Eine andere Welt

Freitag, 26.04.2019

In den Filmen des französischen Regisseurs Stéphane Brizé kämpfen zumeist Figuren aus dem Arbeiter- und Angestelltenmilieu darum, ihre Sehnsüchte nach einer anderen Welt in die harte Wirklichkeit zu übersetzen

Diskussion

Fast alle Filme des französischen Regisseurs Stephane Brizé drehen sich um Figuren aus dem Arbeiter- und Angestelltenmilieu, die sich meist unbewusst nach etwas sehnen, das in ihrem Dasein bislang keinen Platz gefunden hat. Ihre Versuche, diese Defizite zu füllen, sind in den jüngeren Werken des Filmemachers aber zunehmend zum Scheitern verurteilt. Im kantigen Gesicht seines bevorzugten Darstellers Vincent Lindon, der auch in Brizés jüngstem Film „Streik“ (jetzt im Kino) die Hauptrolle spielt, widerstreiten Illusion und Realität, Lebenswille und Lebensenttäuschung aufs Eindringlichste.


Es sind stoische Figuren, die das Kino des französischen Regisseurs Stéphane Brizé bevölkern. Persönlichkeiten wie die junge Politesse Solange (Florence Vignon) in „Le Bleu des Villes“, die unerschütterlich Strafzettel an Windschutzscheiben klebt und sich dabei weder vom Regen noch von aggressiven Autobesitzern beirren lässt. Oder die Adelige Jeanne (Judith Chemla) aus „Ein Leben“, die ähnlich beharrlich an die Liebe ihres Mannes und die ihres Sohnes glaubt, obwohl der Gatte sie betrügt und der Filius sie nur ausnimmt. Brizé begegnet ihnen ähnlich unbeirrt, mit viel Geduld; er räumt ihnen die Zeit ein, die es braucht, um sie in ihrer teilweise unerträglichen Verbissenheit kennenzulernen.

Träumt vom Singen: die Politesse Solange (Florence Vignon) in "Le Bleu des Villes"
Träumt vom Singen: die Politesse Solange (Florence Vignon) in "Le Bleu des Villes"

Meist entstammen diese Figuren jenem Arbeiter- und Angestelltenmilieu, das mit der Bewegung der „Gelbwesten“ medial gerade sehr brisant geworden ist. Der 1966 in Rennes geborene Brizé kommt selbst aus diesem Milieu. So wie sich François Ozon bestens mit den Codes der Bourgeoisie auskennt, filmt Brizé die „kleinen Leute“ aus eigener Erfahrung. Sein Vater arbeitete in einer Fabrik, seine Mutter war Hausfrau; sein Weg zum Film war keineswegs vorgezeichnet. Nach einem Elektroingenieursstudium zog er nach Paris, wo er fürs Fernsehen arbeitete und bei Amateurtheatern mitmachte.


Nahe an der Wirklichkeit der Figuren

Nach zwei Kurzfilmen debütierte er 1999 mit dem Langfilm „Le Bleu des Villes, in dem er von jener stoischen Politesse erzählt, die ähnlich eigensinnig wie in ihrer Arbeit ihren Traum vom Singen verfolgt. Hinter dem Rücken ihres Mannes, der immerfort von einem gemeinsamen Häuschen spricht, zeichnet sie ein Video auf und schenkt es einer Freundin, die als prominente Wetterfee an der feinen Gesellschaft partizipiert. Als die Freundin, wahrscheinlich eher aus Freundlichkeit denn aus Begeisterung, ihr Talent lobt, lässt Solange alles hinter sich, Ehe wie Arbeit, um in Paris eine Gesangskarriere zu starten.

In allen seinen Filmen ist Brizé (haut-)nah an der Wirklichkeit seiner Protagonisten dran. Er stürzt das Publikum in den ersten Einstellungen mit der Handkamera unmittelbar in die Lebenswelten der Figuren und ihren gesellschaftlichen Bedingungen, mit denen sie zurechtkommen müssen. Allerdings wird die soziale Ordnung nicht bloß konstatiert, sondern der Fokus richtet sich schnell auf ein zunächst unbestimmtes Gefühl, dass in ihrer Welt etwas fehlt.

Die junge Solange füllt dieses Defizit auf. Im märchenhaften Finale singt sie auf einer Pariser Varieté-Bühne. Dem Gerichtsvollzieher Jean-Claude (Patrick Chesnais) quillt die Unzufriedenheit in „Man muss mich nicht lieben“ (2005) aus jeder Pore. Wenn sein Blick aus dem Büro auf das gegenüberliegende Tanzstudio fällt, beginnt er heimlich die Schritte nachzumachen. Schließlich meldet er sich zu einem Tangokurs an. Dort lernt er Fanfan (Anne Consigny) kennen, deren Verlobter immer neue Ausreden hat, um dem Kurs fern zu bleiben. Zwischen Fanfan und Jean-Claude entwickeln sich allmählich Gefühle, ohne dass er etwas von ihrer bevorstehenden Hochzeit ahnen würde. Der Tango bedeutet für dieses Paar einen Ausbruch aus ihrer eintönigen Welt.


Wünsche und tiefe Sehnsüchte

Die Versuche, das Defizit auszufüllen und die neuen Erfahrungen in die ursprünglichen Milieus zu tragen, gehen in den ersten Film von Brizé allerdings auf Kosten der genauen, realistischen Beobachtung der Lebensverhältnisse. Der Sequenz einer brutalen Wohnungsräumung steht in „Man muss mich nicht lieben“ das zauberhafte Ende gegenüber, in dem nicht nur das Liebespaar tanzt, sondern auch der scheinbar gefühllose Vater post mortem seine Liebe für den Sohn beweisen kann.

Ab „Mademoiselle Chambon“ (2009) wird die Integration der seelischen Wünsche in die Lebenswelt der Figuren brüchiger. Der Film ist die erste Zusammenarbeit mit Vincent Lindon, jenem Schauspieler, der seinen Figuren eine Aura von Rechtschaffenheit verleiht, aber auch mit nur wenigen Gesichtsausdrücken ausdrücken kann, wie sehr in die Welt ankotzt. Den von ihm gespielten Maurer Jean erlebt man zunächst als fürsorglichen Familienvater. Doch sein Leben gerät aus den Fugen, als er die titelgebende Lehrerin seines Sohnes (Sandrine Kiberlain) erblickt. Die Pädagogin sitzt im leeren Klassenzimmer, warmes Sonnenlicht fällt auf ihren Rücken, den sie ihm und der Kamera zuwendet, die Arme wie zum Geigenspiel erhoben. Nach der sich augenblicklich einstellenden Anziehung verlieben sich die beiden sacht ineinander.

Verhaltene Affäre: Vincent Lindon und Sandrine Kiberlain in "Mademoiselle Chambon"
Verhaltene Affäre: Vincent Lindon und Sandrine Kiberlain in "Mademoiselle Chambon"

Hier stürzen sich zwei aber nicht Hals über Kopf in eine Affäre; Lindon strahlt viel zu sehr schüchterne Besonnenheit aus. Die Affäre bleibt verhalten. Jean kann sich ihr nur über seine Begeisterung für das Geigenspiel der Lehrerin und für klassische Musik nähern. Die Musik ist für beide das hörbare, keineswegs eindeutige Versprechen auf ein anderes Leben, das sich am Ende nicht erfüllt. Brizé versagt den Figuren hier ein märchenhaftes Finale.


Die Frage nach dem Lebenswillen

In der Folge rückt die Frage nach dem Lebenswillen immer mehr ins Zentrum der Filme von Brizé. In „Der letzte Frühling“ (2012) schaut die krebskranke Yvette (Hélène Vincent) bei einem Gespräch über Sterbehilfe auf die Frage, ob sie ein schönes Leben gehabt habe, schweigend ihren Sohn (Lindon) an, der ratlos die Augen senkt. „Der letzte Frühling“ ist Brizés traurigster Film, da er für die Figuren kaum Auswege offenhält.

Ähnlich verfahren ist die Situation in „Der Wert des Menschen“ (2015), der für Vincent Lindon eine weitere Arbeiterrolle bereithält. Verzweifelt sucht seine Figur Thierry darin seit über einem Jahr nach Arbeit. Während der französische Titel „La Loi du marché“ (eigentlich: Das Gesetz des Marktes“) die Kälte und Verschlossenheit der gesellschaftlichen Wirklichkeit gegenüber dem Einzelnen ausstrahlt, dringt der deutsche, etwas poetisierte Titel „Der Wert des Menschen“ zum Kern vor. Welchen Wert hat der arbeitende Mensch in der kapitalistischen Gegenwart?

Anfangs tritt Thierry im Arbeitsamt fordernd auf, beschwert sich, dass eine Fortbildung für ihn sinnlos gewesen sei. Am Ende hat er zwar einen Job als Ladendetektiv, ist aber Teil der rüden Machenschaften seines Arbeitgebers. Thierrys Gegenfigur ist der Gewerkschafter Laurent, der sich bei einem Streik fürs Ganze einsetzt. Thierry hingegen muss der Not gehorchen; er schließt sich seinen ehemaligen Arbeitskollegen nicht an, um das Unternehmen zu verklagen, da er diese Zeit für die Jobsuche brauche. Momente einer Gegenwelt scheinen hier zwar immer wieder auf, in der Familie, im Tanz, doch sie können sich gegen die zersetzende Übermacht des Arbeitsmarkts nicht behaupten.


Sprache als Medium des Kampfes

Brizé mutet häufig unerträgliche Figuren zu. Er filmt sie beim französischen Nationalsport des Einander-ins-Wort-Fallens als auch beim zähen Monologisieren und zeigt, wie quälend es sein kann, wenn jemand rechthaberisch das Wort ergreift. In „Der Wert des Menschen“ spricht der Filialleiter zwar vom einträchtigen Miteinander, höhlt diese Vision aber gleichzeitig durch fiese Überwachung aus. Brizé hält diese Momente in langen Einstellungen fest, in denen die Hauptfigur sich immer klarer von ihrer Umwelt abhebt. In allen Filmen geht Brizé vom widersprüchlichen Individuum aus, nicht von der Menge. Auch deshalb wirken die anderen Darsteller in „Der Wert des Menschen“, allesamt Laien, die ihren eigenen Alltag nachspielen, nur wie Statisten.

Bevor Brizé mit den Dreharbeiten zu „Der Wert des Menschen“ begann, plante er bereits die Adaption des Guy-de-Maupassant-Romans „Ein Leben“ (2016). Auf diese Vorlage hatte ihn seine langjährige Co-Autorin Florence Vignon, mit der er für „Mademoiselle Chambon“ einen „César“ für das beste adaptierte Drehbuch gewann, schon 1993 aufmerksam gemacht. Es ist nur scheinbar ein Bruch, dass ein Filmemacher, der seinen Blick schonungslos auf den französischen Alltag der Gegenwart richtet, einen Roman des 19. Jahrhunderts adaptiert.

Nur scheinbar ein Historiendrama: "Ein Leben" nach Guy de Maupassant
Nur scheinbar ein Historiendrama: "Ein Leben" nach Guy de Maupassant

Die wohlbehütet aufgewachsene Adelige Jeanne ist blind für die Realität, hält aber umso verbissener an ihren Illusionen fest. Ihr Blick auf die Welt ist ebenso verengt wie das von Brizé gewählte Normalformat von 1:1,33. Judith Chemla verkörpert Jeanne als eine Frau, die durch die Einmischung ihrer Eltern, des Dorfpfarrers oder der Nachbarn nicht zu sich kommen kann. Nachdem ihr Mann Julien, den sie trotz seiner Egozentrik liebt, sie mit der Hausangestellten Rosalie hintergangen hat, reden ihr alle ein, weiter bei ihm zu bleiben. Ihr Sohn bettelt in seinen seltenen Briefen nur um Geld. Der tiefe Fall ist unaufhaltsam. Nachdem dem Tod von Julien und ihre Eltern verschuldet sich Jeanne derart, dass sie das Familienanwesen verkaufen muss. „Wissen Sie, das Leben ist nie so gut oder schlecht, wie man glaubt“, sagt Rosalie am Ende zu Jeanne, die nach all den Enttäuschungen bar jeder Illusion ist.


Erkaltende Utopien

Das Aufeinandertreffen von Illusion und Realität, Lebenswille und Lebensenttäuschung kehrt in Brizés jüngstem Film „Streik“ wieder. Zwar ist der Regisseur ein klarsichtiger Kritiker kapitalistischer Verhältnisse, doch ein Hellseher ist er nicht. „Streik“ ist kein Film über die Gelbwesten, die sich gerade durch Desorganisation und das Fehlen von Führungspersonen auszeichnen. Brizé rückt erneut den Einzelnen und die ihn umgebende Form ins Zentrum, den Moment des „vis-á-vis“, in Gestalt des erneut von Vincent Lindon gespielten Gewerkschafters Laurent.

Auch der ist ein Verbissener. Laurents Kampf für die Rechte der von Entlassung bedrohten Belegschaft hüllt Brizé von Anfang in einen Flor der Vergeblichkeit. Der ursprüngliche Titel des Films, „Un autre monde“ (Eine andere Welt), richtet sich auf jene Gegenwelt, die für Brizés Figuren kaum noch denkbar ist. Laurents Forderung, das Werk so lange offen zu halten, wie es tariflich abgesprochen war, verweist auf keine Utopie, erscheint in der gegenwärtigen Welt aber dennoch unerreichbar. Würde sie sich erfüllen, wäre es ein Märchen.

Noch sind die Reihen geschlossen: Vincent Lindon in "Streik"
Noch sind die Reihen geschlossen: Vincent Lindon in "Streik"

Eine andere Welt, so Brizés Vision, muss im gesellschaftlichen Prozess erst gefunden werden. Ob das Kino dafür noch der richtige Ort ist, stellt Brizé am Ende von „Streik“, durch den Wechsel von Cinemascope aufs Smartphone-Format, allerdings radikal in Frage.


Fotos: Neue Visionen, Arsenal, Film Kino Text, Temperclay

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