Natur im Kino & der Dokumentarist Jan Haft

Dienstag, 02.04.2019

Zum Kinostart von "Die Wiese - Ein Paradies nebenan"

Diskussion
 

Wunder der Natur und wie man mit ihnen umgeht: In der Geschichte des Naturfilms entwickelten sich immer wieder verschiedene Ansätze, sich Flora, Fauna und ihren Geheimnissen zu nähern. In dem deutschen Filmemacher Jan Haft hat das Genre in den letzten Jahren einen neuen Meister mit einem bewundernswert bodenständigen Ansatz gefunden.


Unbeschwert umherspringende Rehkitze auf einer Waldlichtung am Spätsommermorgen. Das Trommeln der Hinterläufe kleiner Kaninchen auf trockenem Moosboden. Das verhaltene Heranschleichen von Wildkatzen im halbhohen Gras irgendwo in der afrikanischen Savanne oder das beschwingte Umherstolzieren von Affen und Elefanten in einem Dschungel, so wie ihn sich Rudyard Kipling einst vorstellte: Jeder, der mit dem Kino groß geworden ist, erinnert sich an Filme, in denen es um die Schönheit und die Grausamkeit der Natur geht. Auch wenn (oder gerade weil) sie gezeichnet waren wie Bambi, Das Dschungelbuch oder Der König der Löwen, erschlossen diese Filme (nicht nur) für Stadtkinder die Liebe zu Flora und Fauna; das Kino machte die Zuschauer zu Gästen in den fremden Lebenswelten der Tiere und ließ sie von ungeheuerlichen, spannenden und geheimen Dingen erfahren, die staunen machen.

Zwischen akribischer Beobachtung und Dramatisierung

Was aber hat Disneys „Das Dschungelbuch“ von 1967 mit David Attenboroughs Pionierarbeit der TV-Dokumentationen „Das Wunder Leben“ (2009) zu tun? Erstaunlicherweise eine Menge, denn sie stehen beide in der Tradition der Naturdokumentationen, wie sie zuerst den Pionieren N. Paul Kenworthy Jr. sowie Alfred und Elma Milotte zu verdanken sind, die über monatelange beschwerliche Reisen mit Steppe, Dschungel und Wüste buchstäblich einswurden und die Natur und ihre Zyklen mit Stativ und Kamera auf Kilometern an Filmmaterial festhielten. Walt Disney gab ihnen in der Reihe „A True-Life Adventure“ ein Forum, in der ab Ende der 1940er Jahre Redakteure, Cutter und Regisseure das Material sichteten und danach Drehbücher für den großen Spannungsbogen verfassten. So entstanden Die Wüste lebt (1953 „Oscar“-prämiert), dessen Bild vom Luchs auf der Spitze einer riesigen Kaktee zu den berühmtesten Naturfilm-Aufnahmen aller Zeiten gehört.

"Die Wüste lebt"
"Die Wüste lebt"

Es waren die Arbeiten dieser Naturfilmer, aus denen Trickfilmzeichner später die Bewegungsabläufe von Baghira, Balu und Simba in Disneys Zeichentrick-Klassikern kopierten, die aber auch Wissenschaftler wie Hans Hass, Prof. Dr. Bernhard Grzimek und Jacques Cousteau inspirierten, sich detaillierter, weniger dramaturgisch und dafür didaktischer mit den Bewohnern des Planeten Erde zu beschäftigen. Hass und Cousteau als Meeresforscher sowie Grzimek als Tierarzt und Verhaltensforscher hatten das Sendungsbewusstsein, den Menschen die verborgenen Wunder der Natur aufzuzeigen und einer Gesellschaft, die gerade damit beschäftigt war, nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem wirtschaftlich zu prosperieren, die Fragilität und Bedrohung der Schöpfung vor Augen zu führen. Denkwürdig Grzimeks Mahnung: „Gott machte seine Erde den Menschen untertan, aber nicht, damit er sein Werk völlig vernichte.“

Sinnlichkeit und Bildungsanspruch

Einen Naturfilm zu machen, heißt immer auch entscheiden zu müssen, was man mit den Bildern von Tieren und Pflanzen vermitteln will: Lädt man komponierte Bilder zivilisationskritisch auf, wie etwa bei Godfrey Reggios Arthaus-Hit Koyaanisqatsi (1982)? Unterlegt man sie einer melodramatischen Familiengeschichte wie in Luc Jacquets Natur-Blockbuster Reise der Pinguine (2005)) Oder hält man ihnen alle Narration fern und lässt allein die detailreiche Brillanz der Aufnahmen und die emotionale Macht der Musik wirken, wie es Claude Nuridsany und Marie Pérennou in Mikrokosmos – Das Volk der Gräser vorführen? Letzterer läutete 1996 eine wahre Flut des in erster Linie „sinnlichen“ Naturfilms ein. In aller Ausführlichkeit bekam das Publikum hier Makroaufnahmen von sich küssenden Weinbergschnecken präsentiert, und Bruno Coulais („Die Kinder des Monsieur Mathieu“) komponierte dazu eine Arie für die Mezzosopranistin Marie Kobayachi. Ein Werk, das in seiner Wechselwirkung zwischen (Natur-)Bildern und Musik Erinnerungen an Walt Disneys „Fantasia“ wachruft. Die Grenzen zwischen Kunst und Kitsch, Agitation und Banalität sind hier fließend. Auch die ermüdende Beliebigkeit der im letzten Jahrzehnt aufgekommenen Manie, sämtliche Natur mit hochauflösenden, der CIA-Forschung entstammenden „Cineflex“-Kameras aus Helikoptern „von oben“ abzulichten, ist nur selten so gelungen wie 2011 bei Silke Schranz und Christian Wüstenberg in ihrem Film Die Nordsee von oben.

Die Fertigkeit, Natur nicht nur schön aussehen zu lassen, sondern auch beiläufig Wissen über sie zu vermitteln, ist selten. Doch nicht ausgestorben! Einer der Meister kommt aus München und hat das Genre – zumeist vom Boden aus – revolutioniert. Peu à peu und ganz nebenbei. Sein Name ist Jan Haft.

Regisseur Jan Haft
Regisseur Jan Haft

Überflieger-Technik trifft auf bodenständige Themen

Wie passen seine zumeist gerade 45 Minuten langen Naturfilme in das große Bild des epischen Naturfilms? Optisch zumindest steht er in einer Linie mit Alastair Fothergill („Deep Blue“, „Unser Planet“), Sir David Attenborough und der BBC, die aktuell die Bilderhoheit über und unter Wasser in Fernsehen und im Kino innehaben. Auch der zumeist in Oberbayern lebende Dokumentarfilmer, der seit der Jahrtausendwende mit seiner eigenen kleinen Produktionsfirma „nautilusfilm“ agiert, hat verstanden, dass man mit ultrascharfen Bilden und außergewöhnlichen Perspektiven die Aufmerksamkeit des Zuschauers hält. Wie die „Altvorderen“ geht auch der 52-Jährige zunächst auf die Jagd nach Bildern und Ideen, bis sich am Ende im Schnitt eine Geschichte ergibt – erzählt mit Highend-Technik, die Zeitlupen, Zeitraffer, die mikroskopische Sicht oder Panoramen aus dem Helikopter ermöglicht. Sein Mini-Making-of „Wie entsteht ein Naturfilm“ betont, dass die Produktion seiner Werke zu allererst Planung, Geduld und Gleichmut erfordert, und die Standhaftigkeit, einfach mal einen Tag lang im Tarnanzug auszuharren. Im Zweifel wird Natur auch im Studio nachgebaut, um den perfekten Shot von Pflanzen und Tieren, die allzu gern im Verborgenen agieren, in aller Ruhe einzufangen. „Business as usual“ in der Welt des Naturfilms.

Aha-Erlebnisse vor der Haustür

Doch während die „Großen“ mit immensem Budget in die Welt ziehen, um an exotischen Locations überwältigende Bilder zu finden, sucht Haft erst einmal das Verständnis im Kleinen, vor der Haustür. Sein Zweiteiler Mythos Waldvon 2009 (der später Grundlage zu seinem ersten abendfüllenden Kinofilm Das grüne Wunder – Unser Wald bildete) geht Haft der diffizilen Ökologie in unmittelbarer Nachbarschaft auf den Grund. Natürlich nicht ohne die Probleme aufzuzeigen, die ein Miteinander zwischen Natur- und Kulturlandschaft (immerhin ist der Wald in Deutschland von wichtigem wirtschaftlichem Nutzwert) mit sich bringt. Ein Naturfilmer ist zuallererst ein Bewahrer, der sich um den Erhalt dessen sorgt, was er mit so immensem Aufwand in den bequemen, trockenen Kinosaal oder das heimelige Wohnzimmer trägt. Doch neben den vielen kleinen „Aha“-Erlebnissen, die das Zusammenspiel von Tieren und Pflanzen in Hafts Filmen bereitet, ist es vor allem die (politische) Einstellung, die verblüfft.

"Mythos Wald"
"Mythos Wald"

Die Wiese ist von Menschen gemacht; ihre Vielfalt an Fauna und Flora verdankt sich einer jahrhundertealten Tradition der Bewirtschaftung. Der 2006 innerhalb des ARD-Serien-Langläufers „Expedition ins Tierreich“ gezeigte 45-minütige Dokumentarfilm „Die Wiese“ beschreibt die Geschichte des baumlosen Grüns als „Geschenk des Menschen an die Natur“. Das ist erstaunlich, begreift hier doch ein Natur-Dokumentarist den Menschen erst einmal nicht als Eindringling und als Zerstörer, sondern auch als Schöpfer von Natur. Haft ist nicht nur ein (kritischer) Chronist des Niedergangs, sondern zuallererst ein Botschafter der Erkenntnis, dass „menschlich“ und „natürlich“ kein Widerspruch sein muss.

Übers Zusammenspiel von Mensch und Natur

Sicher, auch er geht in seinem neuen abendfüllenden Kinofilm „Die Wiese“ noch einen Schritt weiter und mahnt, dass mit der Überdüngung des „Nutzraums“ Wiese die über Jahrhunderte produzierte Artenvielfalt verloren zu gehen droht und aus einem duftenden, wimmelnden, über Generationen an den Menschen angepassten Biotop ein „toter“ Energiespender für das Nutzvieh wird. Dennoch wird er nicht müde zu zeigen, dass „Einklang mit der Natur“ den Menschen nicht ausschließt. Auch in seiner nach Das grüne Wunder - Unser Wald (2012) und Die Nordsee - Unser Meer (2013) und vor Die Wiese (2019) dritten Kinodokumentation Magie der Moore (2015) erstaunt seine Erkenntnis, dass es eine Zukunft der Moore nur geben kann, wenn dem Menschen ermöglicht wird, dessen Schönheit (in Maßen) aktiv zu erleben. Natur vor dem Menschen wegzuschließen, entfremdet ihn nur noch mehr von dem, das es zu bewahren gilt.

"Magie der Moore"
"Magie der Moore"

Jan Haft ist ein Meister des Vermittelns kleiner Erkenntnisse. So ist in seinem Zweiteiler „Geheimnisvoller Garten“ (2015) der Mensch zunächst einmal ein „Bewahrer“ eines einzigartigen Biotops. In seinem „Wildes Deutschland“-Beitrag „Der Chiemsee“ (einem 2016 mit dem Heinz-Sielmann-Filmpreis ausgezeichneten Werk) stellt er klar, dass der 80 Kilometer von München gelegene größte See Bayerns natürlich ein vom Menschen okkupiertes Biotop darstellt. Doch der Mensch als solches sei hier nicht das Problem. Viel mehr dessen Kampf gegen die Stechmücken und Eintagsfliegen, die im Falle einer Ausrottung ein ganzes Ökosystem zerstören könnten. So ist der Film ein einziges Plädoyer für das „Plankton der Lüfte“, das bei Nähe betrachtet tatsächlich auch eine gewisse Schönheit offenbart. Wenn man Natur haben will, muss man sie zulassen – das ist Jan Hafts Botschaft. Dazu gehören eben auch Mückenstiche.


Fotos: ©Walt Disney/Polyband

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