Seymour Cassel (22.1.1935-7.4.2019)

Mittwoch, 10.04.2019

Der amerikanische Schauspieler war einer der Favoriten von John Cassavetes und eine Ikone des Independent-Films

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Seit 2012 vergibt das auf Independent-Filme ausgerichtete Internationale Filmfestival Oldenburg jährlich den Seymour Cassel Award für eine schauspielerische Leistung – eine Ehrung, mit der die Organisatoren nicht nur einem ihrer häufigsten Gäste huldigen, sondern „dem Gesicht des unabhängigen Kinos schlechthin“. Tatsächlich war Seymour Cassel über einen Zeitraum von über 40 Jahren ein Darsteller, der das amerikanische Kino jenseits des Mainstreams ebenso mit seinen Auftritten bereicherte, wie er als dessen vehementer Botschafter auftrat. Das zerknautschte Gesicht mit den wachen Augen, oft mit einem Schnauzbart verziert, und die leicht zerstreute Aura seiner Charaktere machten den 1935 in Detroit geborenen Seymour Cassel trotz einer rauen Stimme und einer Boxerstatur zum Sympathieträger, der insbesondere in seinen späteren Jahren immer wieder auch als Mentorenfigur zu sehen war.

Seinen Einstieg ins Filmgeschäft fand Seymour Cassel in den 1950er-Jahren über die Bekanntschaft mit John Cassavetes, der nach ersten Erfolgen als Schauspieler seine eigenwilligen Ambitionen als Regisseur verwirklichen wollte: Mit Filmen, die sich unmittelbar und ungeschönt der Wirklichkeit aussetzten, mit den Schauspielern erarbeitet, dialogintensiv, und ohne Zugeständnisse an Hollywood-Unterhaltungsbedürfnisse. Schon bei Schatten (1958), der ersten Regiearbeit von Cassavetes, half Seymour Cassel dem Freund vor und hinter der Kamera. In seinem stilprägenden Film Gesichter (1968) gab Cassavetes ihm die Rolle des hippieartigen Gigolos Chet, der einer unglücklichen Ehefrau (Lynn Carlin) beisteht, während deren Ehemann (John Marley) mit einer Prostituierten (Gena Rowlands) anbandelt. Der für einen No-Budget-Filmen mit zahllosen Produktionsschwierigkeiten auch finanziell beachtliche Erfolg traf auch Cassel, der für seine Rolle für den „Oscar“ nominiert wurde, drei Jahre danach stand er als Parkwächter, der mit einer Museumskuratorin eine turbulente Beziehung eingeht, in Minnie und Moskowitz erneut mit Gena Rowlands vor Cassavetes’ Kamera.

Es blieb eine der wenigen Hauptrollen des Schauspielers, der in seiner Karriere trotz seiner Independent-Vorliebe auch immer wieder in Mainstream-Filmen wie Dick Tracy (1990) oder Ein unmoralisches Angebot (1992) kleine Aufgaben übernahm. Nach Cassavetes’ Tod 1989 fand Seymour Cassel rege Beschäftigung in den Filmen junger Independent-Regisseure, die damit auch ihrem Wegbereiter Reverenz erweisen wollten: Alexandre Rockwell gab Cassel in In the Soup (1992) die schöne Rolle eines gealterten Gangsters und Filmenthusiasten, der einem jungen Möchtegern-Regisseur unter die Arme greift, sein dortiger Filmpartner Steve Buscemi besetzte ihn in seinen Ausflügen ins Regiefach wie Trees Lounge (1996), außerdem drehte Cassel mehrfach mit Wes Anderson und Dennis Hopper. Den Spaß an ungewöhnlichen Filmprojekten verlor der Darsteller, der Independent-Filme einmal als „Kino mit Überlegung“ bezeichnete, auch im Alter nicht und erschien bis 2014 sehr regelmäßig auf der Leinwand. Am 7. April 2019 verstarb Seymour Cassel in Los Angeles 84-jährig an den Folgen einer Alzheimer-Erkrankung.


Foto aus „Minnie und Moskowitz“: Concorde

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