Konfetti 38 – Bücher

Montag, 04.03.2019

Filmische Vexierspiele mit Büchern: Mervyn LeRoys „Without Reservations“

Diskussion

Claudette Colbert begegnet in der Komödie „Without Reservations“ (1946) von Mervyn LeRoy in der Gestalt einer berühmten Schriftstellerin einem von John Wayne gespielten Soldaten, der einer Illustration ihres jüngsten Romanhelden verblüffend ähnlich sieht. Auftakt für ein irrwitziges Vexierspiel zwischen Fiktion und Wirklichkeit.


Über „die verschmelzung von book mit looks, die verschiebung von book zu looks“ schreibt die österreichische Schreiberin und Kinogängerin Sissi Tax in ihrer schönen, schmalen Schrift „the looks, not thebooks“ (Institut für Buchkunst, Leipzig 2016), die auch mich nachhaltig sensibilisiert hat für den semantischen Komplex Kino-Buch-Frau. Einer der Kronzeugenfilme in „the looks, not the books“ ist John M. Stahls „Leave Her to Heaven“ (1945), insbesondere die Anfangsszene, in der der männliche Protagonist sein eigenes Porträt auf der Rückseite eines Buches entdeckt, das eine ihm im Zugabteil gegenübersitzende unbekannte Schöne liest (siehe auch hier).

In Mervyn LeRoys nur ein Jahr später entstandenem Film „Without Reservations“ bin ich auf eine Zwillingsszene gestoßen. Tatsächlich sind in dieser reichlich absurden romantischen Komödie Kino und Buch von Anfang an so eng ineinander verzahnt, dass keine Möglichkeit besteht, sie wieder auseinanderzudividieren. Der Film beginnt mit der Testvorführung eines Newsreel-Clips, der über den Siegeszug eines fiktionalen Bestsellers namens „There’s Always Tomorrow“ berichtet. Die Autorin des Buchs, Christopher Madden (Claudette Colbert), ist ebenfalls Teil der Newsreel. Ob sie einen Schlüsselroman zur Lage der Nation und der Welt verfasst habe, wird sie gefragt. Sie weist das lächelnd zurück, die Geschichte samt Hauptfigur gehöre ins Reich der reinen Fiktion: „Any resemblance between Mark Winston and any living person is purely coincidental.“


Die Materialisierung einer ersonnenen literarischen Figur

Nur: Ist die Ähnlichkeit des gezeichneten Gesichts des Titelhelden, das auf dem Umschlag von „There’s Always Tomorrow“ zu sehen ist, mit dem Gesicht eines der größten Filmstars der Zeit ebenfalls „purely coincidental“? Freilich evoziert die Skizze gerade nicht das Gesicht von Cary Grant, der laut der fiktionalen Newsreel in der anstehenden Verfilmung des Buches die Hauptrolle übernehmen soll. Das gezeichnete Antlitz hat ein deutlich markanteres Kinn als Grant, dafür sind Nase und Augen kleiner, die Stirn breiter…

Wenige Szenen später sitzt dieses Gesicht der Autorin leibhaftig gegenüber, in einem Zug, der sie nach Hollywood bringen soll, zur Vorbereitung der Dreharbeiten. Aber sie bemerkt zunächst nichts, beschäftigt sich mit ihren Notizen, während sich auf der Bank ihr gegenüber zwei uniformierte Männer niederlassen. Auch wir sehen zunächst deren Gesichter nicht, aber erkennen einen der beiden an seiner Stimme: Ohne jeden Zweifel handelt es sich um John Wayne, der ebenso offensichtlich die Vorlage der Zeichnung auf dem Buchcover ist. Die Verschmelzung von book und looks hat ihren Ort zunächst nicht im Bild, sondern auf der Tonspur.

Nur, dass innerhalb der Fiktion des Films zwar ein Filmstar namens Cary Grant, aber keiner namens John Wayne existiert. Aus Sicht von Christopher ist das Gesicht, das sie anblickt, als sie schließlich doch aufblickt, und das sie gleich verdutzt mit dem Titelbild ihres Buches abgleicht (praktischerweise liest eine andere Mitreisende „There’s Always Tomorrow“), ein zufälliges Allerweltsgesicht; und dessen Ähnlichkeit mit der Coverzeichnung kann ihr nur als eine pure und deshalb doch wieder sinntragende Koinzidenz erscheinen, als ein Wink des Schicksals. Tatsächlich wird Christopher, ob der plötzlichen Materialisierung der von ihr ersonnenen literarischen Figur, erst aus der Bahn ihrer eigenen Gedanken, dann vom geradlinigen Weg in Richtung Hollywood abgelenkt.


Ein System von Spiegelungen

Gemeinsam mit den beiden Soldaten begibt sie sich auf einen anderen Trip, auf einen „ohne Reservierung“, der nicht in die Filmmetropole an der Westküste, sondern ins amerikanische Heartland führt. Und den die Schriftstellerin außerdem inkognito antritt. Um an die Realität des Mannes, in den sie sich natürlich bald verliebt, zu glauben, muss sie die Autorenschaft (an ihm) leugnen – und stattdessen selbst zu einer Fiktion werden. Passend zu Waynes Rollennamen Rusty wird sie zu Kitty. Anders ausgedrückt: Jetzt sehen wir plötzlich zwei Weltstars dabei zu, wie sie Allerweltsamerikaner spielen, die eine Allerweltsliebesgeschichte eher füreinander aufführen, als dass sie sie wirklich erleben würden. Zu allem Überfluss erweist sich diese Liebesgeschichte dann auch noch als eine spiegel-, beziehungsweise geschlechterverkehrte Version der Liebesgeschichte, die das Buch „There’s Always Tomorrow“ erzählt.

„Time Without End” heißt das fiktionale Buch in „Leave Her to Heaven“; in „Without Reservations“ eben: „There’s Always Tomorrow“.Eigentlich ist das zweimal derselbe Titel, einmal in der Noir-, einmal in der Comedyvariante. Es geht in beiden Fällen um eine Fiktion der ewigen Wiederkehr, in beiden Filmen setzen die Bücher ein System von Spiegelungen und einander verfehlenden Blicken in Gang, eine Mechanik der Projektion und der Selbstfiktionalisierung, die auf ein letztlich nicht zielführendes, produktives, sondern zirkuläres bis – Happy End hin oder her – offen destruktives Begehren hinausläuft.


Foto: © Warner

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