Jennifer Jones zum 100. Geburtstag

Freitag, 08.03.2019

Eine Erinnerung an die US-amerikanische Schauspielerin

Diskussion

Leben und Karriere der amerikanischen Darstellerin Jennifer Jones (1919-2009) künden wie bei kaum einem anderen Filmstar vom System der Fremdbestimmung im klassischen Hollywood. Als Entdeckung des Produzenten David O. Selznick war sie dazu verdammt, in Filmen sein Ideal eines perfekten Mädchens zu verkörpern. Ihr Potenzial kam dabei viel zu selten zur Geltung. Eine Erinnerung an die Schauspielerin, die am 2. März 100 Jahre alt geworden wäre.


Den 100. Geburtstag eines Filmschaffenden zu bedenken, bietet sich üblicherweise eher bei den Größen des Filmgeschäfts an, die sich neben ihren unumstrittenen künstlerischen Leistungen auch als große und inspirierende Persönlichkeiten verdient machten. Vielleicht gilt das bisweilen auch für Jennifer Jones, die eigentlich Phylis Isley hieß, auch wenn man im Großen und Ganzen sagen muss, dass sie den fragilen Plastikgeruch eines Hollywoods am Scheideweg versprüht, eines an die Wand gehängten Bildes ihres zweiten Ehemanns und großen Förderers David O. Selznick. Ihr Schauspiel war manchmal gut, manchmal nicht. Meist gibt es etwas Merkwürdiges daran. Neurotische Manierismen, Schauspielgesten, bemühte Eleganz. Oft wurde sie fehlbesetzt.

Der Grund, um neben dem schlicht und ergreifend faszinierend tragischen, beinahe fiktional anmutenden Klatsch-Melodrama, das ihr Leben war, über Jones zu schreiben, ist ein anderer: Ihre Karriere und deren Ende erzählen wie kaum eine andere von den männlich dominierten Abhängigkeiten eines Systems, das sich immer wieder selbst richtet, um dann einfach weiterzumachen. Jones erzählt uns vom Ende des klassischen Hollywoods, von jener Zeit, in der sich die Studios leerten, Attrappen in den großen Hallen verrosteten und die Geister einiger Filmzitate das sich in alle Winde zerstreuende Geld heimsuchten.

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„Ich habe nie gedacht, dass ich gut vor der Kamera aussehen würde. Ich bin ja nicht die größte Schönheit der Welt. Und ich hätte sicher nicht so gut ausgesehen, wenn David sich nicht von Anfang an jede Minute um mich gekümmert hätte“, sagte Jones, Jahre bevor sie verschwand. Dabei hätte alles anders kommen können. Als Tochter von Wanderschauspielern aufgewachsen, war früh klar, dass Jones im Leben spielen würde und ihr Leben spielen könnte. Von Kindheit an gab es nur einen Weg für sie, aber es hätte verschiedene Arten dieses Weges gegeben. 1938 landete sie auf der American Academy of Dramatic Art. Dort lernte sie neben dem schauspielerischen Handwerk, das sie ohnedies bereits beherrschte, ihren ersten Ehemann, mit dem sie zwei Kinder haben sollte, kennen, einen Mann dessen tragische Lebensgeschichte der von Jones in nichts nachsteht: Robert Walker, Hauptdarsteller in Alfred Hitchcocks „Der Fremde im Zug“. Mit 30 depressiv, dem Alkohol verfallen nach zwei gescheiterten Ehen samt einer brutalen Trennung von Jones, starb er an einer Überdosis (hierzu gibt es natürlich unterschiedliche Theorien), sodass man in seinem letzten Film „My Son John von Leo McCarey die gleichen Einstellungen seiner Todesszene aus „Der Fremde im Zug“ verwenden musste. Ein Mann stirbt zweimal. Hollywood-Geschichten.

Jennifer Jones mit ihrem ersten Ehemann Robert Walker im Familiendrama „Als du Abschied nahmst“ (1944). Produktion & Drehbuch: David O. Selznick.
Jennifer Jones mit ihrem ersten Ehemann Robert Walker im Familiendrama „Als du Abschied nahmst“ (1944). Produktion & Drehbuch: David O. Selznick.

Als Walker starb, war Jennifer schon längst nicht mehr Phylis. Sie war in den Augen des mächtigen Moguls Selznick neugeboren. Vor dessen Filmen erschien inzwischen eine Abbildung des hauseigenen Studios, das anmutet wie das Weiße Haus, er war der Mann hinter den Riesenerfolgen „Vom Winde verweht“ und „Rebecca“. Jones wurde eine Marionette seiner Vorstellungen, das mädchenhafte Wesen mit der mysteriösen Aura. Mit 25 Jahren gewann die Darstellerin für ihre Rolle als Mädchen, das die Quelle von Lourdes entdeckt, in „Das Lied von Bernadette“ den „Oscar“. Schon im Vorspann des Films heißt es: „And Introducing Jennifer Jones (By Arrangement with David O. Selznick)“. Dieses Vorgehen war wahrlich kein Novum, war Selznick doch berühmt dafür, eine ganze Schauspieltruppe unter seinen Fittichen zu haben und das jeweilige Image „seiner“ Schauspielerinnen und Schauspieler wie Ingrid Bergman, Vivien Leigh, Joan Fontaine oder Joseph Cotten bis ins kleinste Detail zu kontrollieren. Der Mann, der die Stars machte. Das Gegenteil umherziehender Wanderschauspieler. Für ihn existierten sie, um in ein Bild zu passen, das zu Ruhm und Geld führen sollte. Selznick, ein selbst-gemachter Mann, der den amerikanischen Traum ausschöpfte und ihn in den Träumen zigtausender Kinozuschauer wieder zum Leben erweckte.

Aber mit Jones war das anders. Da war mehr. Man könnte es Gefühle nennen, viel eher aber waren es Machtperversionen. Selznick wollte sich in ihr das perfekte Bild eines Mädchens bauen. Sein Kinoideal. Als er sie zum ersten Mal sah, beschrieb er sie bereits als „das Mädchen mit den großen Augen, das zwei Kinder hat.“ Als es um einen neuen Namen für Phylis ging, war es Selznick, der immer eine Tochter mit dem Namen Jennifer haben wollte, der ihren neuen Vornamen bestimmte. Trotz Zögern von Seiten der jungen Darstellerin heiratete man schon bald. Zweimal, einmal auf einem Schiff und einmal in Genua. 1950 musste Jones dann eine Fehlgeburt verarbeiten, 1954 wurde ihre Tochter Mary Jennifer geboren. Ihre Ehe war geprägt von großen Streits, Selbstmorddrohungen und schönen Fotos.

Beruflich lief es mit Ausnahme einer gebrochenen Hand als Folge einer Ohrfeige, die sie Charlton Heston beim Dreh zu „Wildes Blut“ geben sollte und die ihr die stolze Versicherungssumme von 55.768 Dollar einbrachte, noch einigermaßen gut für Jones und Selznick, auch wenn letzterer trotz eines verzweifelten Versuchs, mit dem wundersam lasziven, vor Farben explodierenden Western „Duell in der Sonne“ an die schiere Größe von „Vom Winde verweht“ anzuknüpfen, mehrfach kurz vor dem Zusammenbruch stand. Oft ist zu lesen, dass sein unbedingtes Bemühen, aus Jones einen großen Star zu machen, zu seinem Ende führte. Ein solches Argument vergisst allerdings, dass sich das System damals grundlegend veränderte und immer mehr unabhängige Geister wie Orson Welles oder John Huston als Vorboten des New Hollywood das Ende des Studiosystems einleiteten. Die Blase platzte.

Sinnbild der Sehnsucht: In „Jenny“ inspiriert Jennifer Jones einen Maler zu seinem größten Kunstwerk.
Sinnbild der Sehnsucht: In „Jenny“ inspiriert Jennifer Jones einen Maler zu seinem größten Kunstwerk.

Der eigentlich vielsagendste Film im Hinblick auf die Karriere von Jones in jenen Jahren ist „Jenny“ von William Dieterle. Unter den zahlreichen Bewunderinnen der Darstellerin in den manipulierten Fanmagazinen entwickelt sich mit diesem Film, der nicht umsonst ihren Namen trägt, das wahre Bild ihrer Heldin. Das Image der Schauspielerinnen in diesen Magazinen und der Öffentlichkeit allgemein wurde bei Selznick International Pictures von Anita Colby angeleitet. Der offizielle Titel dieser hochinteressanten Frau, die unter anderem auch einen patentierten Stuhl erfand, der sich in ein Bett umwandeln ließ, war „Feminine Director“. Mit Jones hatte sie einige Mühe, denn die notorisch verunsicherte Darstellerin hasste Interviews und war – es war allen außer Selznick ziemlich klar – nicht gemacht für das Stardasein.

Ebenso schwer muss es gewesen sein, dem Bild gerecht zu werden, das sich ihr Ehemann von ihr auf die Leinwand malte. „Jenny“ ist dafür ein Sinnbild und manch einer, der dem Paar nahestand, behauptete gar, dass dieser Film eine Art des Liebemachens gewesen sei. Erzählt wird von einem Maler (Joseph Cotten), der das Porträt einer jungen Frau (Jones) malt, der er eines Tages im verschneiten Central Park begegnet. Eine entrückte, zerbrechliche, geisterhafte Präsenz umgibt sie, etwas in ihr hängt zwischen Gegenwart und Vergangenheit fest und aus der anhaltenden Faszination mit ihr schöpft der Künstler enorme Inspiration. In diesem Film ist Jones beinahe alles, was sie in Hollywood sein durfte. Ein Bild, ein Geist, jemand, der zusammengesetzt wird und schließlich verschwindet. Trotzdem – und es wäre fatal, Selznicks Gespür für Geschichten zu unterschätzen – ist es ein grandioser Film.

Selznick, dessen Memos an Mitarbeiterinnen und Regisseure zu den spannendsten Lektüren gehören, um sich ein Bild von Macht, Menschenführung und Kino im Hollywood der 1930er- bis 1950er-Jahre zu machen, entwickelte einen penetranten Beschützerinstinkt gegenüber seiner Frau. Michael Powell brachte es auf den Punkt: „Es war eine Schande. Er mag ein guter Produzent gewesen sein, aber er wurde zum Monster. Am schlimmsten war das für Jennifer.“ So bat er Filmemacher, sich immer erst ihre Interpretation anzuhören, bevor sie ihr sagen würden, was sie zu tun habe. Er lobte ihre schauspielerische Intelligenz über alle Maßen und ging sogar so weit, zu fordern, dass Tonleute, die sie aufforderten, lauter zu sprechen, gefeuert werden müssten, weil das ihr Spiel störe. Den unrühmlichen Höhepunkt dieses Kontrollwahns fand Selznick in der Hemingway-Adaption „In einem anderen Land“, in die Jones nie wirklich passte. Selznick überwarf sich mit John Huston und feuerte diesen schließlich. Er schrieb Memo an Memo, doch der Film wurde zur großen Enttäuschung, vor allem für Jones, die danach zum ersten Mal von der großen Bühne verschwinden sollte.

Als Heilige Bernadette von Soubirous in „Das Lied von Bernadette“ begann 1943 die Star-Karriere von Jennifer Jones.
Mit der Rolle der Heiligen Bernadette von Soubirous in „Das Lied von Bernadette“ begann 1943 die Star-Karriere von Jennifer Jones.

Nach vier Jahren tauchte sie wieder auf in der etwas blutarmen, aber in ihrer whiskydurchtränkten Textlastigkeit nicht uninteressanten Fitzgerald-Adaption „Zärtlich ist die Nacht“. Darin spielt sie die von psychotischer Eifersucht zerfressene Nicole Diver. Zum letzten Mal fanden Neurosen und Zerbrechlichkeit in ihr einen starken Ausdruck. Von der Kritik wurden der Film und ihre Leistung nicht gerade mit Wohlwollen angenommen und so verschwand sie in der Folge für weitere fünf Jahre. 1965 starb dann Selznick. Zurück ließ er eine Marionette, deren Fäden in der Luft hingen. Zielloser Reichtum. Jones konnte sich nicht entscheiden, in welcher Villa sie gerne dahinvegetieren mochte, ihre Selbstbestimmtheit hat es nie gegeben. Es folgt eine schwierige Zeit mit skandalträchtigen Selbstmordversuchen, ein kaputtes Leben, die Illusion ihrer Welt steht am Abgrund.

Sie drehte noch drei Filme, bevor sie von der Leinwand verschwand. Obwohl ihr später Auftritt in „Flammendes Inferno“ so etwas wie ein versöhnliches Karriereende markiert, bleibt doch der höchst ungewöhnliche „Angel, Angel, Down We Go“ (auch bekannt als „Cult of the Damned“) im Gedächtnis, sei es im Guten oder im Schlechten. Dass Selznicks Jennifer in einem drogenrauschinspirierten, orgiengleichen Film spielen würde und Sätze wie „Ich habe in dreißig Pornofilmen gespielt und nie einen Orgasmus vorgetäuscht“, sagen würde, ist ein beinahe einzigartiger Karrierewandel, der entweder als späte Rache gegen Selznick zu verstehen ist, der mit diesen jüngeren Camp-Formen des Kinos sehr wenig anfangen konnte, oder – und in Anbetracht der mangelnden Qualität des Films wahrscheinlicher – ein Ausdruck der Verlorenheit der Jennifer Jones, die nicht gewohnt war, dass nicht Selznick ihre Rollen vorgab. In seinen besten Momenten ist der obskure Film ein an Kenneth Anger erinnernder Bewusstseinsstrom, der tief in die Psychosen seiner Figuren eintaucht, sozusagen ein inneres, verdorbenes Bild all jener Rollen, wegen der man Jones im Gedächtnis behalten hat. Anscheinend wurde ihr in den Vertragsverhandlungen ein anderer Film versprochen, eine Art Erwachsenwerden des B-Films. Wie so oft fragt man sich, wie Jones ausgerechnet in dieser Rolle landen konnte. Nur in diesem Fall trägt die Antwort nicht den Namen Selznick.

Der letzte Film von Jennifer Jones: Im Staraufgebot von „Flammendes Inferno“ vertreten sie und Fred Astaire das klassische Hollywood.
Der letzte Film von Jennifer Jones: Im Staraufgebot von „Flammendes Inferno“ vertreten sie und Fred Astaire das klassische Hollywood.

Dabei wären die Fehlbesetzungen leicht vermeidbar gewesen. Zumindest wenn man rückblickend auf ihre Karriere blickt, kann man Pauline Kael Recht geben, die bemerkte, dass das wahre Talent von Jones in der Komödie lag. Davon drehte sie allerdings nur zwei. Zum einen Ernst Lubitschs wunderbaren Klempnerreigen „Cluny Brown auf Freiersfüßen“ und zum anderen „Schach dem Teufel“ von John Huston. In letzterem spielt Jones für ein Mal eine Frau mit Imagination, statt selbst eine Imagination zu sein. In den schnelleren, pointierten, etwas schrägen Dialogen blüht eine Lebendigkeit auf, die sonst sorgfältig unter vielen aufgetragenen Ebenen der unschuldigen Geisterfrau versteckt liegt. Hier geht es nicht um das Spielen großer Momente, sondern um die Freude daran. Ein wenig wirkt es, als könne man diese Rollen mit Phylis Isley kreditieren, aber natürlich steckte auch hinter ihnen Selznick.

Im Jahr von „Angel, Angel, Down We Go“ lernte Jones auch den Millionär Norton Simon kennen. Sie heiratet ein drittes Mal und zieht sich mehr und mehr zurück. Ab den 1970er-Jahren arbeitet sie überdies mit jugendlichen Süchtigen im Manhattan Project in Los Angeles. Ihr Sohn aus erster Ehe, Robert Walker Jr., erinnerte die Hollywood-Öffentlichkeit noch einmal an das sprunghafte, tragische, bisweilen unfreiwillig komische Klatsch-Potenzial seiner Familie, als er seine Schauspielkarriere in den 1960er-Jahren plötzlich beendete, um als Chauffeur zu arbeiten, und medienwirksam verkündete, dass er sich zum ersten Mal im Leben nützlich fühle, nur um einige Wochen später wieder als Schauspieler aufzutauchen.

Dann verschwand Jennifer Jones. Wohin ist Jennifer Jones verschwunden? Vielleicht in ein wirkliches Leben, zurück zu Phylis Isley. Man würde es ihr wünschen, obwohl man sie nicht kennen kann. Man kennt nur das Bild von ihr. Es überdauert die Zeit länger als sie selbst. Betrachtet man dieses Bild genau, sieht man nur selten mehr, als man sehen darf. Alles was durchschimmert, wirkt platziert, man soll Jenny entdecken und lieben lernen, mit ihr fühlen und sich fragen, warum sie verschwindet. Aus einer anderen Perspektive, die das perverse Machtgefüge rund um Selznick auf den Punkt bringt, bleibt ein Gedicht, das er für sie geschrieben hat:

My wife is a little girl.

Her hair has a curl

Like a little girl

She drinks, though, as if she were adolescent,

And when she’s tight her eyes are

phosphorescent.

You should see her when she smokes: there’s a

laugh now!

She’s afraid people might see she doesn’t

know how.

The point is,

My wife is a little girl,

And pure like a little girl,

And she knows good from bad, like a little

girl

Uncomplicated by the subtleties that capture

people

Till they don’t know the True Cross from a

church steeple

My wife’s mind is translucent, like a pearl.


Er wäre besser beim Produzieren von Filmen geblieben.


Fotos: Paramount, United Artists, Vanguard/Selznick, Fox, Warner.

Das wahre Talent von Jennifer Jones?: Ernst Lubitschs „Cluny Brown auf Freiersfüßen“ bescherte ihr eine seltene Komödienrolle.
Das wahre Talent von Jennifer Jones?: Ernst Lubitschs „Cluny Brown auf Freiersfüßen“ bescherte ihr eine seltene Komödienrolle.

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