goEast – Generationenkonflikte

Donnerstag, 18.04.2019

Das 19. goEast Festival des mittel- und osteuropäischen Films in Wiesbaden (9.-16.4.2019)

Diskussion

Ein nackter junger Mann springt vom Balkon einer Altbauwohnung in den Tod. „Spring doch, wenn du willst!“, hat ihm sein Kumpel noch kurz vorher zugerufen. Er selbst trinkt später verkatert im Morgengrauen konzentrierte Säure, und ein dritter schüttet in einer irrealen, albtraumartigen Sequenz die gleiche Säure in das prunkvolle Taufbecken einer orthodoxen Kirche. „Acid“ („Kislota“), das Spielfilmdebüt des Russen Alexander Gorchilin, erzählt von einer verlorenen Generation: „Was können wir schon groß in diese Welt einbringen, außer irgendetwas vom iPhone herunterzuladen“, sagt Petya. Er, Sascha, Wanja und andere gehören zu einer Clique meist vaterloser Männer aus einer eher wohlhabenden urbanen Mittelschicht. Sie tanzen, trinken, haben Sex und nehmen Drogen. Ihre Eltern hatten noch gewisse Ideale oder zumindest Ideen von Selbstverwirklichung, ihnen selbst fehlt jede Orientierung.

Zuerst Provokateur, dann reicher Künstler

„Acid“ wurde in Wiesbaden mit dem Hauptpreis, der „Goldenen Lilie“ ausgezeichnet. Der Titel des Films ist vieldeutig, denn „Acid“ kann sich sowohl auf die Droge LSD, eine besondere Form der Techno-Musik oder einfach auf die extrem aggressive Säure beziehen, der im Film immer wieder eine wichtige Rolle zufällt: Einmal nimmt ein Künstler die Jugendlichen nach der Räumung einer Diskothek durch die Polizei in sein Atelier mit, das voller kleiner Statuen und Büsten aus der kommunistischen Zeit ist, und legt eine Figur ins Säurebad: „Die hat alle mein Vater gemacht, aber erst ich verwandele sie in Kunst.“ Auch in der Sowjetzeit gab es Generationskonflikte, und sein Erfolgsrezept ist kurz und knapp: „Zuerst wirst du ein Provokateur, und dann ein reicher Künstler.“ Aber die jungen Leute wollen nichts mehr lernen von den Älteren. „Acid“ ist der Debütfilm von Alexander Gorchilin, der als Schauspieler am Gogol Center beim Putin-Kritiker Kirill Serebrennikow tätig war – ein Ensemblefilm mit ebenso lakonischen wie präzisen Darstellern, die wie Gorchilin vom Theater kommen.

"The Stonespeakers"
"The Stonespeakers"

In einem ganz anderen sozialen Umfeld entwickelt sich der ukrainische Dokumentarfilm „Home Games“ („Domashni Igri“), der den „Preis des Auswärtigen Amtes für Kulturelle Vielfalt“ erhielt. Alisa Kovalenko stellt eine junge Ukrainerin vor, die sich nach dem Tod der Mutter um ihre kleinen Geschwister kümmern muss. Gleichzeitig verfolgt sie ihren Traum von einer Fußball-Karriere und kämpft trotzig gegen alle Schwierigkeiten, die ihr aus ihren prekären Familienverhältnissen entstehen. Der Film bleibt von Anfang bis Ende beeindruckend dicht an seinen Protagonisten und vermittelt trotz der beklemmenden Misere auch immer eine hoffnungsvolle Atmosphäre.

Vergleichbar erfolgreich mit Kontrasten arbeitet auch der kasachische Regisseur Adilkhan Yerzhanov in „The Gentle Indifference of the World“(„Laskovoe bezrazlichie mira“). Mit süßer Bitterkeit und schwarzem Humor entfaltet er die Geschichte einer kasachischen Familie und ihres Traums vom Geld, erzählt von der Nähe mafiöser und familiärer Strukturen. Dafür wurde Yerzhanov mit der Auszeichnung für die beste Regie und dem FIPRESCI-Preis ausgezeichnet.

Die Verantwortung des Einzelnen

In dem Wettbewerbsbeitrag „Cold November“ („Nëntor i ftohtë“) aus dem Kosovo entscheidet sich ein Familienvater albanischer Herkunft Anfang der 1990er-Jahre im Zeichen einer zunehmenden Repression durch die serbische Regierung zum Verbleib in seiner serbischen Firma, um seine Familie ernähren zu können. Dafür wird er von seinen ehemaligen Kollegen als Verräter gebrandmarkt. Ismet Sijarina gelingt es, über eine fast private Geschichte im Vorfeld des drohenden Kosovo-Krieges ethische Fragen aufzuwerfen über die Rolle und die Verantwortung des Einzelnen in Umbruchs- und Kriegssituationen. Sehr subtil schildert er über den Konflikt zwischen dem Protagonisten, seinem pflegebedürftigen Vater und seinen Kindern auch die Brutalisierung einer Gesellschaft.

Wie viele Filme sich 2019 mit dem Thema „Generationenkonflikt“ auseinandersetzen, unterstrich auch Festivalleiterin Heleen Gerritsen. Als Besonderheit an den Filmen aus Ost- und Mitteleuropa war auszumachen, dass zwischen den Generationen nicht nur das Alter, sondern oft auch die Erfahrung eines Aufwachsens in unterschiedlichen Systemen stehen. Im Dokumentarfilm-Debüt „Strip and War“ von Andrei Kutsila sind dies ein alter Mann und sein Enkel, die gemeinsam in einer Plattenbauwohnung in Weißrussland leben. Sie lieben sich, aber sie verstehen sich nicht. Der Großvater lebt immer noch streng nach seinen altsowjetischen Idealen, während sein Enkel vom großen künstlerischen Aufstieg in einer neuen Welt träumt. Insgeheim aber ahnt der Alte längst, dass seine Welt der Orden, der heroischen Kriegserinnerungen, der Panzerparaden und eingelegten Gurken nur noch in der versteinerten Welt Weißrusslands unter dem Diktator Alexander Lukaschenko weiterlebt. Und auch dem Enkel ist bewusst, dass ihn seine tänzerische Begabung nicht auf die großen Bühnen dieser Welt gebracht hat, sondern er sich sein Geld hart mit Striptease auf trostlosen Junggesellinnen-Abschiedspartys in Provinzdiskotheken verdient. Für den 36-jährigen Regisseur spiegelt sein Film die Bewusstseinsspaltung seiner Heimat wider, denn beide Figuren leben in Weißrussland, allerdings in verschiedenen Welten: „Der eine lebt in einer kapitalistischen Konsumgesellschaft mit allen Wünschen nach sozialem Aufstieg und Bequemlichkeit. Der andere lebt auf der gleichen Fläche in einer großartigen Sowjetunion. Das ist die Wirklichkeit von Weißrussland.“

"Moon Hotel Kabul"
"Moon Hotel Kabul"

Die Protagonisten der Spiel- und Dokumentarfilme in Wiesbaden kämpften oft gegen Lebensumstände, die sie einengen: der junge Weißrusse, der von der Tanzkarriere träumt, die junge Mazedonierin, die trotzig ihr Kreuz gegen archaisch-religiöse Vorurteile verteidigt (im Eröffnungsfilm „God Exists, Her Name is Petrunya“), oder der rumänische Journalist in Afghanistan, der einer Verschwörung auf die Spur kommt, die bis in die Spitzen der rumänischen Gesellschaft reicht, aber von der nie ein Medium berichten wird: Die Grenzen zwischen Wahrheit und Fiktion hingegen verschwimmen für den Protagonisten in Anca Damians doppelbödigem Noir-Thriller „Moon Hotel Kabul“ (Rumänien/Frankreich) um einen Journalisten auf Reportagereise zwischen Kabul und Bukarest.

Undurchsichtige Welten

Die Welt ist undurchsichtig geworden, 30 Jahre nach dem Zusammenbruch des Kommunismus. Das gilt für die Menschen im Süden von Bosnien-Herzegowina in dem bosnischen Dokumentarfilm „The Stonespeakers“, die nach den Zerstörungen des Krieges nun mit dem Tourismus konfrontiert werden, ebenso wie für den Oppositionspolitiker Ferenc Gyurcsány in dem ungarischen Dokumentarfilm „Hungary 2018“, der gegen die mächtige Regierungspartei bei den Wahlen scheitert und bitter den Wahlsieg seines Konkurrenten erlebt. Der Film zeichnet auch die Propagandaauftritte von Victor Orbáns regierender FIDESZ-Partei auf, die mit primitivsten Fake-News und Gerüchten die Ressentiments und Vorurteile bei den Wählern auf dem platten Lande schüren. 90 Prozent der ungarischen Medien, so resümiert der Film, werden von der Regierungspartei FIDESZ kontrolliert.

"Hungary 2018"
"Hungary 2018"

Warum Orbáns Angstpolitik so erfolgreich in einem Land ist, das vor dreißig Jahren als erstes den Eisernen Vorhang abbaute? Für Eszter Haydú hat die rechtsextreme Regierung eine sehr einfache Methode: „Die Menschen sind arm, enttäuscht, ohne Zukunftsperspektiven. Und weil jeder auch positive Selbstbestätigung braucht, vermittelt ihnen die Regierung, sie sollen stolz auf ihre weiße Hautfarbe, auf ihre christliche Religion und ihre ungarische Staatsangehörigkeit sein. Die Feinde sind neben der EU die Flüchtlinge, mit einer anderen Religion und einer anderen Hautfarbe. Die FIDESZ-Partei vermittelt den Leuten ein Selbstwertgefühl und sät Hass auf alle, die anders sind.“

Die Filmemacher aus Ost- und Mitteleuropa, deren Werke in Wiesbaden präsent waren, vermittelten auf erfrischend vielfältige Weise, welche Baustellen dreißig Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs in der Region schwelen: Korruption, Frauenfeindlichkeit, Xenophobie, Rechtsextremismus. Deutlich wird dabei: Im Postkommunismus sind viele Mauern gefallen, viele aber auch neu errichtet worden.


Fotos: goEast-Filmfestival. Großes Bild aus „Acid“.

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