Die „Oscars“-Gala 2019

Montag, 25.02.2019

Die 91. "Oscar"-Gala war langweilig; das Fehlen einer Moderation entpuppte sich als gravierender Fehler. Dafür wurden mit "Green Book", "Roma" und "Bohemian Rhapsody" wenigsten die richtigen Filme ausgezeichnet. Überdies waren positive Signale für die Zukunft der "Oscars" zu erkennen

Diskussion

„We Will Rock You“, versprach die „Oscar“-Verleihung 2019 zu Beginn mit dem Auftritt von Queen. Doch die Gala tat wenig, um ihre Relevanz zu unterstreichen, zumal sich der Verzicht auf einen Moderator als fatale Fehlentscheidung entpuppte. Die Auszeichnungen für „Green Book“, „Roma“ und „Bohemian Rhapsody“ sind dennoch positive Signale für die Zukunft der „Oscars“.


So macht man sich Mut: Zu Beginn bebte die Bühne des Dolby Theatre in Los Angeles vom ungebrochenen Feuer der Altrocker Brian May und Roger Taylor von der britischen Band Queen. Ergänzt um den US-Sänger Adam Lambert, der die Gesangsparts des 1991 verstorbenen Freddie Mercury übernahm, spielten die verbliebenen Queen-Musiker ihre Hits „We Will Rock You“ und „We Are The Champions“, als gelte es, einer verschreckten Branche trotzigen Trost zuzusprechen. Es war ein Einstieg mit hohem Symbolwert in die Gala eines Filmpreises, der im 91. Jahr seines Bestehens einen neuen Vorstoß unternahm, seine immer wieder angezweifelte Relevanz unter Beweis zu stellen.


Blamage für die „Academy

Denn längst macht die „Academy of Motion Picture Arts and Sciences“ nicht mehr nur mit den „Oscars“ Schlagzeilen, sondern auch mit dem verblüffenden Mangel an Gespür für taktisch kluge Neuerungen und die oft kopflos anmutenden Reaktionen auf Kritik. Was sich 2010 mit der übereifrigen Ausweitung der „Königskategorie“ des besten Films auf zehn Kandidaten angedeutet hatte, die schon zwei Jahre später wieder auf „fünf bis zehn“ Nominierte zurückgestutzt wurde, und im unsouveränen Umgang mit der #OscarsSoWhite-Kampagne einen Höhepunkt fand, setzte sich 2018 mit drei Riesenblamagen fort.

Im Bemühen, das US-amerikanische Publikum wieder stärker für die Übertragung der „Oscar“-Show zu interessieren, kündigte die „Academy“ erst eine neue Auszeichnung für den „Besten populären Film“ an, zog sie nach massivem Spott und Widerspruch der Filmwelt aber alsbald wieder zurück. Nicht viel besser erging es dem Plan, manche Preiskategorien während der Werbepausen abzuhandeln. Nach Protesten zahlreicher Filmschaffender, die dies als Affront ihrer Künste empfanden, musste die „Academy“ auch hier kleinlaut zurückstecken.

Den größten Ärger zog sie sich allerdings mit der Wahl von Kevin Hart als Moderator der „Oscar“-Gala zu; nachdem der derzeit beliebteste US-Komiker wegen früherer homophober Witze ins Kreuzfeuer geraten war und auf die Präsentation verzichtete, ließ sich die „Academy“ auf ein gewagtes Experiment ein: erstmals seit 30 Jahren eine „Oscar“-Verleihung ohne Moderator durchzuführen.


Eine Show ohne markante Akzente

Dies erwies sich freilich als fatale Fehlentscheidung. Auch wenn die Moderatoren der „Oscar“-Gala in der Vergangenheit oft in der Kritik standen, weil sie eine überlange Veranstaltung mit faden Witzen und Anbiederungen an die Filmschaffenden noch mehr zerdehnten, konnten die besten von ihnen mit pointierten Kommentaren zu Kino und Gesellschaft durchaus markante Akzente setzen. Diese Möglichkeit, ausgezeichnete, nominierte und auch nicht-nominierte Werke ins aktuelle Klima von Filmwelt und Politik einzuordnen, fehlte 2019 auf frappante Weise.

Ein Blick ins Dolby Theater von Los Angeles
Ein Blick ins Dolby Theater von Los Angeles

Die routinierte Art, wie eine Preiskategorie nach der anderen abgearbeitet wurde, verstärkte vielmehr den Eindruck der vergangenen Jahre: Am Ende der dreimonatigen „Awards Season“ zwischen November und Februar schafft es die „Oscar“-Verleihung nicht mehr, allein mit der Vergabe der Preise Spannung zu erzeugen. Inzwischen gibt es kaum noch Preisträger, die vor den „Oscars“ nicht schon von Kritikerverbänden, den handwerklichen Gilden und Vereinigungen wie den „Golden Globes“ und den „Critics Choice Awards“ ausgezeichnet worden wären. Überraschung und Redematerial der Gekürten sind dementsprechend oft aufgebraucht, wenn die „Oscars“ endlich anstehen – ein Dilemma, das ohne die überleitenden Worte eines Moderators dieses Jahr besonders ins Auge fiel.

Lediglich den Gewinnern der Kurzfilm-Preise stand die Freude sehr glaubwürdig ins Gesicht geschrieben, ebenso wie der Britin Olivia Colman, die offensichtlich nicht damit gerechnet hatte, mit ihrer einfühlsamen Darstellung der launischen Königin Anne in „The Favourite“ ihre US-Kollegin Glenn Close bei den „Oscars“ für die beste Hauptdarstellerin zu übertrumpfen. Die anfangs von Emotionen überlagerte Danksagung enthielt dann auch ein respektvolles Kompliment für die nun siebenfach bei den „Oscars“ leer ausgegangene Schauspiel-Veteranin Close, was eine schöne Geste in einer ansonsten ziemlich öden Veranstaltung war.


Die meisten Preise gehen an „Bohemian Rhapsody“

Schade daran war vor allem, dass die Routine verdeckte, wie sehr sich die Mitglieder der „Academy“ mit den Auszeichnungen auf neue, teilweise sogar revolutionäre Wege begeben haben – auch wenn sie damit größere Entwicklungen in der US-amerikanischen Filmlandschaft widerspiegeln. Krankte die „Oscar“-Verleihung 2018 unter dem Widerspruch, viel von der Gleichheit der Geschlechter zu reden, um am Ende so wenig Frauen wie selten zu den Preisträgern zu zählen, stellte sich die Situation ein Jahr später deutlich positiver dar: Von der Song-Kategorie über Ausstattung, Kostüme, Tonschnitt, Maskenbild bis zu Kurzfilm- und Dokumentarpreisen fanden sich mit großer Selbstverständlichkeit zahlreiche Preisträgerinnen, was ein wenig Balsam auf die Wunde träufelte, dass die Hauptkategorien einmal mehr sehr männerdominiert ausfielen.

Vier "Oscars" für "Bohemian Rhapsody"
Vier "Oscars" für "Bohemian Rhapsody"

So heimste – passend zum musikalischen Auftakt – das filmische Queen-Porträt „Bohemian Rhapsody“ die meisten Preise ein, für Schnitt, Ton, Tonschnitt und die fulminante Leistung des Freddie-Mercury-Darsteller Rami Malek. Der ägyptisch-stämmige US-Schauspieler war es auch, der eine der wenigen erinnerungsträchtigen Dankesreden beisteuerte, indem er einen Bogen von den Erfahrungen seiner Familie als Migranten und der wachsenden Akzeptanz homosexueller Charaktere beim Filmpublikum schlug und es dafür schaffte, sich an einem Dank an den wegen Missbrauchsvorwürfen geschassten „Bohemian Rhapsody“-Regisseurs Bryan Singer konsequent vorbei zu lavieren. „Black Panther“, der Hauptkandidat für den gestrichenen „Populärfilm-Preis“, konnte sich derweil mit Auszeichnungen für Ausstattung, Kostüme und Musik trösten.


Die Rolle von Netflix & den Netzwerken

Wahrscheinlich ist es die schönste Erkenntnis dieser „Oscar“-Verleihung, dass sich die Mitglieder der „Academy“ nicht von negativer Stimmungsmache gegen die beiden größten Gewinner des Abends beeinflussen ließen. Mit dem Dreifach-Gewinn für Alfonso Cuaróns ergreifendes Familiendrama „Roma“ (beste Regie, beste Kamera, bester nicht-englischsprachigen Film) hat sich Netflix endgültig einen Platz im Kreis der „Oscar“-Familie erobert – auch wenn das gefeierte Schwarz-weiß-Opus die berechtigte Kritik am Geschäftsgebahren des Streaming-Riesen nicht abflauen lassen wird.

Dass Netflix sich bei „Roma“ den Regeln der „Oscar“-Statuten anpasste und dem Film eine (wenn auch kurze) Kinoauswertung gestattete, kann andererseits die Kinobranche durchaus als Sieg verbuchen. Die Auszeichnungen sind ein schlagendes Argument gegen die bisher praktizierte sture Weigerung von Netflix, seine Filme auch in Kinos zu zeigen.

"Roma" von Alfonso Cuaron
"Roma" von Alfonso Cuarón

Ähnlich positiv stimmt auch die Auszeichnung des historischen Freundschaft- und Rassismus-Dramas „Green Book als bester Film, für das beste Drehbuch und für Nebendarsteller Mahershala Ali. Nicht deshalb, weil sich über die konventionelleren und geglätteten Aspekte von „Green Book“ nicht auch streiten ließe, sondern weil die „Academy“ damit ihre Unabhängigkeit von Meinungsmachern aus der Netzwelt demonstrierte. Kein anderer nominierter Film war in den letzten Monaten dermaßen mit lautstarken Diffamierungs- und Hassattacken überzogen worden, die überwiegend in den sozialen Netzwerken stattfanden und Story, Macher und Mitwirkende gleichermaßen als Preisträger für untragbar erklärten.


Die „Academy“ beweist Rückgrat

Diese unfaire Taktik, mit der auch in früheren Jahren schon „Oscar“-Kandidaten mit Schmutz beworfen wurden, ist bei „Green Book“ am Rückgrat der „Academy“-Mitglieder gescheitert, die ihren Favoriten nicht einer anonymen Wutmasse opfern wollten. In Zeiten, in denen Manipulationen im Internet immer größeren Einfluss zu nehmen drohen, ist dieser Preis ein politisch durchaus hoffnungsvolles Signal.

Die „Academy“ kann damit doch mit einiger Zufriedenheit auf die „Oscar“-Verleihung 2019 zurückblicken: Mit den Streaming-Anbietern und dem Internet hat die Kinowelt zwei direkten Konkurrenten um die Aufmerksamkeit der Menschen ihre Grenzen aufgezeigt. Nun wäre es an der Zeit, sich auch von der finanziellen Abhängigkeit von der Fernsehübertragung der Verleihung zu lösen. Gelänge dies der „Academy“, so wäre ein entscheidender Schritt in eine Zukunft getan, in der auch die „Oscars“ wieder an ihre frühere Relevanz anknüpfen könnten.



And the "Oscars" goes to...


Bester Film: Green Book – Eine besondere Freundschaft

Beste Regie: Alfonso Cuarón (Roma)

Bester Hauptdarsteller: Rami Malek (Bohemian Rhapsody)

Beste Hauptdarstellerin: Olivia Colman (The Favourite – Intrigen und Irrsinn)

Bester Nebendarsteller: Mahershala Ali (Green Book – Eine besondere Freundschaft)

Beste Nebendarstellerin: Regina King (Beale Street)

Bestes Originaldrehbuch: Nick Vallelonga, Brian Currie und Peter Farrelly (Green Book – Eine besondere Freundschaft)

Bestes adaptiertes Drehbuch: Charlie Wachtel, David Rabinowitz, Kevin Willmott und Spike Lee (BlacKkKlansman)

Beste Kamera: Alfonso Cuarón (Roma)

Bestes Szenenbild: Hannah Beachler und Jay Hart (Black Panther)

Bestes Kostümdesign: Ruth E. Carter (Black Panther)

Beste Filmmusik: Ludwig Göransson (Black Panther)

Bester Schnitt: John Ottman (Bohemian Rhapsody)

Bester Animationsfilm: Spider-Man: A New Universe

Bester Dokumentarfilm: Free Solo

Bester fremdsprachiger Film: Roma


Eine Liste aller Nominierten findet sich hier.

Hier geht es zur offiziellen "Oscar 2019"-Seite.


Fotos oben: Regisseur Peter Farrelly mit dem "Oscar", den sein Film "Green Book" als bester Film einheimste, zusammen mit Mahershala Ali, der ebenfalls einen "Oscar" als bester Nebendarsteller erhielt. Quelle: Matt Sayles / ©A.M.P.A.S.

Weitere Bilder: ©A.M.P.A.S, Netflix, Fox


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