Filmliteratur: „Bewegte Filme für eine entwickelte Welt“

Donnerstag, 07.03.2019

Der Historiker Felix Rauh erforscht das Zusammenspiel von (Schweizer) Hilfswerken und einem Kanon Schweizer Dokumentarfilme, die zwischen 1959 und 1986 in Ländern der südlichen Hemisphäre entstanden

Diskussion

Anfang der 1960er-Jahre beauftragte der Verband schweizerischer Konsumvereine den Reiseschriftsteller René Gardi, einen „Entwicklungshilfe“-Film über die „Dahomey“-Aktion im heutigen Benin zu drehen. Daraus erwuchs eine mehr als zwei Jahrzehnte währende Kooperation für „Kulturfilme“, die das Bild exotischer Länder bis heute mitbestimmen. Ein materialreiches Filmbuch zeichnet dieses Kapitel der (Schweizer) Filmgeschichte jetzt nach.


Sie wurden meist als „Kulturfilme“ bezeichnet und liefen nicht nur auf Festivals, in Kinos oder im Fernsehen, sondern oft auch in Aulas oder (kirchlichen) Vortrags- und Gemeindesälen, an Orten, die der Volksbildung dienten und die über einen 16mm-Projektor verfügten; dessen Schnurren während der Vorführung ist mir noch heute heimelig im Ohr. Ebenso erinnere ich mich, wie in den 1960er- und 1970er-Jahren zu Beginn stets in das eingeführt wurde, was es dann zu sehen gab. Die Kulturfilmabende im nahen Schulhaus gehörten in Begleitung meiner Mutter zu meinen frühesten filmischen Erlebnissen; sie eröffneten mir als Kind erste Blicke auf fremde Länder in Afrika, Lateinamerika und Asien.

50 Jahre später liegt das mokka-orange gebundene Buch „Bewegte Bilder für eine entwickelte Welt“ von Felix Rauh vor mir. Das Coverbild zeigt Kinder, die im Juli 1961 einen vom „Verband schweizerischer Konsumvereine“ (VSK, heute Coop) zu Gunsten der „Dahomey-Aktion“ kuratierten Film anschauen. Dabei könnte es sich um René Gardis „Mandara – Zauber der schwarzen Wildnis“ (1959) gehandelt haben; Gardis „Dahomey – ein Bilderbuch“ wurde im September 1961 uraufgeführt; Ulrich Schweizers „Aufbruch in Dahomey“ ist erst 1963 entstanden. Beide Filme wurden vom VSK produziert; die ersten „Entwicklungshilfe"-Filme, wie Rauh sie bezeichnet.


René Gardi, Ulrich Schweizer, Peter von Gunten

Im Zentrum der Dissertation von Rauh geht es um den Zusammenhang von Schweizer Dokumentarfilmen, die in den Ländern der südlichen Hemisphäre entstanden, mit Schweizerischen Hilfsorganisationen. Konkret handelt es sich um einen Kanon von Filmen, welche René Gardi (1909-2000), Ulrich Schweizer (Jahrgang 1941) und Peter von Gunten (Jahrgang 1941) von 1960 bis Mitte der 1980er-Jahre mit personeller Unterstützung oder im Auftrag von Hilfswerken drehten.

Im Jahr 1960 fragt der VSK den Reiseschriftsteller, Fotografen und Filmemacher René Gardi an, ob er nach Dahomey (heute Benin) reisen könnte. Er sollte vor Ort Bilder und Töne für einen Dokumentarfilm und eine Ausstellung sammeln, mit denen der VSK die „Dahomey-Aktion“ bewerben wollte, ein unter dem Motto „genossenschaftliche Hilfe zur Selbsthilfe“ lanciertes Entwicklungsprojekt.

Das war der Beginn einer mehr oder weniger losen Zusammenarbeit zwischen Filmemachern und Entwicklungshilfsorganisationen, sich über mehr als zwei Jahrzehnte fortsetzte. Ihr lag vor allem die Idee der Kulturvermittlung zugrunde. Die Filme sollten der Schweizer Bevölkerung „authentische Einblicke“ in fremde (exotische) Welten und Kulturen vermitteln.


Werbung, PR und Öffentlichkeitsarbeit

Während auf Seiten der Filmemachenden nicht zuletzt auch Abenteuer- und Reiselust mitgewirkt haben dürften, standen bei den beteiligten Organisationen Werbung und der Wunsch im Vordergrund, die Schweizer von der Notwendigkeit und Wirksamkeit der von ihnen geleisteten Entwicklungsarbeit zu überzeugen. Diese Anliegen verfolgen Hilfswerke und NGOs noch heute. Doch im Laufe der letzten 60 Jahre haben sich die Verhältnisse auf der Erde verschoben und auch die Wahrnehmung des Fremden und Eigenen verändert. Die paternalistische Haltung der "Entwicklungshilfe"-Filme der 1960er-Jahre wurde zu Beginn der 1970er-Jahre durch engagierte Filmschaffende zunehmend in Frage gestellt. In deren Werken begründen sich Entwicklungsunterschiede nicht mehr in der paradiesischen Rückständigkeit einer fehlenden Modernisierung, sondern sind vielmehr die Folgen eines globalen wirtschaftlichen wie politischen Machtgefälles, das es zu hinterfragen gilt. In den 1980er-Jahren setzen Akteure der Entwicklungshilfe vermehrt auf originäre Filme aus dem Süden, während im deutschsprachigen Raum zunehmend Dokumentarfilme entstanden, die in der Begegnung mit fremden Kulturen auf beobachtende Annäherung setzten.

Die außergewöhnliche Leistung von Felix Rauhs Studie besteht darin, dass sie diese Entwicklungen und Nutzungskonzepte anhand ausgewählter Filme und der sich daraus ableitenden Entwicklungsdebatte akribisch nachzeichnet. Die vielen in den Text eingeflochtenen Zitate und Anekdoten zeugen vom wissenschaftlichen Eifer des Autors, belegen aber auch seinen Hang zur ausgedehnten Recherche. Das ist in der Sache spannend, auch wenn es nicht unbedingt der Lesbarkeit dient: „Bewegte Bilder für eine entwickelte Welt“ ist zwar bloß 272 Seiten dick, aber derart informationsgesättigt, dass es sich so schneckenlangsam liest wie James Joyces „Ulysses“. Der in der Printausgabe fehlende Index macht die Sache nicht besser.

Abgesehen davon aber ist das Buch ein wertvoller Beitrag zum einem noch wenig aufgearbeiteten Kapitel der (Schweizer) Filmgeschichte. Äußerst wertvoll ist vor allem das bislang kaum dokumentierte Schaffen von Ulrich Schweizer, dem ein eigenes Kapitel gewidmet ist. Für den mit der Materie nicht vertrauten Leser ist der Service, die in der Arbeit zitierten filmischen Quellen auf der Forschungsplattform der Universität Luzern (LORY; Lucerne Open Repository) frei einzusehen, von unschätzbarem Wert und zum Verständnis geradezu unabdingbar.


Mischa Hedinger und „African Mirror“

Meine persönliche Auseinandersetzung mit dem Schweizer Kulturfilm hat auf der diesjährigen „Berlinale“ 2019 eine Fortsetzung gefunden. Im „Forum“ lief „African Mirror“ von Mischa Hedinger: ein sich ausschließlich aus dem reichen Fundus von René Gardi speisendes Filmessay. Hedingers Kompilation aus Filmaufnahmen, Tonbandaufzeichnungen, Texten und Tagebüchern ist mehr als bloß ein Porträt des schillernden Abenteurers Gardi; es ist vielmehr ein gelungenes Exempel kinematografischer Feldforschung. „African Mirror“ lenkt das Augenmerk auf eine transkontinentale Mediengeschichte, die unsere Wahrnehmung von Afrika – Hedinger fokussiert vorwiegend auf Gardis Kamerun-Filme – bis heute nachhaltig prägt, oder, wie es der Forum-Katalog formuliert, sich durchaus auch als „Spiegel“ zur „Reflexion heutiger Bilder von Afrika“ anbietet.


Bibliografische Angaben

Bewegte Bilder für eine entwickelte Welt. Die Dokumentarfilme von René Gardi, Ulrich Schweizer und Peter von Gunten in der Schweizer Entwicklungsdebatte, 1959-1986. Von Felix Rauh. Chronos Verlag. Zürich 2018, 272 S., 50 farbige Abb., 43 EUR (E-Book: 34 EUR).




Foto: Ausschnitt aus „African Mirror“ von Mischa Hedinger, der René Gardis Kamerun-Filme analysiert. Quelle: arsenal e.v.

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