Drift

Mittwoch, 03.04.2019

Eine filmische Begegnung mit verschiedenen Zuständen des Meeres

Diskussion

Ab 3.4.2019 ist beim Streaminganbieter Mubi der Film "Drift" der deutschen Filmemacherin Helena Wittmann zu sehen, der 2017 im Rahmen der Kritikerwoche beim Filmfestival Venedig Premiere feierte.

Gezeigt und erfahrbar gemacht wird in Helena Wittmanns "Drift" eine Begegnung mit verschiedenen Zuständen des Meeres rund um die Trennung, Einsamkeit und Sehnsucht zweier Frauen. Es gibt verschiedene Phasen, die der Film durchläuft, wobei er sich mit jeder Phase selbst verlässt und findet. Erst eine gemeinsame Suchbewegung, dann eine einsame, eine Rückkehr, eine Wiederkehr. Immer wieder reißt es den Film sanft aus sich und in sich, mit einem Schrei nach den Gezeiten, flüsternd, manchmal kaum wahrnehmbar zwischen minimalsten Lichtfetzen einer Dunkelheit des Meeres und dem alles verschluckenden Weiß der Bettdecken am nächsten Morgen. Das Meer wird auch ein Traum. Alles Leben nimmt in Drift die Form des Meeres an oder tritt ein, in einen Tanz damit.

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Das Meer, so viel wird klar, ist kaum objektiv beschreibbar. Es ist nahe an den Körpern und Gefühlen gebaut und alldem, was daran unaussprechlich bleibt. Kommend und gehend, wandelnd ohne Zeit in der Zeit, mit und vom Licht getränktes Salz. So wie man in Muscheln das Meer hören kann, so scheint es in uns fort zu wirken. Es gibt kein Ende im Meer. Weder wenn man darauf blickt, es hört, noch wenn man daran denkt.

Das Meer atmet, wir atmen, das ist schon Kino.




Doch nicht nur die wahrnehmbaren Bewegungen des ozeanischen Raumes, dem man sich hier annähert, treiben hinfort. Auch die Kamera folgt den Figuren und Bäumen, Ameisen und Fischen, Lichtern, Schneeflocken und Glastüren in den Suchbewegungen und Formen von Wellen. Es gibt zum Beispiel ungeahnte Analogien zwischen einem atmenden Körper und den Wellen auf hoher See. Vieles im Film schafft eine gegenwärtige Nicht-Präsenz. Es sind Erinnerungsbilder, die nicht auf eine narrative oder psychologische Aufklärung hinarbeiten, sondern immer wieder zurück zum Meer führen. Genauer müsste man sagen: zu Bildern vom Meer, die einzigen, die nicht wieder gehen, wenn sie kommen, wie die letzte an „Wavelength“ von Michael Snow erinnernde Szene zeigt, als ein Foto das festhält, was eigentlich schon lange wieder vorbei wäre.

„Wellenlänge“ wäre auch ein Name für den Film, vielleicht kein guter. Nur wenn alles auf einer Wellenlänge treibt, wenn Wellenlängen zwischen uns liegen, also genau die Länge eine Welle, dann wissen wir nicht, ob alles unendlich scheint oder nur für einen flüchtigen Augenblick existiert. Und genau so fühlt sich das Meer in „Drift“ an.

Außer an Michael Snow denkt man auch an Apichatpong Weerasethakul, denn all diese Nachbilder, Rückbilder, die Freiheit der Kamera, die sich interessiert für das, was sie spürt, nicht für das, was sie erzählen will, gibt es ähnlich auch beim thailändischen Filmemacher.




Wittmann verlässt auch das Meer, um es in anderen Landschaften zu finden. Einmal gibt es einen Übergang aus einem Rausch des Meeres hin zu einem Nebel, der wirkt wie Salz in der Luft. Das Meer als Raum greift über auf das Land. Vielleicht vermissen Menschen, die am Meer aufgewachsen sind und von dort fortgingen, das noch mehr als das Meer selbst: die Art, wie Bäume sich am Meer drehen, die Luft, die Geräusche. Immer wieder hat man das Gefühl, dass diese Bilder von Gischt und Mondlicht auf der Wasseroberfläche auch innere Bilder sind. Die Beschreibung von Seelenzuständen, nicht metaphorisch, sondern im Dialog mit der Außenwelt.

Wenn es in irgendeiner Weise das Ziel von „Drift“gewesen ist, das Meer räumlich zu erfassen oder zu beschreiben, dann hat er großartig versagt, in dem er die Ohnmacht vor dieser Welt zwischen Mystik, roher Präsenz, Leben, Vergänglichkeit und Abstraktion dokumentierte. Das Schöne daran ist, dass Wittmann zusammen mit Theresa George nicht eine Reise als Ausgangspunkt genommen hat, wie das in gelungenen anderen, jüngeren Beispielen im Kino des Meeres, wie „At Sea“ von Peter Hutton, Leviathan von Lucien Castaing-Taylor and Véréna Paravel oder „Transatlantique“ von Félix Dufour-Laperrière der Fall ist, sondern die Reise in der Kamera ausübt. Epstein und Henri Storck, es ist noch nicht vorbei mit dem Meer im Kino!



Fotos:  Stills aus "Drift". ©Helena Wittmann

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