Aufbruch zum Jahrbuch

Dienstag, 26.03.2019

Das „Filmjahr 2018/2019. Lexikon des Internationalen Films“ ist soeben erschienen. Das Kompendium wandelt sich zum Filmjahrbuch

Diskussion

Pünktlich vor Ostern ist soeben der aktuelle Jahrband des „Lexikons des Internationalen Films“ erschienen, der das komplette Kinoangebot von 2018 sowie das Wichtigste aus dem Heimkino-Markt des vergangenen Jahres versammelt. Mehr noch: Das „Lexikon“ wandelt sich zum Filmjahrbuch. Es enthält eine Art "Best of" der 2018 auf filmdienst.de erschienenen Essays, Porträts und Interviews.


Ein 520 Seiten dickes „Lexikon“, das die wichtigsten Filmdaten, Kurztexte und Ereignisse des Filmjahrs 2018 zusammenträgt, scheint auf den ersten Blick ein Anachronismus zu sein. Fast alles, was in dem Sammelwerk zu lesen ist, wurde davor auf filmdienst.de veröffentlicht und steht uneingeschränkt oder im „FILMDIENST PLUS“-Bereich zum Recherchieren zur Verfügung. Warum also die gesammelten Texte, Rezensionen, Interviews, „Oscar“- und sonstige Filmpreis-Listen ein weiteres Mal auf Papier publizieren, wo doch alles nur ein paar Klicks entfernt auf die Suche geneigter Leser wartet?

Der Grund ist simpel und liegt in der überwältigenden Vollständigkeit virtueller Datensammlungen. Es ist wie mit dem Wald, den man vor lauter Bäumen nicht zu sehen bekommt: In der Fülle des Angebots geht der Überblick verloren. Digitale Wissenssammlungen sind unschlagbar, solange man mit konkreten Anfragen an sie herantritt. Wenn man wissen will, wer 2018 in Cannes die „Goldene Palme“ gewonnen hat (nämlich „Shoplifters - Familienbande“ von Hirokazu Kore-eda) oder was Christian Petzold bewogen hat, den Roman „Transit“ von Anna Seghers zu adaptieren, wird man im Netz in Sekundenschnelle fündig.

Gewann 2018 die "Goldene Palme": "Shoplifters - Familienbande" von Hirokazu Kore-eda.
Gewann 2018 die "Goldene Palme": "Shoplifters - Familienbande" von Hirokazu Kore-eda.

Finden, ohne zu suchen

Doch wenn man seine Suchanfrage nicht exakt präzisieren kann, weil man den Filmtitel vergessen hat oder sich vielleicht nur an ein Filmstill, einen Namen oder ein Plakat erinnert, gerät man in der digitalen Welt schnell an Grenzen. Der Cursor in der Suchmaske wartet auf konkrete Angaben; mit Ahnungen oder vagen Eindrücken kann er kaum was anfangen.

Zwar lädt auch das Internet durchaus zum Verweilen ein; seine Hyperlink-Struktur verführt geradezu zum endlosen Herumschweifen, weil man von einem Film zum nächsten und von einem Stichwort in komplett andere Fachgebiete springen kann. Mitunter so lange, bis man sich kaum mehr erinnert, was eigentlich der Ausgangpunkt der Suche gewesen ist.

Mit dem Blättern oder Schmökern in einem Buch ist das dennoch nicht zu vergleichen, weil sich die Informationen schlicht nicht griffig in die Hand nehmen lassen. Der scheinbare „Nachteil“ herkömmlicher Wissensspeicher zwischen zwei Buchdeckeln, dass sie notwendigerweise begrenzt sind, einen Anfang und ein Ende haben, erweist sich in bestimmter Hinsicht als unschlagbarer Vorteil: Man stößt bei der Suche auf limitiertem Raum zwangsläufig auf spannende Dinge, die man zwar nicht explizit gesucht hat, aber dennoch finden wollte. Die kompakte Form des Buches ermöglicht in wenigen Minuten einen Überblick über die Gesamtheit der im Filmjahrbuch zusammengefassten Themen und Gebiete, aus denen man sich dann das herauspicken kann, woran das Auge gerade hängengeblieben ist.


Ein „Best of“ des Filmjahres

Über diese strukturellen Unterschiede zwischen haptischem Buch und virtuellem Wissensportal hinaus eröffnet das Filmjahrbuch auch die Möglichkeit, eine Art „Best of“ der Artikel und Veröffentlichungen des zurückliegenden Jahres auf filmdienst.de zusammenzustellen. Der Umstieg vom Printmagazin FILMDIENST zum Filmportal filmdienst.de eröffnete ja nicht nur die Möglichkeit, die Inhalte ohne jede zeitliche oder lokale Beschränkung anzubieten; der Wechsel ins digitale Medium stellt die Redaktion vor die grundlegende Herausforderung, wie Leser davon erfahren, dass sich etwa bei der „Diagonale ’19“ eine Reihe von Dokumentarfilmen gegen den Rechtspopulismus zur Wehr setzten oder wie die Terroranschläge im ägyptischen Taucherparadies Sharm El Sheikh die Pläne der Regisseurin Johanna Domke bei ihrem Film „Dream Away“ über den Haufen geworfen haben.

Schlug nach dem Terroranschlag 2015 ein ganz andere Richtung ein: "Dream Away" von Johanna Domke.
Schlug nach dem Terroranschlag 2015 eine ganz andere Richtung ein: "Dream Away" von Johanna Domke.

Was die Zeitschrift im Zwei-Wochen-Rhythmus auf 60 Seiten per Post zu den Lesern brachte, droht im Netz allzu leicht verloren zu gehen. Wer schaut schon täglich nach, was sich auf den Seiten Neues getan hat? Oder wer nimmt sich schon die Zeit, in den Unterseiten „Personen“ oder „Filmkultur“ danach zu suchen, ob es zu Jan Bonnys „Wintermärchen“ neben der Filmkritik noch weitere Texte gibt? Das Filmjahrbuch bietet hier die Möglichkeit einer Nachlese, die frei von den Zwängen der Aktualität das zusammenträgt, was über den Tag hinaus im Jahr 2018 von Bedeutung war. Das sind beispielsweise die 20 wichtigsten Kinofilme oder die zehn bemerkenswertesten Serien, deren Rezensionen inklusive begleitender Interviews oder Essays nun in kompletter Länge und mit vielen Bildern zur Lektüre einladen. Auf rund 200 Seiten folgen alle wichtigen Artikel über „Filmbranche und Politik“, „Themen und Motive“, „Fokus Filmgeschichte“, „Deutsche FilmemacherInnen – Interviews“ oder „Internationales Kino – Porträts & Interviews“ sowie „Nachrufe“.

Einen besonderen Schwerpunkt bildet die systematische Beobachtung des DVD- und BD-Marktes, wo zu wichtigen Veröffentlichungen die Bonusmaterialien gesichtet und präsentiert werden; auch alle 68 „Silberlinge“ des Jahres 2018 werden en Detail vorgestellt. Eine Übersicht der Preisträger aller wichtigen Filmfestivals, Listen aller „sehenswerten“ und „diskussionswerten“ Filme sowie Register zu Filmtiteln und Regisseuren runden das Buch, das auch durch seinen deutlich erhöhten Bildanteil die Absicht unterstreicht, von einem lexikalischen Nachschlagewerk zu einem echten Filmjahrbuch zu werden, das seine Wertigkeit als Gebrauchsgegenstand erweist.

Das „Filmjahr 2018/2019. Lexikon des Internationalen Films“ ist über den Schüren Verlag oder den Buchhandel (inklusive der einschlägigen Online-Händler) zum Preis von 24,90 EUR zu beziehen.


Bibliografischer Hinweis

Filmjahr 2018/2019. Lexikon des Internationalen Films. Hrsg. von filmdienst.de und der Katholischen Filmkommission. Redaktion: Jörg Gerle, Felicitas Kleiner, Josef Lederle, Marius Nobach. Schüren Verlag, Marburg 2019. 520 S., zahlr. Abb., 24,90 EUR. Bezug: Schüren Verlag.

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