Deutsche Einheit

Samstag, 04.05.2019

Bei der Verleihung der 69. „Deutschen Filmpreise“ dominierte das Bemühen, das Kino als einen Ort zu identifizieren, an dem gesellschaftliche Gegensätze überwunden werden. Mitunter wirkte diese Absicht aber zu forciert und bisweilen sogar kontraproduktiv

Diskussion

Die Gesellschaft ist gespalten, die Filmwelt hält zusammen! So präsentierte sich die deutsche Filmbranche bei der 69. Verleihung der „Deutschen Filmpreise“ am 3. Mai 2019. Die Fähigkeit des Kinos, Widersprüche zu versöhnen, wurde bei der Gala immer wieder betont, gerade auch als Gegengewicht zur Polemik in den politischen Debatten. Das Bemühen um Einklang fiel dennoch manchmal recht holprig aus.

Manche Innovationen schlagen wie ein Meteorit in der Welt des Kinos ein und sorgen für ein gewaltiges Medienecho, andere kommen hingegen schleichend und von der Öffentlichkeit fast unbemerkt daher. Zu letzterer Kategorie gehört die Entwicklung, dass die Verantwortlichen für den Schnitt eines Films in Deutschland seit einigen Jahren zunehmend die Bezeichnung „Cutter“ ablehnen und sich stattdessen lieber den auch im Englischen gebräuchlichen Begriff des „Editors“ anheften. Die Schauspielerin Maryam Zaree präsentierte in ihrer Laudatio zur Vergabe des „Deutschen Filmpreises“ 2019 für den „Besten Schnitt“ die nachvollziehbarste Begründung für den Wunsch nach einem Begriffswechsel: weil es beim Filmschnitt nicht um die Entfernung überflüssigen Filmmaterials gehe, sondern im Gegenteil um das Zusammenfügen vieler wichtiger Teile zu einem sinnvollen Ganzen.

Es war eine Laudatio, die nicht nur das Wesen eines Filmhandwerks pointiert zusammenfasste, sondern auch wie keine andere Preisrede die Stimmung der Gala traf. Die 69. Verleihung der auch als „Lolas“ bekannten „Deutschen Filmpreise“ im Berliner Funkturm vermittelte in allem den Anspruch, unterschiedlichste, teilweise disparat erscheinende Elemente zusammenzuführen und die deutsche Filmbranche als eine Art großer, harmonischer Familie in Szene zu setzen. Publikumsrenner und kleine „Nischenfilme“, harte und leichte Stoffe, Gegenwart und Vergangenheit, (wachsende) Gleichstellung der Geschlechter, Diversität, Glamour: alles sollte nach dem Willen der Deutschen Filmakademie bei der Gala unter ihrem Schirm vereint werden.


Demonstratives Zusammenrücken

Zumindest in den Reden der Moderatoren, Laudatoren, des neuen Filmakademie-Präsidenten Ulrich Matthes und von Kulturstaatsministerin Monika Grütters war vom Druck in der Branche – sei es durch sinkende Kino-Besucherzahlen, durch die immer noch fehlende nationale wie internationale Wertschätzung des aktuellen deutschen Films oder durch Kritik an Strukturen, Verflechtungen und Missbrauchsformen im Showgeschäft – nichts zu merken. Stattdessen setzte die Preisverleihung immer wieder Signale einer lobenden Selbstvergewisserung im Sinne von „Es läuft!“ und „Weiter so!“. Wo sich tatsächlich einmal der Ansatz einer Missstimmung auftat, wurde diese entschlossen übertönt oder weggelächelt.

Die "Lola" in Gold
Die "Lola" in Gold

Das demonstrative Zusammenrücken schlug sich auch in den Dankesreden der vier meistbeachteten Filme nieder, die 15 der 19 „Lolas“ auf sich vereinten. So wenig sich „Gundermann“ (6 Preise), „Styx“ (4), „Der Junge muss an die frische Luft“ (3, inklusive für den „Besucherstärksten Film“) und „Of Fathers and Sons“ (2) formal und inhaltlich über einen Kamm scheren lassen, fanden die Preisträger doch einen gemeinsamen Nenner: Wo sich nicht nur die deutsche Gesellschaft immer gespaltener und in unversöhnliche Lager zerfallend zeigt, wurden alle vier Filme als Gegenmodelle mit aufrüttelndem und zur Nachahmung empfohlenem Charakter präsentiert. Am glaubwürdigsten gelang dies bei „Styx“, dem Hochseedrama um eine deutsche Ärztin und ein sinkendes Flüchtlingsboot, das neben der „Lola in Silber“ Preise für Hauptdarstellerin Susanne Wolff, die Kamera und den Ton erhielt.


Eindeutige Positionen und ihre Grenzen

Hier lagen die eindringlichen Appelle, sich nicht von Humanität und Mitgefühl zu verabschieden, auf der Hand, ähnlich wie es beim Dokumentarfilm „Of Fathers and Sons“ über eine Undercover-Reportage unter syrischen Islamisten um die menschliche Katastrophe des Syrienkriegs ging. Deutlich bemühter wirkten schon die Deutung der Kindheitsbiografie von Hape Kerkeling, „Der Junge muss an die frische Luft“, als brandaktuell („Es geht in dem Film um Respekt für andere Lebensentwürfe, und diese Form des Respekts fehlt aktuell in diesem Land“) sowie der Dank von Andreas Dresen für den Erfolg seiner DDR-Musikerbiografie „Gundermann“ („Goldene Lola“, Preise für Regie, Hauptdarsteller Alexander Scheer, Drehbuch, Szenenbild und Kostümbild): Es sei wohl die Zeit gekommen, um differenziertere Geschichten zu erzählen.

Ehrenpreisträgerin Margarethe von Trotta
Ehrenpreisträgerin Margarethe von Trotta

Übermäßige Differenziertheit war aber gerade nicht das hervorstechende Merkmal der diesjährigen Filmpreis-Favoriten, die ganz im Gegenteil ziemlich eindeutige Positionen einnehmen, was bei einem Film wie „Styx“ sogar zu dessen stärksten Eigenschaften gehört. Gerade bei „Gundermann“ aber lässt sich eine rosig überlagerte Erinnerungskultur nicht übersehen, in der sich Gundermanns Widersprüche zwischen grundsätzlicher Zustimmung zum Sozialismus, weitgehender Ablehnung des konkreten Systems und dessen Unterstützung durch Stasi-Mitarbeit in den vertrauten Stereotypen des eigensinnigen Künstlertyps auflösen – während die DDR als gar nicht so übler Ort erscheint, weil sich alle gegenseitig bespitzelten und somit irgendwie für einen Ausgleich des Unrechts sorgten.

Der herablassende Tonfall, mit dem Dokumentarfilm-Laudator Claus Kleber den diesjährigen „Oscar“-Gewinner „Green Book“ wegen dessen „Feelgood“-Haltung bedacht hatte, wirkte angesichts des „Gundermann“-Preisregens umso deplatzierter: Die Gewinner von „Oscar“ und „Lola“ haben 2019 weit mehr gemeinsame Aspekte aufzuweisen als unterscheidende.


Zwischen Leichtigkeit und Ernst

Bei allem Bemühung um Einklang fiel doch auf, dass sich die Zeremonie mitunter etwas holprig ausnahm, auch im Vergleich zur Gala des vergangenen Jahres. 2018 hatten die politischen Statements der Veranstaltung, aber auch der schlagfertige Moderator Edin Hasanovic aufmerken lassen; seine Nachfolger taten sich 2019 hingegen schwer mit dem Spagat zwischen Leichtigkeit und einem dem Anlass angemessenen Ernst. Die Schauspielerin Désirée Nosbusch versuchte, die mitunter reichlich abseitig formulierten Ankündigungen halbwegs in Würde hinter sich zu bringen; ihr Moderationspartner Tedros Teclebrhan scheiterte hingegen an der lockeren Einbeziehung der Gäste: Vorzugeben, den jungen Hape-Kerkeling-Darsteller nicht zu erkennen, war ebenso unkomisch wie ein unmotivierter Flirt mit der Gelegenheitsschauspielerin Yvonne Catterfeld. Den unsicheren Moderatoren entsprachen auch manche bemühte Überleitungen oder Laudationen; die liebevolle, ausführliche Würdigung der Ehrenpreisträgerin Margarethe von Trotta durch Katja Riemann geriet deshalb nicht nur emotional zu einem seltenen Höhepunkt des Abends.

Plädoyer fürs Kino als kulturellen Ort: Filmakademie-Präsident Ulrich Matthes
Plädoyer fürs Kino als kulturellen Ort: Filmakademie-Präsident Ulrich Matthes

Gleichwohl sandte die Gala 2019 durchaus positive Impulse aus. Selbstbewusst unterstrich der neue Filmakademie-Präsident Ulrich Matthes Seite an Seite mit der Kulturstaatsministerin Monika Grütters nochmals, was er bereits in seinen Antrittsinterviews als drängende Aufgabe beschrieben hatte: Grabenkämpfe zwischen Arthouse- und Mainstreamfilmen zu unterbinden und stattdessen das Kino als „kulturellen Ort“ zu fördern und gegen die Konkurrenz durch Streamingdienste in Stellung zu bringen. Auch wenn dies nicht mit konkreten Aussagen, wie das zu schaffen sei, einherging, besaß der Optimismus des Abends hierin seinen denkwürdigsten Moment.


Die Preisträger der 69. Deutschen Filmpreise:


Bester Spielfilm

"Gundermann"


Bester Dokumentarfilm

Of Fathers and Sons


Bester Kinderfilm

"Rocca verändert die Welt"


Beste Regie

Andreas Dresen für „Gundermann“


Bestes Drehbuch

Laila Stieler für „Gundermann“


Beste weibliche Hauptrolle

Susanne Wolff für „Styx“


Beste männliche Hauptrolle

Alexander Scheer für „Gundermann“


Beste weibliche Nebenrolle

Luise Heyer für „Der Junge muss an die frische Luft“


Beste männliche Nebenrolle

Alexander Fehling für „Das Ende der Wahrheit“


Beste Kamera / Bildgestaltung

Benedict Neuenfels für „Styx“


Bester Schnitt

Anne Fabini für „Of Fathers and Sons“


Beste Tongestaltung

Andreas Turnwald, Uwe Dresch, André Zimmermann, Tobias Fleig für „Styx“


Beste Filmmusik

Hochzeitskapelle für „Wackersdorf“


Bestes Szenenbild

Susanne Hopf für „Gundermann“


Bestes Kostümbild

Sabine Greunig für „Gundermann“


Bestes Maskenbild

Maike Heinlein, Daniel Schröder, Lisa Edelmann für „Der Goldene Handschuh“


Ehrenpreis

Margarethe von Trotta


Bernd-Eichinger-Preis

Christian Becker


Besucherstärkster Film

"Der Junge muss an die frische Luft"


Fotos: Deutsche Filmakademie

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