Zum Tode von Bruno Ganz (22.3.1941-16.2.2019)

Dienstag, 19.02.2019

Ein Nachruf auf den Schweizer Schauspieler

Diskussion

Zu Ehren von Bruno Ganz (1941-2019) hat arte am 20.2. das Programm geändert und zeigt Wim Wenders' Spielfilm "Der Himmel über Berlin" (20.15-22.15), in dem Bruno Ganz aus Liebe zu einer Frau sein Engel-Dasein aufgibt, sowie die Dokumentation "Bruno Ganz - Ein europäischer Schauspieler" (22.15-23.10) und eine Aufzeichnung vom Lucerne Festival 2012, wo der Darsteller im Rahmen einer Aufführung von Beethovens "Egmont" aus dem gleichnamigen Drama von Goethe rezitiert (23.10-23.45).

Der Schweizer Bruno Ganz prägte das europäische Kino wie kaum ein anderer deutschsprachiger Schauspieler. Sein ruhiges, vielschichtiges Spiel umgab eine besondere Aura, die es weit über die einzelnen Rollen hinaus zum Ereignis machte. Ein Nachruf:


Auf dem Pausenhof haben wir ihn imitiert; eine dieser Jugendsünden, für die man sich später schämt. Den Scheitel hingekämmt, den Schnauzer mit dem Finger über der Oberlippe angedeutet, den gebeugten Gang, das Geschrei, das rollende „R“, die gewaltvolle Gestik. Ich weiß nicht mehr, ob wir Bruno Ganz nachgemacht haben oder Hitler. Vor unserem geistigen Auge waren wir aber mehr Ganz als Hitler. Das Bild war uns näher, dieser verschwitzte Mann, herumfuchtelnd, bitter und schwer in seinem Bunker.

Wir hatten uns im Unterricht darüber unterhalten, über den Film „Der Untergang“. Vielleicht auch, weil meine Schule den Namen Wernher-von-Braun-Gymnasium trug. Eine fragwürdige Benennung, die nach meiner Schulzeit aufgehoben wurde. Wir haben uns darüber unterhalten, was es bedeute, Hitler zu spielen, ob so etwas ginge. Auch wenn ich mich vor und mit meinen Freunden über die Darstellung amüsierte, so wuchs doch ein Unbild von Bruno Ganz in mir heran, etwas Monströses, eines Mannes, der sich mit Hitler identifiziert haben soll. Darf man das? Soll man das? Das war wirklich ein Thema in der Schule und zuhause am Abendtisch.

Erst als kurze Zeit später Christoph Maria Herbst in „Der Wixxer“ als Alfons Hatler parodistisch mit der Figur umging, gab es neue Sätze, die wir zitieren konnten, alles etwas abstrakter; man spürte nicht diese Dunkelheit unter dem eigenen naiven Spaß. Aber wenn wir Bruno Ganz sahen, egal in welcher Rolle, egal unter welchen Bedingungen, sahen wir immer auch etwas von Hitler.

Die schwere Last der Rolle Adolf Hitlers: Bruno Ganz in „Der Untergang“.
Die schwere Last der Rolle Adolf Hitlers: Bruno Ganz in „Der Untergang“.

Es sind diese Bilder, die man sich als Jugendlicher macht, die einem nur schwer entweichen. Lag es an der schauspielerischen Leistung oder an äußeren Ähnlichkeiten? An der geschichtlichen Präsenz des Vorbilds oder dem gebrochenen Tabu?

Den „Untergang“ hat man schon längst vergessen, doch die Darstellung ist geblieben. Vielleicht auch besser so. Später dann, längst der Schule entkommen, wollte ich wirklich Bruno Ganz sein. Ich hatte ihn als Schauspieler entdeckt. Zunächst in „Der Himmel über Berlin“, dann in „Die Marquise von O…“. Diese geheimnisvolle Aura, das gelebte Leben in jedem Schritt. Hinter seinem Blick ein Meer und ein Schmerz. Seine Stimme durchdrang mich, diese Ruhe und Bestimmtheit, die Möglichkeit einer plötzlichen, meist schmerzvollen Explosion. Etwas in seinem Spiel vermied die einfache Identifikation, den zu leichten Blick, er flirtete nicht mit der Kamera. Und diese Mäntel, die er immer getragen hat in all den Filmen! Ich begann zu verstehen, dass Hitler nur eine Rolle war für Bruno Ganz. Er war es ja geworden für mich, vor mir. Aber da waren auch die Fabers, Werners, Hoffmanns und Zimmermanns. Da war ein Schauspieler, der die Welt zu bereisen schien, ein europäischer Schauspieler. In „Die Ewigkeit und ein Tag“ von Theo Angelopoulos verbrüdern sich die elegischen Kamerabewegungen mit dem Gang des Schauspielers, sein Hipsterbart, sein Blick in die vergangene Zukunft; da war jemand, den man in jenen Gefühlen verstehen konnte, die sonst leicht aufgesetzt oder klischeebeladen gespielt werden, da war ein Körper für meine Sorgen.

Die Wörter sprach er jedes für sich. Ich hörte die deutsche Sprache ganz neu durch ihn, sie schien mir weniger natürlich, aggressiver, weniger klar. Beinahe dekonstruierte der gebürtige Schweizer dieses Hochdeutsch. Zuerst spielte Bruno Ganz, dann erst war er im Film. Das ist wichtig zu verstehen, glaube ich. Seine Präsenz im Kino hatte immer etwas von einem Fremden, jemandem, den die Kamera beim Spielen registrierte, nie jemand, der für die Kamera existierte. Was ist das, ein Volksschauspieler? Bruno Ganz vermittelte das Gewicht des Spiels, eine gewisse Würde, die in manchen Fällen so wirkte, als wäre das Kino seiner nicht wert – insbesondere, wenn er es auf einen Sprung nach Hollywood oder das Arbeiten in der Eichinger-Fabrik absah. Ein komisches Gefühl, wahrscheinlich trügerisch.

Bruno Ganz in der Romanverfilmung „In Zeiten des abnehmenden Lichts“.
Bruno Ganz in der Romanverfilmung „In Zeiten des abnehmenden Lichts“.

Ich habe ihn nie am Theater gesehen, aber es überrascht mich nicht, dass er mit Peter Zadek, Klaus Michael Grüber oder Peter Stein gearbeitet hat. Auch wenn das sehr unterschiedliche Regisseure sind, so stellen sie doch alle besondere Anforderungen an Sprache und Körper der Darsteller, sie fordern das Deutschsein heraus. Was hat mir dieser Schweizer nicht alles über das Deutschsein vermittelt?

In Peter Handkes „Die linkshändige Frau“ sagt Bruno Ganz in niedergeschlagen-nüchterner Intonation: „Es sirrt alles in mir nur so vor Glück.“ In der Folge sieht man ihn zusammen mit seiner Liebe, gespielt von Edith Clever. Wortlose Nähe, ruhige Zärtlichkeit. Er schlägt einen Purzelbaum. So sieht das Glück aus? Auch in diesem Film gibt es wieder wundervolle, im Wind wehende Mäntel, die von diesen Schultern hängen, als wären sie ein Teil des Körpers, der sie trägt. Ich glaube, dass ich mir meinen ersten Mantel gekauft habe, nachdem ich Bruno Ganz gesehen hatte. In seiner inneren Ruhe liegt ein Gestus der Auflehnung. Wie in den ersten Minuten von „Messer im Kopf“, als er in unaufhaltsamer Bestimmtheit durch die Straßen geht. Ja, ein wenig will ich immer noch Bruno Ganz sein. Jemand, der sich an einen Tisch setzt, einen schüchtern, aber bestimmt ansieht und das Gewicht der Welt spüren lässt.

Zum Abschluss, der kein Abschied ist, weil die Rollen bleiben, noch ein Zitat von Peter Handke aus seinem Journal „Das Gewicht der Welt“. Es muss nichts mit Bruno Ganz zu tun haben, könnte aber: „Nach einigen Stunden der Wahrhaftigkeit, obwohl diese weiter anhielt, kam es mir so vor, als ob ich diese nur mehr spielte; nur mehr durch Spielen auch aufrechterhalten könnte!“


Fotos: StudioCanal, Constantin, Warner

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