Hauptdarsteller, der es versteht, einer über 200 Jahre alten Figur eine Präsenz zu geben, wie man es im Historienfilm noch nicht gesehen hat. Kein edler französischer Musketier und kein verkleideter Hollywood-Star, sondern ein saftiger Haudegen und Weiberheld des aufkommenden Hippiezeitalters. Schlagartig wurde Finney zum Weltstar. Und in Susannah York hatte er eine Partnerin, die ihm kongenial die Bälle zuwarf. Für ein paar Jahre betätigte sich Finney auch als Produzent, bis es ihm zu langweilig wurde. Aber er ebnete in dieser Zeit eine ganze Reihe wichtiger Karrieren: Peter Watkins, Stephen Frears, Lindsay Anderson, Tony Scott, Mike Leigh.

In der Agatha-Christie-Verfilmung "Mord im Orient-Express" bewies Albert Finney seine Wandlungsfähigkeit als Meisterdetektiv Hercule Poirot.
In "Mord im Orient-Express" schlüpfte Albert Finney in die Rolle des Meisterdetektivs Hercule Poirot.

Der Hercule Poirot des Kinos ist Peter Ustinov. Aber es gibt einen, der ihm das Wasser reichen kann. Das ist Albert Finney in „Mord im Orient-Express“, 1974 von Sidney Lumet inszeniert. In diesem differenzierten Kammerspiel zeigt Finney alle seine Facetten als Manipulator, Rhetoriker und Psychologe. Finney, mit seinen buschigen Augenbrauen, seinem strengen Blick und seinem legendären Seltenheitswert, wird zusehends zum Darsteller für komplexe Rollen oder schwergewichtige Nebenrollen. 1976, in „Die Duellisten“ von Ridley Scott, spielt er den berühmt-berüchtigten Polizeiminister Fouché. 1981, zu einem Zeitpunkt, als gerade die ersten PCs aufkommen, kämpft Finney in einem Science-Fiction-Thriller gegen einen Verbrecher, der mit Künstlicher Intelligenz arbeitet: „Kein Mord von der Stange“ von Michael Crichton. Die Story wurde damals viel belächelt, aber wird inzwischen immer aktueller.

In den 1980er-Jahren folgen mehrere Familiendramen. In „Du oder beide“ von Alan Parker (1981) spielt Finney einen erfolgreichen Schriftsteller mit einem ruinierten Familienleben. Und in „Orphans“ von Alan J. Pakula (1987) wird er von zwei Brüdern mit Hospitalismussyndrom gekidnappt, für die er zum Ersatzvater wird. Finney, noch in den besten Jahren, übernimmt bereits die Rollen älterer Herren. In „Ein ungleiches Paar“ (Peter Yates, 1983) spielt er sogar einen todkranken „King Lear“-Darsteller. Eine Tour de force zwischen Demenz und Altersavantgarde. Finney, nicht zu vergessen, war zwischenzeitlich immer wieder auch auf englischen Bühnen zu sehen. Das Spätwerk von John Huston sieht ihn als grummelnden, schnaufenden und bramarbasierenden Alten mit roter Nase, im Musical „Annie“ von 1982 und im Alkoholiker-Melodram „Unter dem Vulkan“ (1984). John Huston scheint in Finney auch so etwas wie ein Alter Ego gefunden zu haben.

1990 spielt Finney in „Miller’s Crossing“ für Joel und Ethan Coen einen alternden Gangsterboss. Skurril, grotesk und wie eine postmoderne Parodie auf die Parodie, Marlon Brando revisited. Finney rutscht langsam in das Fach des verbitterten Alten. „Schrei in die Vergangenheit“ (1994, Mike Figgis), „Stürmische Begegnung“ (1995, Peter Yates), „Washington Square“ (1997, Agnieszka Holland). Und Alan Rudolph setzt ihn als alternden Schriftsteller in einer Krise ein, der das Opfer seiner eigenen großtrabenden Werke wird („Breakfast of Champions“, 1999).


Als irischer Pate in "Miller's Crossing".
Als irischer Pate in "Miller's Crossing".

Eine längere Zusammenarbeit mit Steven Soderbergh beginnt 2000 mit einem Paukenschlag als Anwaltsboss von Erin Brockovich in dem gleichnamigen Film. Er kämpft mit seiner schwierigen Mitarbeiterin fast genauso zäh wie mit dem Umweltskandal, den sie aufdeckt. Es folgen „Traffic“ (2000) und „Ocean’s 12“ (2004). Finney behauptet sich hier in einem Überangebot von Stars als bärbeißiger Charakterdarsteller und Strippenzieher. Tim Burton verwandelt in „Big Fish“ (2003) eine fabulierfreudige Fabel in eine pikareske Lebensgeschichte. Finney spielt die Hauptfigur als uralten Mann, fast versteinert.

In den Bourne-Filmen von 2010 und 2012 fällt Finney die Rolle des Advocatus diaboli zu; inzwischen fast von Orson Welles’scher Statur wirkt er wie das Böse selbst. Doch seine Alterskarriere findet noch ein paar hübsche Wendungen. In „Ein gutes Jahr“ (Ridley Scott, 2006) darf er den gütigen Onkel spielen, in „Amazing Grace“ (Michael Apted, 2006) einen zum Abolitionisten konvertierten Sklavenhändler. In „Before the Devil Knows You’re Dead”, dem Alterswerk von Sidney Lumet (2007), steckt er in einer grotesken Familientragödie. Schwitzend und wankend, rächend und strafend tötet er schließlich seinen eigenen Sohn.


In "Erin Brockovich" spielte Finney den Chef einer Anwaltsgehilfin, die einen Umweltskandal aufdeckt.
In "Erin Brockovich" spielte Finney den Chef einer Anwaltsgehilfin, die einen Umweltskandal aufdeckt.

Albert Finney ist seinen Wurzeln immer treu geblieben. Eine Erhebung in den Adelsstand hat er vehement abgelehnt. Seine Rollen haben immer etwas vom erfolgreichen Proleten. Seine letzte Rolle, in „Skyfall“ (Sam Mendes, 2012), ist die eines Mentors von James Bond, der Wildhüter seines Elternhauses. Als uralter Mann muss er den gealterten James Bond retten. Ein runder Schluss für eine Schauspielerkarriere, die vom „Kitchen sink“ über Musicals und Shakespeare bis zu postmodernen Grotesken nichts ausgelassen hat.



Fotos: MGM, United Artists, Fox, Sony

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