Serie: American Gods - Staffel 2

Montag, 11.03.2019

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Sie sind noch mitten unter uns, die alten Gottheiten aus den Mythen und Religionen der Menschheit. Aber mit dem Glauben an sie ist in der modernen Welt auch ihre Kraft geschwunden, und vor allem in den kapitalistischen USA drohen neue Götzen ihnen endgültig den Rang abzulaufen – Dinge wie das Geld, die Technik, die Medien. Auf dieser Prämisse baute Autor Neil Gaiman seinen 2001 erschienenen Roman „American Gods“ auf; und 2017 startete Amazon Prime mit einer eindrucksvollen Serienverfilmung, die nun in ihre zweite Staffel geht.

Darin steuert alles auf einen großen Krieg zu: Mr. Wednesday (Ian McShane) alias Wotan beziehungsweise Odin, der alte Göttervater der nordischen Mythologie, versammelt weiterhin alte, vergessene Götter zu einem Krieg gegen die neuen Gottheiten. Im Zentrum steht einmal mehr der in Staffel 1 frisch angeworbene menschliche Assistent des Göttervaters, der Ex-Sträfling Shadow Moon (Ricky Whittle). Nach den Erlebnissen in Staffel 1 ist dieser mittlerweile zum „Gläubigen“ geworden, der all das Sagenhafte, das um ihn her passiert, als real akzeptiert – schon weil ihm keine andere Weil bleibt, um die Gefahren, in die ihn seine Arbeit für Wotan bringt, zu überleben. Im Kielwasser des ungleichen Gespanns folgen Shadows (un-)tote, atheistische Eherau Laura (Emily Browning) und Wednesdays Ex-Bodyguard Mad Sweeney (Pablo Schreiber).

Gleich zu Beginn von Staffel 2 steuert die Serie auf ein erstes dramatisches Zusammentreffen der Konfliktparteien zu: Im „House on the Rock“, einer typisch amerikanischen „Roadside Attraktion“ voller Jahrmarkts-Sensationen, die gleichwohl ein magischer Ort ist, wird das dürftig besuchte, von Wotan anberaumte Treffen der alten Götter zu einem Scharfschützen-Massaker. Das Ende der prallvollen, aber chaotischen ersten Folge lässt einen entführten Shadow und das Publikum mit einem klassischen Cliffhanger in der Luft hängen. Die zweite Folge findet mit klarer erkennbaren Handlungsfäden mehr Ruhe: In der Gewalt staatlich folternder Geheimdienste erinnert sich Shadow an seine Ankunft als Jugendlicher in New York, an Gewalt, Rassismus und Vorurteile, an seine wachsende Wut beim Sterben der kranken, alleinerziehenden Mutter – und liefert damit interessante Vertiefungen der Hauptfigur.

Aus dem vielschichtigen Überbau von Göttermythen vieler Länder und Zeiten, den Roman und Serie herbeizitieren, springt hier die römische Göttin Libertas hervor. Sie begrüßt Shadow bei der Ankunft per Schiff aus Frankreich in Form der Freiheitsstatue Liberty und begleitet den Taschenspieler als Freiheitsgöttin auf der Dollar-Münze, dem „American Silver Eagle“. Solch reizvolle Verbindungen zwischen alten Mythen und moderner Lebenswelt, die die Götterfiguren im Jetzt lebendig werden lassen, machen nach wie vor den Charme der Serie aus. Als Kellnerin in Schürze sagt Kali, die ebenfalls von ihren Anhängern vergessene hinduistische Göttin des Todes, zu Wotan: „Du hast den Krieg zu mir gebracht. Mir bleibt nun nichts anderes, als das Enthaupten, das Bluttrinken und das Freisetzen der Seelen fortzusetzen... Wenn ich am Wochenende frei bekomme!“ Ebenso trocken-humorig und ironisch ist weiterhin der Leprechaun Mad Sweeney aus Irland dabei, aus dem Osten Czernobog (Peter Stormare) und die Zorya-Schwestern sowie aus Westafrika Mr. Nancy (Orlando Jones) und der Trickser- und Spinnen-Gott Anansi (siehe Neil Gaimans Roman „Anansi Boys“). Die mit ihrer Vagina verschlingende Liebesgöttin Bilquis (Yetide Badaki), die Königin von Saba, gewinnt dank des Internets wieder neue Anhänger und droht die Fronten zu wechseln.

Die Handlung von „American Gods“ läuft, wie in der Romanvorlage vorgegeben, eigentlich zielgerichtet auf einen großen Showdown zu. Zu Beginn von Staffel 2 merkt man von dieser Stringenz allerdings wenig: Wegen (allzu) vieler Abschweifungen, Andeutungen und charakterlicher Attraktionen tut sich die Fortsetzung schwer damit, ihre Episoden dramaturgisch stimmig zu runden, geschweige denn Neueinsteigern irgendeinen Zugang zu gewähren. Das mag am chaotischen Produktions-Hintergrund liegen: Mit dem bisherigen Showrunner Bryan Fuller („Pushing Daisys“, „Heroes“, „Hannibal“) verließen auch Gillian Anderson (als Media-Göttin) und Kristin Chenoweth (als Fruchtbarkeits-Göttin Easter) das Projekt. Geplant waren nach Andersons großartigen Auftritten als Marilyn Monroe, Lucille Ball und David Bowie weitere Verkleidungen, unter anderem als Prinzessin Leia. Kürzungen der in der ersten Staffel sehr hohen Produktionskosten sollen für den Ausstieg Fullers verantwortlich gewesen sein. So lassen die ersten beiden Folgen eine erzählerische Linie vermissen. Neil Gaiman selbst stand als Showrunner nicht zur Verfügung, der vielseitige Autor von Kinderbüchern („Coraline“) und mysteriösen Fantasy-Geschichten betreute zeitgleich „Good Omens“, eine (im Kern sehr verwandte) Serie nach einer Roman-Kooperation mit dem verstorbenen Fantasy-Humor-Giganten Terry Pratchett (ab 31. Mai auf Amazon Prime).

Unbeeinträchtigt sind jedoch auch in Staffel 2 die exzellenten Darstellerleistungen, angefangen beim Schauspiel-Gott Ian McShane als Göttervater, über Emily Browning bis zum Hauptakteur Ricky Whittle. Und das wichtigste Kapital der Serie bleibt weiterhin ihr fantastisches und faszinierendes Erzähluniversum, das die Ideen Neil Gaimans mit viel Stilwillen umsetzt – und eigenständig, denn die Serie erzählt immer wieder auch ander(e)s als der Roman. Wobei ihre Götter wesentlich erdiger und bodenständiger daherkommen als etwa die plastikhaften Ebenbilder der nordischen Asgardier aus Marvels „Thor“-Zyklus. Günter Jekubzik

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