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Donnerstag, 18.04.2019

Zum 300. Geburtstag von „Robinson Crusoe“: Robinsonaden im Film

Diskussion

Vor 300 Jahren erschien Daniel Defoes Roman über einen schiffbrüchigen Briten, der auf einer exotischen Insel strandet. „Robinson Crusoe“ wurde ein Bestseller seiner Zeit, die Idee beflügelt noch immer die Vorstellungskraft von Künstlern und Abenteurern – und Filmemachern! Ein persönlicher Exkurs zum Motivkomplex der Robinsonaden.


„Die Schatzinsel“ ist das bessere Buch! Fand ich jedenfalls, zu der Zeit, in der ich Bücher las wie „Die Schatzinsel“ und „Robinson Crusoe“. Schätze sind so schön märchenhaft, man sieht ja, was es an Filmen darüber gibt. Von „Indiana Jones“ über „Fluch der Karibik“ ist das Mainstream-Kino voll von verborgenen Schätzen, weit weg von der Realität jeder einzelne. Trotzdem habe ich dann „Robinson Crusoe“ verfilmt, denn der liefert eine andere Vorlage, eine, die dazu führt, dass man sie auf Super-8 nachdrehen will, weil man nichts weiter dazu braucht als einen Campingurlaub am Meer und eine Luftmatratze. Also trieb ich in einem Sommer viele Tage als Robinson an den Strand, meine kleine Schwester durfte Freitag sein, meine Freundin Katrin war diverse Kannibalen und hinter der Kamera. Fertig. Dem Beginn unserer eigenen Zivilisation stand nichts im Weg.

Die wurde dann aufgebaut mit schattigen Schlafstätten, Feuerstelle, Muscheldeko – Robert Zemeckis’ Inselfim „Cast Away“ ist läppisch dagegen! Aber wir schätzten nicht bloß unsere romantische Interpretation vom Schiffbruch, sondern das volle Programm – Sonnenbrand, Trinkwasser aus Pfützen, Frösche in Einzelteilen am Spieß. Bisschen eklig das Ganze, ziemlich anstrengend auch, und damit war ein großes Thema von „Robinson Crusoe“ abgedeckt. Denn darum geht es schließlich: ums Überleben, egal wie hart die Bedingungen sind. Das ist doch der spannendste Teil in Robinsons Existenz, der auch in Robinsonade-Filmen mit großer Akribie aufbereitet wird. Tom Hanks reibt sich in „Cast Away“ die Handflächen in blutige Fetzen, um ein Stück Holz zum Glimmen zu bringen; Matt Damon züchtet aus Kot Kartoffeln in Ridley Scotts „Der Marsianer“; Emile Hirsch baut sich in „Into the Wild“ eine Dusche – was halt jeder so als Existenzgrundlage braucht. Die Protagonisten dieser Filme werden, etwas werkgetreuer als bei mir, den Umständen auch unvorbereitet ausgeliefert. Dort wo sie stranden, gibt es wenig. Sie besitzen nur, was sie bei sich haben, und ihre eigene Welt ist von da ab nicht mehr verfügbar.


"Into the Wild"
"Into the Wild"

Man sieht, wie viel da so dran hängt, an der Robinson-Idee, entsprechend durchschlagend war der Erfolg, als sie zum ersten Mal öffentlich wurde. Vor dreihundert Jahren, am 25. April 1719, erschien das Buch von Daniel Defoe, es hatte den Titel „The Life and Strange Surprizing Adventures of Robinson Crusoe of York, Mariner: Who lived Eight and Twenty Years, all alone in an un-inhabited Island on the Coast of America, near the Mouth of the Great River of Oroonoque; Having been cast on Shore by Shipwreck, wherein all the Men perished but himself. With An Account how he was at last as strangely deliver’d by Pirates. Written by Himself.“Seitdem sorgt es für Inspiration, verfilmt wurde es, sobald es die Möglichkeit dazu gab. Es gibt Robinsons aus Russland, Frankreich oder Österreich, von Luis Buñuel, von Sergio Corbucci, von Walt Disney oder vom ZDF. Offensichtlich kann jeder in dieser Geschichte finden, was ihm wichtig erscheint – den Erfindergeist, die Einsamkeit, den Hunger, die Zivilisationsgeschichte, die Leere, das Naturerlebnis, den Wahnsinn, die Freiheit, die Gesellschaftskritik. All das, und den Tod.

Mit das Beste sind die B-Pictures, die daraus entstanden. Die Pornoindustrie erkannte früh das Potenzial von Robinson, seitdem fügt er in diversen „Lagunen“- oder „Insel“-Filmen dem Sex am Traumstrand ordentlich Dramatik hinzu. Die Genre-Regisseure wiederum bringen ihn gern bei Desastern unter, gern auch bei der Raumfahrt, die ganzen Allein-auf-der-Erde- oder Allein-im-All-Stories gehen eine Verbindung zu ihm ein. Gerade im Apokalypse-Film ist Robinson immer assoziativ präsent: Einer muss den Weltuntergang überstehen und alleine weitermachen, egal ob die Menschheit durch Viren verändert wurde wie in jedem besseren Zombiefilm von „28 Days Later“ bis „I am Legend“, oder ob sie einem wissenschaftlichen Hokuspokus zum Opfer fiel wie in „Quiet Earth“. Natürlich findet man das Alleinsein auf der Erde inzwischen auch als Sitcom; seit 2015 läuft „The Last Man on Earth“, und mit „In My Room“ hat Ulrich Köhler 2018 den letzten Menschen dahin geschickt, wo er noch nie vorher war – in den deutschen Vorort.


"In My Room"
"In My Room"

Einsamkeit ist schwer erträglich – vor allem für Filmemacher

Allerdings werden die meisten dieser Filme früher oder später dem Alleinsein abtrünnig. Dauerhafte Einsamkeit wird scheinbar von Regisseuren schlecht ertragen, außerdem ist sie schwierig zu inszenieren, ohne das Publikum ab Minute Dreißig zu langweilen. Deshalb tauchen dann doch oft zusätzliche Überlebende auf, was der Robinsonade ein Ende bereitet. Denn sobald auch nur ein gleichberechtigter Partner dazukommt, wird aus einer Robinsonade ein Survivalfilm, eine Sache mit Gruppendynamik und Auseinandersetzungen, mit der ganzen Kommunikation und Interaktion, die einem Robinson vorenthalten bleibt.

Duncan Jones immerhin findet für das fehlende Gegenüber eine recht interessante Lösung in seinem Science-Fiction-Film „Moon“, in dem Sam Rockwell allein auf einer Raumstation arbeitet. Dort trifft er eines Tages einen Doppelgänger – er spricht also letztlich mit sich selbst. Zemeckis wiederum verleiht „Cast Away“ seinen eigentlichen Charme, indem Tom Hanks sich einen Ansprechpartner aus einem Volleyball bastelt, nachdem ein Flugzeugabsturz ihn auf eine einsame Insel verschlagen hat. Solche Protagonisten reden dem Alleinsein zum Trotz oder sie führen Tagebuch und lesen das dem Kinopublikum vor, wie Emile Hirsch in Sean Penns Aussteiger-Dokudrama „Into the Wild“. Was die Protagonisten sagen oder schreiben, macht sie als Robinsons so unterschiedlich unterhaltsam wie ein Astronaut, ein FedEx-Fahrer und ein Hippie eben sein können, aber es zeigt sie in einer Hinsicht identisch: Die große Leere kann keiner sprachlos ertragen.

Was die Robinsonade-Filme grundsätzlich voneinander unterscheidet, ist die Story, wie es zum Verlorengehen der Figuren kommt: Neben dem Klassiker, bei dem die Situation durch ein Unglück entsteht, gibt es mittlerweile Robinsons, die sich mit Absicht in die Isolation begeben. Deren Gründe wechseln, oft sind sie mit Naivität gekoppelt. In „Moon“ geht es um Geld: Sam Rockwell bekommt mehr für einen einsamen Job im All, als er auf der Erde verdient. Er glaubt weder an die zerrüttende Kraft der Ödnis, noch daran, dass sein Arbeitgeber ein mieses Spiel mit ihm treiben könnte, dem er ganz alleine nicht gewachsen ist.Robert Redford fährt mit ähnlicher Selbstüberschätzung auf einem Segelboot über den Indischen Ozean, dann zeigt „All is Lost“ exakt titelgemäß, wie er alles verliert. Diese Schiffs-Robinsonade von J.C. Chandor beginnt also aus sportlichem Ehrgeiz – dass Redford bald ohne Funkkontakt und manövrierunfähig davontreibt, nur auf seemännische Überlebenstricks angewiesen, passiert allerdings nicht freiwillig, sondern durch einen Unfall.


"Moon"
"Moon"

Jenseits des gesellschaftlichen Reglements liegt die Freiheit

Bei „Into the Wild“ hingegen ist alles selbstbestimmt. Emile Hirsch verfolgt konsequent die Abkehr von der Gesellschaft; er zieht sich immer weiter aus der Zivilisation zurück, mit voller Absicht kappt er den Kontakt zur Welt. Für ihn ist die Einsamkeit eine Verheißung, die Robinsonade ist seine Utopie, er versteht den Weg in die Wildnis nicht nur als Kommentar zur Gesellschaft, sondern als einzige Alternative zu ihr. Was er in der Einsamkeit sieht, ist die Abwesenheit von Konventionen oder Regeln: Er sieht die Freiheit. Diesen Moment der Erkenntnis gibt es gelegentlich auch in anderen Robinsonade-Filmen. Die Freiheit wird gesehen und verstanden, bloß die Reaktionen erschöpfen sich dann meist in lautem Geschrei und wedelnden Armen. Das wäre mal eine Herausforderung: zu zeigen, was Menschen tun, wenn sie die Unabhängigkeit von allen Regeln demonstrieren können. Aber, eben, mit sich allein.

Into the Wild“ hat viel Vorgeschichte, bevor die eigentliche Robinsonade beginnt, ist aber klar dem Thema verwandt. Der Film verfolgt die letzten Jahre aus dem Leben von Chris McCandless, der im Frühjahr 1992 nach Alaska ging und nach etwa 112 Tagen in der Wildnis verhungerte. Er schrieb ein Tagebuch, das mit ihm gefunden wurde, so konnte Jon Krakauer die Geschichte aufschreiben, Sean Penn sie verfilmen, Emile Hirsch die Gedanken über das Waldläufer-Glück vorlesen. Denn das lernt man in diesem Film: Wie die Weite McCandless glücklich macht. Wie das Alleinsein ihn nicht beunruhigt. Man lernt auch, weniger romantisch, keine Elche zu schießen, so wie man in jedem Robinson-Film einen guten Tipp fürs Überleben im Freien mitbekommt. Aber anders als Robinson kehrt Chris McCandless nicht mehr zurück, das macht „Into the Wild“ unkonventionell, für eine Robinsonade wie für Hollywood. Man erhält darin tatsächlich einen Blick auf die Wirklichkeit, in der die Natur für einen Einzelnen unbezwingbar ist.

Robinsons 2.0

Mich hat Krakauers Buch sofort zum Nacheifern verleitet. Zum Glück fand das Experiment nicht in Alaska statt, sondern in einem deutschen Wald, da stirbt man weniger leicht. Es ging eher ums Alleinsein, denn ob dabei ein Gewinn entstehen kann, musste ausprobiert werden. Ein filmischer Beweis für Gewinn, ein großartiger außerdem, ist „The Legend of Kaspar Hauser. Da ist zwar nichts von einer Robinsonade im Bild zu sehen, aber dass sie dem Film vorausging, spürt man unbedingt im Verhalten der Hauptfigur. Davide Manuli nimmt die DJane und Theaterschauspielerin Silvia Calderoni, lässt sie an der sardischen Küste von Vincent Gallo aus dem Meer fischen, und von da ab flutet sie die Insel mit dem, was sie aus der Einsamkeit mitbringt: mit Sound und mit Coolness.


"The Legend of Kaspar Hauser"
"The Legend of Kaspar Hauser"

Zu einem anderen betörenden Resultat, hier auf der dokumentarischen Seite, verarbeitet die Regisseurin Gina Kim das Alleinsein. Sie zog 1995 aus Korea nach Amerika, um dort zu studieren. Sprache und Kultur waren fremd, die Uni hatte noch Ferien, also begann sie, ein Selbstporträt über ihre Eingewöhnung in Los Angeles zu drehen. In „Gina Kim’s Video Diary“ sieht man leere Räume, verrätselte Nahaufnahmen, den Zeitvertreib einer jungen Frau mit sich selbst. Die Einsamkeit in der Großstadt mag schmerzhafter sein als in der Natur, es fehlt die Ablenkung durch Überlebensfragen, aber mit ihrem Film zeigt Gina Kim, wie gut man auch dort eine Robinsonade als Inspiration nutzen kann.

Den Robinsonaden in der Realität wurde durch die digitale Revolution dann eine schwere Schlappe versetzt. Seit der digitalen Vernetzung können alle sich jederzeit mit allem verbunden fühlen – auch wenn die Präsenz der sozialen Medien das Alleinsein befördert, auch wenn einmal wöchentlich irgendwo die Isolation der Smartphone-Abhängigen beklagt wird. Aber niemand muss auf sich selbst zurückgeworfen sein, es gibt immer den Kontakt ins Netz, selbst wenn der womöglich nicht zufriedenstellend ausfällt. Der einzige Moment, in dem man von so etwas wie digitalen Robinsons hätte sprechen können, war der Zusammenbruch von Facebook und den zugehörigen Online-Diensten am 13. März dieses Jahres. In den USA, Europa, Teilen von Australien und Asien war die Verbindung zu Facebook, Instagram, WhatsApp plötzlich abgerissen, über Stunden hielt die Störung an. Da war der heavy user dann tatsächlich mal längere Zeit allein in der Wirklichkeit gestrandet, eine Robinsonade für Millionen, ganz klassisch hervorgerufen durch eine Panne. Das Gejammer, so liest man, war bodenlos. Bei Daniel Defoe hat Robinson Crusoe 28 Jahre stilvoll durchgehalten – undenkbar, 300 Jahre später.



"Die rote Schildkröte"
"Die rote Schildkröte"
Gestrandet: Zehn Favoriten der Redaktion zum Thema „Robinsonaden“


  1. Robinson Crusoe (1952/54)
  2. Dschungel der 1000 Gefahren (1960)
  3. Robinson Crusoe auf dem Mars (1964)
  4. Freitag und Robinson (1975)
  5. Robinson Jr. (1976)
  6. Die wundersamen Abenteuerdes Robinson Crusoe (1981; Puppentrickfilm)
  7. Robinsonade oder: Mein englischer Großvater (1987)
  8. Die rote Schildkröte (2016; Animationsfilm)
  9. Swiss Army Man (2016)
  10. Lost in Space (2018; Serie)
"Lost in Space"
"Lost in Space"



Fotos: oben: aus „Cast Away“, © Universal. Andere Fotos: © Netflix, Universum, Tobis/Universum, Pandora, Koch Media, Ascot Elite

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