Zum Tode von Bibi Andersson (11.11.1935-14.4.2019)

Mittwoch, 17.04.2019

Ein Nachruf auf die schwedische Schauspielerin

Diskussion

Die schwedische Schauspielerin Bibi Andersson war eine von Ingmar Bergmans Lieblingsdarstellerinnen. Ihre Figuren bestachen durch ihre vitale und emanzipierte Persönlichkeit und brachten eine Note von Heiterkeit auch in düstere Szenarien. Auch im internationalen Kino reüssierte sie in den Rollen tatkräftiger Frauen. Ein Nachruf.


Viele schwedische Schauspieler verdanken Ingmar Bergman ihren Weltruhm und ihre internationale Karriere. Das galt auch für Bibi Andersson. Zu Bergmans stock company kam sie eher zufällig. Am Anfang steht eine frühe Brotarbeit von Bergman, ein Werbefilm für Seife, bei dem die Fünfzehnjährige auftrat. Dann, nach der Theaterschule, wurde sie 1956 sofort Mitglied in Bergmans Theatertruppe. Erste Filmerfahrung hatte sie bereits bei Gustaf Molander gesammelt, der seit der Stummfilmzeit den schwedischen Film geprägt hatte. In Herrn Arnes Schatz (1954) spielte sie ein junges Mädchen, dessen Tod gesühnt werden muss. Bergman setzte sie nach einer kleinen Rolle in Das Lächeln einer Sommernacht (1955) erstmals 1957 in Das siebente Siegel in einer tragenden Rolle ein. Mitten in dem mittelalterlichen Endzeitdrama spielte sie eine lebensfrohe Schauspielerin. Und noch im selben Jahr bekam sie von Bergman die erste große Rolle in Wilde Erdbeeren. Ein alter Professor begibt sich auf seine symbolbeladene letzte Fahrt. Sie erscheint in den Erinnerungen des alten Mannes als seine unbeschwerte Jugendliebe und parallel leiblich als junge Tramperin. Unübersehbar war Bibi Andersson unter den Bergman-Schauspielerinnen eine Ausnahme: vital, fröhlich, unbesorgt, frei von des Gedankens grauer Blässe.

Aber natürlich geht das bei Bergman nicht lange gut. Schon in Wilde Erdbeeren hat ihr Spiel eine hintergründige, zweite Ebene. In ihrer strahlenden Heiterkeit ist eine zarte grausame Note enthalten, ein unbewusster Stachel von Indifferenz und Narzissmus. 1958, in Nahe dem Leben, war sie ein robustes Arbeitermädel, das infolge eines Abtreibungsversuches mit zwei Bürgerstöchtern in der Gynäkologie landet; sie lässt sich anstecken von der allgemeinen Hysterie, aber geht gestärkt daraus hervor. Das Gesicht aus demselben Jahr handelt von abergläubischer Wissenschaft und wissenschaftlicher Magie. Anderssons Magd Sara hat eine elastische Moral und zieht mit dem magnetischen Heilungstheater davon. Das Gutbürgerliche mit seiner moralischen Kleinkrämerei ist ihr immer nur Fassade.

In Bergmans Ensemble von professionellen Hysterikern ist sie immer die Groteskkomische. Als falsche Unschuld vom Lande in Die Jungfrauenbrücke (1960) ist sie dem Teufel ein Dorn im Auge; der schickt Don Juan persönlich auf Heimaturlaub. Der teuflische Witz ist nicht die mangelnde Standhaftigkeit der Pfarrerstochter, sondern ihre allzu leichte Tugendhaftigkeit, die in Don Juan unerwartete Reaktionen hervorruft. Bergman, zur Erinnerung, hat auch eine ganze Reihe erstklassiger Komödien produziert und nicht nur intellektuelle Psychokatastrophen. 1964 ging es auch gleich munter weiter mit Ach, diese Frauen. In dem Frauenreigen dieser Satire um Starkult fällt Bibi Andersson wieder die lockere Hauptrolle zu.

"Wilde Erdbeeren" mit Victor Sjöström
"Wilde Erdbeeren" mit Victor Sjöström

1966 folgte Persona, der Film, der mit einem Schlag den Weltruhm von Bibi Andersson und Liv Ullmann begründet. Bibi Andersson darf wieder in der gewohnten Manier des Plappermauls beginnen. Und zwischendrin dürfen wir aus einem Brief von Liv Ullmann erfahren, was sie von dem Geplapper hält. Aber dann kippt das Mikrodrama immer mehr. Die eine frisst sich in die Seele der anderen – bis die eine Person auf die andere projiziert wird. Bergman, dem Kameramann Sven Nykvist und den beiden Schauspielerinnen gelingt eine Sternstunde der Filmgeschichte. Nykvist erinnerte sich später: „Der Film erlaubt es mir, meiner Faszination für das Gesicht zu frönen. Ich mag die Spiegelbilder in den Augen, die manchen Regisseur irritieren, aber realitätsnah sind. Ich konzentriere mich immer sehr auf die Augen, weil ich glaube, dass sie der Spiegel der Seele sind. Die Wahrheit liegt in den Augen der Schauspieler und äußerst kleine Veränderungen des Ausdrucks können mehr offenbaren als tausend Worte.“

Es gibt zu diesem Film Interpretationen ohne Ende. Bibi Andersson könnte die frühe, junge Geliebte von Bergman sein, Liv Ullmann die spätere, reifere. Herr Bergman alias Herr Vogler alias Gunnar Björnstrand projiziert die eine auf die andere, bis er sie selbst verwechselt. Dieser Film um eine Teetasse und zwei Gesichter ist der intimste und persönlichste von Bergmans Filmen. Der alte Männerwahn, man könnte eine Frau aus der anderen klonen. Der manipulative Herr Vogler redet mit der Redseligen, als wäre sie die Intellektuelle, die er zum Erstummen gebracht hat. Zum Schluss reisen beide Frauen wortlos ab, als hätte er beide verloren.

Mit Liv Ullmann in "Persona"
Mit Liv Ullmann in "Persona"

1969, in Passion, spielte Bibi Andersson eine Frau mit Affären und 1970, in The Touch, eine Frau mit einer Affäre. Sie spielte immer die eher komische Nebenfigur, an der die großen Katastrophen vorbeilaufen, auch wenn sie daran nicht unbeteiligt ist. In Szenen einer Ehe (1973) war sie die streitbare Gattin eines Ehepaars auf Besuch. Der Besuch rauscht ab und jetzt kommt das eigentliche Ehedrama ins Rollen. Diesen Typus, der den Stein ins Rollen bringt, durfte sie im internationalen Kino häufig spielen. Bei prominenten Regisseuren wie Vilgot Sjöman (Schlafwagenabteil, Syskonbädd 1782 (Geschwisterbett)), Mai Zetterling (Die Mädchen), John Huston (Ein Brief an den Kreml), André Cayatte (Anklage: Mord), James Toback (Gefährliches Dreieck) oder Robert Altman (Quintett). Kino ist, wenn schöne Frauen schöne Dinge tun dürfen, meinte Truffaut. Bibi Andersson war die emanzipierte Variante dieser Idee: Selbstbestimmung ließ sie noch schönere Dinge tun.


Foto: StudioCanal

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