Leben um jeden Preis: Der Filmemacher Bo Widerberg

Donnerstag, 11.04.2019

Anlässlich einer Retrospektive im Kino Arsenal

Diskussion

Bo Widerberg (1930-1997) gehörte in den 1960er-Jahren zu den Initiatoren einer schwedischen Nouvelle Vague. Eine Würdigung des Filmemachers, dessen Schaffen vom 12. bis 28. April 2019 im Rahmen einer Retrospektive im Berliner Kino Arsenal wieder entdeckt werden kann.


Britt, die junge Fabrikarbeiterin in Bo Widerbergs Langfilmdebüt „Barnvagnen“ („Kinderwagen“, 1963), ist von einem Rock’n’Roll-Musiker schwanger, der die Verantwortung scheut und wenig Talent für den Alltag hat. Während er im „Rhythmus-Business“ kleine Erfolge feiert, begegnet sie Björn, einem Gymnasiasten, der sich zwischen Selbstzweifeln und Aufbegehren zerreibt. In einer der schönsten Szenen des Films – als „Bibliotheksszene“ hat sie in Widerbergs Werk einen geradezu ikonischen Status – nähert sich das Paar in der Musikabteilung der öffentlichen Bücherei zu den Klängen von Vivaldi an. Mit Kopfhörern auf den Ohren teilen Britt (Inger Taube) und Björn (Thommy Berggren; er sollte zum Stammschauspieler in Widerbergs Filmen werden) eine Erfahrung – und teilen sie auch wieder nicht. Sie hört Vivaldi zum ersten Mal und fragt zuallererst, was es kostet, er ist in der klassischen Musik zu Hause. „Gefällt es dir?“ – „Die Musik? Sicher.“ – „Gefällt es dir wirklich?“ – „Nicht wirklich. Dir? – „Ja.“ – „Jetzt klingt es besser. Ein bisschen.“ Widerberg lässt auf feinstoffliche Weise die Verbindung und Nähe der beiden Figuren sichtbar werden wie auch ihre Abgetrenntheit, ihre soziale Differenz.

Und er zeigt bereits hier seine Meisterschaft im Einfangen eines wahrhaftigen, von jedem antrainierten Schauspielervirtuosentum entkleideten Ausdrucks. Die Blicke der beiden Figuren – Blicke zum anderen, Blicke in sich hinein, in die Vergangenheit – sind offen und empfänglich, aber mitunter scheinen Wellen von Zweifel und Traurigkeit wie Schatten an ihnen vorbeizuziehen. Spürbar ist auch, dass Widerberg, der als Sohn einer Arbeiterfamilie aus Malmö in ein anderes gesellschaftliches Milieu wechselte, beide „Seiten“ vertraut sind. Sein Blick auf Klassenverhältnisse ist gänzlich frei von Dünkel beziehungsweise Ressentiment.

Der Beginn einer „schwedischen Nouvelle Vague“

Mit „Barnvagen“ leitete Bo Widerberg (1930–1997), der innerhalb des schwedischen Kinos als Antifigur zu Ingmar Bergman gilt (der Filmemacher Ruben Östlund sprach einmal davon, dass man entweder zum „

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