Im Porträt: Sam Rockwell

Donnerstag, 21.02.2019

Eine Annäherung an den US-amerikanischen Charakterdarsteller, der immer mehr einen Weg aus seiner überschießenden Virtuosität findet

Diskussion

Folgt auf den „Oscar“ als bester Nebendarsteller, den der US-Schauspieler Sam Rockwell für „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ 2018 mit nach Hause nahm, nun ein zweiter? Für seinen Part als George W. Bush in „Vice – Der zweite Mann“ ist der 1968 geborene Virtuose erneut nominiert. Anlass für eine Passage entlang der Filmauftritte eines Ausnahmedarstellers.


In einem Interview aus dem Jahr 2017 erzählte Sam Rockwell nicht ohne Belustigung, wie es ihm ergeht, wenn er an seinem Wohnort im East Village in Manhattan in die U-Bahn steigt. Die Passanten erkennen ihn zwar, wissen aber nicht so recht, wohin mit ihm. Rockwell registriert immer mal wieder einen zwischen angestrengtem Nachdenken und leichtem Frust changierenden Gesichtsausdruck, wenn der Groschen nicht fallen will. Er selbst, so steht zu lesen, runzle dann auch leicht die Stirn. Man kann sich beides sehr gut vorstellen, die Impression wie den Ausdruck.

Der Erfolg von Three Billboards Outside Ebbing, Missouri (2017) mit dem „Oscar“ als bester Nebendarsteller wird an dieser Situation nicht viel geändert haben, zumal sich Rockwell für die Rolle des rassistischen Polizisten Dixon eine paar Pfunde draufgesattelt und zudem die sonst zuverlässig widerspenstige Frisur militärisch kurz geschoren hatte. Rockwells Leistung in diesem Film war indes so beeindruckend, dass sie neugierig machte, die gesamte Karriere des Schauspielers zu rekapitulieren. Die führt nämlich zurück bis in jene Zeit, als man auf die neuesten Filme von Hal Hartley oder Allison Anders wartete.


"Oscar"-prämiert: Sam Rockwell als hitzköpfiger Cop mit Frances McDormand in "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri"
"Oscar"-prämiert: Sam Rockwell als hitzköpfiger Cop mit Frances McDormand in "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri"

Mischung aus Melancholie und Lust an der Körperlichkeit

Im Alter von zehn Jahren stand Sam Rockwell (Jahrgang 1968), Sohn zweier Schauspieler, zum ersten Mal auf der Bühne, an der Seite seiner Mutter Penny Hess. Nach der Scheidung der Eltern pendelte Rockwell zwischen New York und Kalifornien, nahm Schauspielunterricht und versuchte mit ein paar Kurzauftritten in Filmen wie „Turtles“ (1990), Letzte Ausfahrt Brooklyn (1989), „Strictly Business“ (1991), „In the Soup“ (1992), Light Sleeper (1992) oder Basquiat (1996) einen Fuß in die Tür zu bekommen.

Es war dies jene krisenhafte Übergangszeit, in der das Verhältnis zwischen den US-Majors und dem Independent-Lager neu ausgehandelt wurde und die „Mainstreamisierung“ des unabhängigen Filmschaffens einsetzte. Rockwell arbeitete mit Regisseuren wie Alexandre Rockwell oder Paul Schrader und hatte einen ersten größeren Auftritt als „Kid“ in Tom DiCillos Box of Moonlight (1996). In diesen Filmen trat Rockwell bevorzugt als „juvenile delinquent“ in Erscheinung, gerne auch mit Neigung zum extraordinären Kostüm. Neben Willem Dafoe in „Light Sleeper“ brauchte es eine übergroße rote Lederjacke, neben John Turturro in „Box of Moonlight“ schon ein hippieskes Trapperkostüm, um sich in die Erinnerung(en) des Publikums einzuschreiben.

Rückblickend erkennt man recht deutlich, dass Rockwell sich im Laufe der Jahre vor allem um Rollen bemüht hat, die ihm einen gewissen Freiraum für eine prägnante Performance seiner eigentümlichen Mischung aus Melancholie und Lust an der Körperlichkeit ließen. Mit einer gewissen Vorliebe für Außenseiter-Figuren, die je nach Anlage mal als liebenswert-verschroben, mal als sinister, mal als exzentrisch angelegt sein können, erarbeitete sich Rockwell ein Repertoire an Arbeitsmöglichkeiten, bei denen das Budget der Filme nicht sonderlich bedeutsam war. Rockwell scheute das Mainstream-Kino nicht, aber er suchte es auch nicht.


Der Schauspieler Rockwell ist immer auch Fan

Wichtiger als Genre und Sujet des jeweiligen Films scheint Rockwell jedoch das Ensemble gewesen zu sein, auf das er bei Dreharbeiten zu treffen gedachte. In einschlägigen Interviews mit dem Schauspieler findet sich immer wieder der Ausruf: „What a cast!“


Es kommt drauf am, mit dem man spielt: Sam Rockwell u. das Cast von "7 Psychos"
Es kommt drauf an, mit wem man spielt: das Cast von "7 Psychos", Olga Kurylenko, Christopher Walken, Colin Farrell, Sam Rockwell, Abbie Cornish, Tom Waits, Woody Harrelson (v.l.n.r.)

Tatsächlich liest sich die Liste derer, mit denen Rockwell im Laufe der Jahre gedreht hat, wie ein Who‘s Who der Schauspieler-Schwergewichte. Als Kollege ist Rockwell auch immer ein Fan. So schwärmt er geradezu für Gary Oldman („Basquiat“), Woody Harrelson, Frances McDormand („Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“), Steve Carell („Ganz weit hinten“), Christopher Walken („7 Psychopaths“). Aber auch wenig interessante oder substanzielle Filme wie „Glory Daze“ (1995) oder „Jerry & Tom“ (1998) zeigen Rockwell in hochkarätigen Ensembles an der Seite von Ben Affleck, Megan Ward, John Rhys-Davies, Matthew McConaughey oder William H. Macy. Und Filme wie Michael Hoffmans Ein Sommernachtstraum (1999) oder Frank Darabonts „The Green Mile (1999) präsentieren solche Allstar-Ensembles, dass selbst ein kurzer Auftritt als psychopathischer Killer „Wild Bill“ Wharton in Erinnerung bleibt.


Der Mann mit den Moves

Im ironisch überkandidelten Pop-Action-Märchen 3 Engel für Charlie (2000) agiert Rockwell zwar als cool-boshafter Gegenspieler des titelgebenden Trios, findet sich aber zugleich an der Seite von Bill Murray und Crispin Clover wieder. Was von Eric Knox jedoch vorzüglich in Erinnerung bleiben wird, sind seine „funky“, an James-Brown-Performances geschulte Tanzeinlagen, die der begnadete Tänzer Rockwell in der Folgezeit bei jeder passenden wie unpassenden Gelegenheit zum Besten gab und zu einer Art von Markenzeichen entwickelte. Ähnlich wie im Falle von Christopher Walken („Weapons of Choice“) genießen diese Tanzeinlagen Rockwells in Geständnisse– Confessions of a Dangerous Mind (2002), Tricks (2003), Moon“ (2009), Iron Man 2 (2010), Betty Anne Waters (2010/11) oder Mr. Right (2015) Kultstatus. Mal sind diese Tanzeinlagen ein verschwenderischer Gimmick, mal dienen sie eher der Figurenzeichnung, mal scheint – wie im Falle von „Mr. Right“ – der ganze Film um den Einfall herumgebastelt zu sein, dass ein Killer seinen Job mit der Anmut eines Tänzers erledigt und nebenher noch eine Liebesgeschichte auf den Weg bringen kann. Jimmy Fallon brachte es einmal auf den Punkt: „Sam Rockwell got Moves!“

Rockwells Manierismen wohnt eine Tendenz zur Selbstgenügsamkeit inne, wenn man ihn an der langen Leine spielen lässt. Er hat von sich selbst als Streber gesprochen, den seine Arbeit derart erfülle, dass an Engagements jenseits der Schauspielerei nicht zu denken sei. Er sei halt ein Arbeitstier, weshalb die Bevölkerung Haitis lieber auf Sean Penn setzen solle.

Wiederholt wurde allerdings beklagt, dass die Zuschauer mitunter mehr die Virtuosität Rockwells bestaunen als die von ihm gespielte Figur. Es verwundert deshalb nicht, wenn Rockwell immer dann am eindrucksvollsten agiert, wenn bereits das Drehbuch offen auf Aberwitz angelegt ist, wie etwa im Falle von Geständnisse – Confessions of a Dangerous Mind oder Martin McDonaghs 7 Psychos“. Oder wenn Rockwell auf das strikte Gegenprogramm verpflichtet wird, etwa in der dunklen Milieustudie A Single Shot –Tödlicher Fehler (2013).


"Geständnisse - Confessions of a Dangerous Mind"
"Geständnisse - Confessions of a Dangerous Mind"

Körperhaltung, Körperspannung, Bewegung

Im Fall von „Geständnisse – Confessions of a Dangerous Mind“ schlägt der Film Funken aus der Idee, dass ein erfolgreicher Fernsehproduzent gewissermaßen nebenbei als Auftragskiller der CIA unter Vertrag steht. Eine Doppelrolle, könnte man meinen, die Rockwell auf den Leib geschrieben scheint, bis man merkt, dass beide Tätigkeiten dieselbe Sozialkompetenz (beziehungsweise den Mangel davon) atmen. In „7 Psychopaths“ spielt Rockwell einen arbeitslosen Schauspieler, der als Killer unterwegs ist und davon träumt, dem Freund als Drehbuchautor zur Seite zu stehen, wenngleich sich sein Filmverständnis als zweifelhaft konventionell und mainstream-kompatibel erweist.

In „A Single Shot“ experimentiert Rockwell gegen sein Image mit der Rolle als wortkarger, gebrochener Mann im „White Trash“- Milieu West-Virginias, der Erbe, Job und Familie verloren hat. Durch ein Missgeschick bei der Wilderei erhält er eine unverhoffte Chance, die er aber nicht einzulösen versteht, weil er sich in seiner Beschränktheit immer wieder selbst in die Quere kommt. Sein Versuch, die gewalttätigen Konsequenzen seines Missgriffs zu neutralisieren, gelingt zwar, aber nur um den Preis der totalen Verausgabung. Wenn John Moon sich schließlich erschöpft zum Sterben hinlegt, absolviert Rockwell das mit einer stillen Drastik, die gleichzeitig sein langsames Sterben in Duncan Jones’ Moon variiert. Immerhin: In „Moon“ hatte er ja noch die Zweit- und (fast) Dritt-Ausgabe seiner selbst, um zu zeigen, was ein Darsteller allein durch präzisen Einsatz eines Repertoires von Ausdrucksmitteln wie Körperhaltung, Körperanspannung und Bewegung im Raum zu leisten vermag.


Sam Rockwell in "Moon"
Sam Rockwell in "Moon"

Das richtige Maß finden

Genügte Rockwell in „Moon“ im besten wie im schlechtesten Sinne sich selbst, so dokumentieren andere Filme die Limitationen forciert vorgetragener Virtuosität. So bietet er als melancholischer jung-alter Anwalt in Lynn Sheltons Grow Up!? – Erwachsen werd’ ich später (2014) der mit dem Altern und dem Etablieren hadernden Keira Knightley eine zwar sexy, aber unglaubwürdige Alternative, die der Film nur mühsam ausbuchstabiert. Und in Ganz weit hinten (2013) steht Rockwell als verständnisvoller, Sprüche klopfender Angestellter eines Vergnügungsparks dem pubertierenden und mit dem neuen Partner seiner Mutter – Steve Carell – hadernden Liam James zwar mit Rat und Tat zur Seite, bläst seine Nebenrolle aber derart auf, dass man das Interesse für die zentrale Geschichte fast verliert.

Mit Three Billboards Outside Ebbing, Missouri und mit Adam McKays aktuellem Vice – Der zweit Mann hat Sam Rockwell vielleicht schon einen Ausweg aus den Aporien seiner überschüssigen Virtuosität gefunden. Eingebettet in ein hochkarätiges Ensemble liefert er jetzt eindrucksvolle und nach innen gerichtete, minimalistische Charakterstudien von nicht-flamboyanten Figuren, die durch die Umstände in bestimmten Funktionen gedrängt und diszipliniert werden. Mal wandelt sich ein nicht sehr cleverer Rassist aus der Provinz (fast) vom Saulus zum Paulus, mal erkennt ein nicht sehr cleverer US-Präsident aus der Provinz, dass er eigentlich gerne jemanden hätte, der ihm die Drecksarbeit des Amtes abnimmt, damit er die mit dem Amt verbundene Autorität und die Verantwortung für komplexe Entscheidungen nicht schultern, sondern nur „spielen“ muss.

In beiden Filmen zeigt sich Sam Rockwell als ausgesprochener Teamplayer, der seinen beiden nicht sonderlich sympathischen Figuren trotz ihrer jeweiligen Limitationen ihre Würde lässt. Für den kunsthandwerklichen Funkenflug und artistischen Überschuss zeichnen in beiden Fällen die Filmemacher Martin McDonagh und Adam McKay verantwortlich.

Nicht auszuschließen übrigens, dass sich Sam Rockwell daran erinnert hat, wie die beiden so ganz unterschiedlichen Brüder Ford in Andrew Dominiks „Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“ (2007) – Rockwell spielte darin Charlie Ford – sich ihren öffentlichen Ruhm auf den Theaterbühnen teilten, und darin das Verhältnis zwischen George W. Bush und „Dick“ Cheney gespiegelt und/oder variiert sah und entsprechend die Konsequenz zog, seinen Part nicht als billige Karikatur anzulegen und Christian Bale den großen Auftritt im Rampenlicht (und die einschlägigen politischen Kommentare) zu überlassen. Wer Rockwell wieder mit „all the right moves“ sehen will, kann sich auf die Miniserie „Fosse/Verdon“ freuen, in der es um die kreative Partnerschaft von Regisseur/Choreograf Bob Fosse und Tänzerin Gwen Verdon gehen wird.


Fotos: oben: aus "Vice", © Universum. Andere Bilder: © Fox ("Three Billboards")/Koch Media ("Moon")/DCM ("7 Psychos"), Studiocanal ("Geständnisse").

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