Filmklassiker: Der Gang in die Nacht

Donnerstag, 14.03.2019

Stummfilm-Melodram von Friedrich Wilhelm Murnau über die destruktiv-vitale Macht menschlicher Emotionen

Diskussion

Friedrich Wilhelm Murnau, einer der bedeutendsten Regisseure des deutschen Stummfilmkinos, verwickelt seine Figuren in „Der Gang in die Nacht“ in einen tragischen Liebesreigen. Das unruhige Innenleben der Menschen wird dabei durch Landschaftsaufnahmen und die Beobachtung von Naturphänomenen nach außen gekehrt. Ein Melodrama der Blicke und des Sich-Verguckens.


Der siebte Film von Friedrich Wilhelm Murnau, einem der bedeutendsten Regisseure des deutschen Stummfilmkinos, ist zugleich der älteste erhaltene Murnau-Film – und eine ziemlich wüste Kolportage. Dominik Graf hat sogar davon gesprochen, dass sich hier ein „Zombiefilm aus dem wilhelminischen Sittendrama“ herausgefiltert habe. „Der Gang in Nacht“ (1920) erzählt von einem fatalen Liebesreigen. Der ältliche und aufreizend pflichtbewusste Augenarzt Eigil Boerne ist mit der introvertierten Helene verlobt, die er seit Kindertagen kennt, doch die Beziehung ist leidenschaftslos. An Helenes Geburtstag besucht das Paar eine Varieté-Vorstellung; allerdings folgt Boerne den Treiben auf der Bühne nur mit Widerwillen und Desinteresse. Gerade dies aber weckt das Interesse der quirligen Tänzerin Lily, dem Star der Show, die sich durch einen Trick eine persönliche Begegnung mit dem Arzt verschafft.



Nach einer weiteren Begegnung mit Lily konfrontiert Boerne seine Verlobte mit dem Wunsch, ihre Beziehung zu lösen. Zusammen mit Lily verlässt er die Stadt und zieht aufs Land, ans Meer. Dort lebt am Rande des Dorfes ein erblindeter Maler, der eines Tages mit der Fähre zurückkehrt und dem Paar begegnet. Lily ist sogleich fasziniert und schlägt Boerne vor, dem Maler das Augenlicht zurückzugewinnen. Boerne hat Erfolg, aber als der Maler Lily erblickt, ist es Liebe auf den ersten Blick. Als Boerne in der Stadt die kranke Helene besucht, nutzen Lily und der Maler die Gelegenheit zu einem langen Spaziergang entlang der stürmischen See. Später entdeckt Boerne das Paar, versteht unmittelbar und bricht verzweifelt zusammen.

Es kommt zum Bruch; Boerne kehrt in die Stadt zurück. Irgendwann aber gibt es doch ein Wiedersehen. Lily sucht den Arzt mit einer Bitte auf: Der Maler droht erneut sein Augenlicht zu verlieren – und Boerne soll ein weiteres Mal seine Fachkompetenz in Anschlag bringen. Der reagiert erst verletzt, dann empört, schließlich destruktiv: „Töte dich! Dann heile ich … ihn!“ Während Lily auf seinen Vorschlag eingeht, lehnt der neuerlich erblindende Maler seinen Teil des Deals ab: „Ich gehe zurück in meine Nacht.“


Ein Film der Blicke, des Sehens und des Sich-Verguckens

Eine Kolportage, ein kunstfertiger Film der Blicke, des Sehens und des Sich-Verguckens mit zwei männlichen Protagonisten: einem Augenarzt und einem erblindenden Maler. Ein Kammerspiel nach einem Drehbuch von Carl Mayer über das In-Liebe-Fallen, das keinen Raum für Diskussionen lässt, sondern zwischen Innenräumen und Naturaufnahmen hin- und herpendelt. Am prägnantesten wird dies in der Szene sichtbar, als Boerne vom Ausflug in die Stadt zurückkehrt, auf dem Heimweg des neuen Paares ansichtig wird und weiß, dass er Lily verloren hat. Auch Lily weiß, dass er es weiß, weshalb sie sich ihm eher tröstend nähert als dass sie seinen Zorn fürchten müsste.

Man kann diese in jeder Hinsicht stürmische Szene allerdings auch anders, forcierter betrachten, beispielsweise wie Dominik Graf, der im Katalog zu einer Murnau-Retrospektive 2003 schrieb: „Die beiden Verliebten halten sich umfangen und sehen dem Eifersüchtigen bei seinem Leid zu, als hätten sie ihm gerade Gift eingeflößt und warteten nun gespannt und gleichzeitig angewidert auf die Wirkung bei ihrem Opfer.“


„Wir alle sind nicht schuldig, Gesetze standen über uns!“

Diese Szene korrespondiert deutlich mit jener Einstellung, in der Helene darauf reagieren muss, dass Boerne urplötzlich die jahrelange Verlobung aufkündigt und quasi somnambul am Gegenüber vorbei agierte. Ganz bei sich, ganz nach Innen gewandt, wo Boerne später tobend fast dem Wahnsinn nahe scheint. Auf die Erfahrung, dass Gefühle nicht verhandelbar sind und folglich auch keine „Opfer“ produzieren, rekurriert der nun wieder blinde Maler in einem Brief an Boerne: „Wir alle sind nicht schuldig, Gesetze standen über uns!“



In der blauen Hanser-Reihe hat Fritz Göttler im Murnau-Band davon gesprochen, dass „Der Gang in die Nacht“ eine „rückwärts“ laufende Ödipus-Geschichte präsentiere: der „Vater kuriert seinen Sohn von der Blindheit und wird eifersüchtig auf ihn. Seine neue Blindheit akzeptiert der Sohn wie eine Bestrafung.“ Doch für die Handlungsdynamik entscheidender ist Lilys Buhlen um Aufmerksamkeit, denn Boernes Desinteresse an ihr während der Varieté-Performance korrespondiert mit dem Nicht-Sehen des blinden Malers bei der ersten Begegnung vor dem Haus. Am Schluss haben sich die Tänzerin und der Arzt umgebracht, doch der damit ausgehandelte Tausch wird vom Maler negiert. „(…) Liebe bis in den Tod, nur gilt sie nicht denselben“, hat Thomas Koebner die Schlusspointe von „Der Gang in die Nacht“ einmal auf eine tragische Formel gebracht.


Reibungen zwischen Schauspiel-Stilen

Wenn der Drehbuchautor Carl Mayer und Friedrich Wilhelm Murnau auf der Suche nach dem – noch nicht existenten – idealen, auf Sprache komplett verzichtenden Film waren, der es verstehe, „Gedanken- und Gefühlsschattierungen“ in einer Subtilität auszudrücken, „deren das gesprochene Drama nicht fähig ist“ (Frieda Grafe), dann ist davon hier auch deshalb noch nicht viel zu erkennen, weil Murnaus Schauspieler offenkundig unterschiedlichen Schulen frönen. Während Conrad Veidt in der Rolle als blinder Maler gewissermaßen noch einmal (und ausgesprochen wirkungsvoll) seine Rolle des Mediums Cesare aus „Das Cabinet des Dr. Caligari“ (1920) variiert (auch hier hatte Mayer am Drehbuch mitgearbeitet), bekommt Olaf Fönss als Arzt scheinbar freie Hand, seine Emotionen auszuagieren. Was bisweilen unfreiwillig komisch wirkt, wie auch das Spiel von Gudrun Bruun Steffensen (Lily) und – mit Abstrichen – Erna Morena (Helene). Von „Abschattierungen“ kann, wo mit grobem Pinsel gemalt wird, kaum die Rede sein. Werner Sudendorf zitiert im Booklet zur DVD-EditionMurnau selbst, der das Problem gesehen zu haben scheint und elegant formulierte: „Meist ist der Film zu Ende, bevor man den Schauspielern das Schauspielen abgewöhnt hat.“

Die DVD-Edition von „Der Gang in die Nacht“ bietet noch einen weiteren Kammerspielfilm nach einer Drehbuchvorlage von Carl Mayer: Lupu Picks „Scherben“ (1921). Eine Bahnwärterfamilie wird durch die Anwesenheit eines Inspektors zerstört. Auch hier ist eine Ungleichzeitigkeit im Spiel der Darsteller zu konstatieren: das expressionistisch-exaltierte Spiel der verführten Tochter trifft auf ein Milieu, das direkt auf den Naturalismus eines Gerhart Hauptmann zu verweisen scheint. Ein informatives Booklet mit diversen Texten aus unterschiedlichen Perspektiven auf beide Filme rundet die empfehlenswerte Edition ab.


Editorische Notiz

Der Gang in die Nacht. Schwarz-weiß. Deutschland 1920. Regie: Friedrich Wilhelm Murnau. Mit Olaf Fönss, Erna Morena, Conrad Veidt, Gudrun Bruun Steffensen. 81 Min.

Scherben. Schwarz-weiß. Deutschland 1921. Regie: Lupu Pick. Mit Werner Krauß, Hermine Straßmann-Witt, Edith Posca, Paul Otto. 66 Min.

Doppel-DVD inklusive des Features „Musik für Murnau“ von Richard Siedhoff sowie einem umfangreichen Booklet. Anbieter: Edition Filmmuseum


Fotos: ©Edition Filmmuseum


Kommentar verfassen

Kommentieren