Das Kino ist tot – Es lebe das Kino!

Montag, 06.05.2019

Über die Zukunft des Dokumentarfilms im Kino im Zeitalter der digitalen Distribution

Diskussion

Wie finden Dokumentarfilme künftig ein Publikum, angesichts einer sich permanent verschiebenden Medienlandschaft, in der die klassischen Medien Kino und Fernsehen zugunsten der Online-Plattformen an Boden verlieren? Der Leiter des DOKfest München, Daniel Sponsel, glaubt weniger an die Konkurrenz als vielmehr an ein Zusammenspiel der unterschiedlichen Vertriebswege.

Ein Gastbeitrag von Daniel Sponsel


Wir schreiben das Jahr 2021: Ich bin im Kino gewesen und habe den neuen Film von Andres Veiel gesehen, einen Dokumentarfilm. Das Kino war beinahe ausverkauft, die Stimmung gut. Der Film war eine durch den Bund und mehrere Landesförderungen realisierte Co-Produktion von BR, WDR, arte und Netflix. Als ich nach der Vorstellung nach Hause kam, habe ich mir einige Szenen des Films noch einmal online angeschaut, weil ich glaubte, etwas verpasst zu haben. Letztendlich habe ich den Film dann nochmals in voller Länge im Fernseher online gesehen. Mit meiner Kinokarte hatte ich Zugang zum Streaming. Könnte so nicht die Zukunft der Filmauswertung aussehen?

Eines ist uns allen mehr oder weniger bewusst: Von den geübten und liebgewonnenen Strukturen der Filmauswertung müssen wir uns in absehbarer Zeit verabschieden. Das Kino kann nicht mehr lange als exklusiver Premierenort und Erstauswertungsplattform für Filme vor den neuen Möglichkeiten der Distribution in alle Richtungen geschützt werden. Der Kampf um den Erhalt der Kinosperrfrist ist ein Rückzugsgefecht, bei dem wir alle nur verlieren können. Der Preis dafür ist möglicherweise der Verlust einer ganzen Publikumsgeneration. Vor allem das junge Publikum ist gnadenlos und wird sich die Filme dort holen, wo wir mit dem Kino nicht hinkommen. Muss das Kino nicht selbstbewusst mit seinen ureigenen Qualitäten werben?

Ganz großes Kino

Die Filmbranche wird oft zu Unrecht mit der Musikbranche verglichen. Doch dieser Vergleich hinkt. Der Ort für das Hören von Musik ist mit Ausnahme des Liveacts unbestimmt; es kann die sündhaft teure High-Fidelity-Anlage zuhause sein oder die in ihrer Qualität eher limitierten Kopfhörer irgendwo unterwegs. Aus welcher Quelle die Musik kommt – von der Platte, der CD oder über das Streaming via Smartphone – spielt für die Qualität eine untergeordnete Rolle. Der Unterschied ist dank der vergleichsweise niedrigen Datenrate nicht gravierend.

Bei der Ansicht eines Films sieht das im wahrsten Sinne des Wortes ganz anders aus. Der Unterschied zwischen dem Streaming auf meinem Smartphone und einem 4k-Bild in einem großen Kino, inklusive Dolby 5.1. Sound, ist mehr als offensichtlich. Nur das Kino kann, was das Kino kann! Es bietet das hochwertigste Bild, einen dunklen Raum, eine große Leinwand und dazu den entsprechenden Sound. Nicht zu vergessen: Die Konzentration auf den „Only-Screen“ und das Erlebnis, zusammen mit anderen Menschen zu leiden oder lachen – das Gefühl des Verbindenden durch die Kunsterfahrung in Gemeinschaft.

Self-fulfilling prophecy

Der Dokumentarfilm scheitert im Kino nicht an seiner Qualität, sondern an den Rahmenbedingungen. Die geringen Budgets für die PR-Maßnahmen und die geringen Erlöse an der Kinokasse führen zu einer zurückhaltenden Programmierung von Dokumentarfilmen in den Kinos. Ein Film, der nur wenig beworben wird und an wenigen Tagen nachmittags läuft, hat keine Chance, seine Qualität in Zahlen umzusetzen – hier schließt sich schlicht ein Kreis.

Ein Beispiel dafür, welchen Einfluss PR-Mittel auf Zahlen haben: Der Spielfilm Fack ju Göhte III konnte mehr als 7 Millionen Zuschauer in die Kinos bringen und hatte dafür ein Marketingbudget von ca. 5,4 Millionen Euro zur Verfügung. Beim Dokumentarfilm Beuys von Andres Veiel stehen etwa 120.000 Euro Marketingbudget knapp 100.000 Zuschauern gegenüber. Dieser Vergleich mag hinken, doch der Anteil der Distributionsförderung im Verhältnis zur Produktionsförderung steht in keinem Verhältnis; in Deutschland wird die Realisation vieler Filme gefördert, die dann aber kaum Mittel zur Auswertung zur Verfügung haben.

Jetzt oder nie

Können Zuschauer ein Interesse daran haben, einen Film zweimal zu sehen? Es soll nicht wenige junge Menschen geben, die „Fack ju Göhte“ in ihrer Peergroup gleich mehrmals im Kino gesehen und dann auch noch illegal gestreamt haben. Eine andere Frage ist aktuell noch wichtiger: Kann man für einen Film mehrfach Aufmerksamkeit generieren? Einmal für den Kinostart, dann für die Auswertung via Streaming oder Blu-ray und dann noch einmal bei der Ausstrahlung im Fernsehen?

Die Aufmerksamkeitsspanne wird in unserer turbomedialen Zeit eher kürzer, und zu viele neue Produkte drängen beinahe täglich auf den Markt. Hier liegt der Schlüssel zum gemeinsamen Erfolg: Alle Player könnten den Film zeitgleich starten und bewerben; den Zuschauern obliegt dann die Entscheidung, ob sie ins Kino gehen, den Fernseher einschalten oder den Film unterwegs auf dem Pad anschauen. Was wäre dazu nötig? Ein ansprechender Tarif und ein gemeinsames Erlösmodell.

Ich kann das Thema auch aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Die entscheidende Frage für die Zukunft des Kinodokumentarfilms ist: Was will ich mit meinem Film erreichen? Will ich Relevanz durch Presse und Kritik? Will ich Reichweite auf allen Kanälen? Oder will ich Einnahmen? Im besten Fall erreiche ich alles auf einmal, aber nur im besten Fall.

Trügerisch: Relevanz oder Reichweite

Trotz aller Unkenrufe ist der Film nach wie vor ein Leitmedium; insbesondere der Dokumentarfilm, was seine Wahrnehmung und Wertschätzung betrifft. Das bedeutet nicht automatisch, dass er im aktuellen Feuilleton stattfindet. Wenn er dort einmal besprochen und gewürdigt wird, dann hat das noch lange kein großes Publikum zur Folge. Abgesehen davon, dass das Feuilleton mit Dokumentarfilmen selten wirklich etwas anfangen kann, sinkt Reichweite und Relevanz aller Medien, unabhängig ob Print oder TV. Die Konsequenz daraus lautet, dass man über Relevanz nicht zwingend eine größere Reichweite generiert.

Weil der Dokumentarfilm vorwiegend wegen seiner Themen wahrgenommen wird und weniger aufgrund cineastischer Attribute, besitzt er in einem viel höheren Maße als der fiktionale Film die Chance, seine Zielgruppen direkt anzusprechen. Diese sind meist thematisch orientiert und können dank der digitalen Möglichkeiten über Social Media, aber auch klassische PR wie Website und Newsletter gut erreicht werden.

Diese Zielgruppenansprache ist eine Art Guerillataktik, die Verleiher und Kinos erst nach und nach entdecken. Ihr Aufwand ist vergleichsweise hoch, weil ein solcher Kinostart intensiv betreut werden muss, am besten jeweils mit regionalen Partnern wie etwa Festivals. Dann stellt sich wieder die Frage: Gehen die Menschen für einen Film ins Kino? Wie wäre es beziehungsweise was würde passieren, wenn man mehrere Kanäle parallel anbieten würde (siehe oben)?

Das Kino ist tot – es lebe das Kino

Wie und wo wird in Zukunft mit Dokumentarfilmen Geld verdient? Geld, das dringend gebraucht wird, um neue Produktionen ausreichend auszustatten? Die Einnahmen durch die Kinoauswertung sind tendenziell rückläufig, die öffentlich-rechtlichen Sender entziehen sich zunehmend ihrer Verantwortung, und im Netz sind die Tarife entweder äußerst niederschwellig oder es herrscht generell eine „All You Can Eat“-Mentalität.

Noch ist es nicht ausgemacht, ob Netflix mit seiner aggressiven Preispolitik durchkommt und in näherer Zukunft schwarze Zahlen schreibt. Gewiss ist nur: Es ist dringend Zeit für einen Paradigmenwechsel! Kunst und Kultur müssen wie jedes andere hochwertige Produkt, das im Netz angeboten wird, entsprechend bezahlt und entlohnt werden.

Eines darf nicht passieren: Dass wir das Kino als ureigenen Ort der Filmkultur verlieren. Angesichts dieser Entwicklung nehmen Filmfestivals einen immer größeren Stellenwert ein und werden quasi zu den Speerspitzen der Kinokultur. Doch das reicht nicht aus. Wir benötigen dringend Allianzen zwischen allen Playern – Kinos, Verleihern und Plattformen. Obwohl in einigen Städten Kinos schon zu Shopping Malls oder Clubs umgewidmet wurden, ist es nicht zu spät. Noch stehen die meisten Kinos als Spielorte zur Verfügung.

Am Rande sei angemerkt, dass alles, was aktuell für den Dokumentarfilm gilt, in allernächster Zukunft auch für den Arthouse-Film und schon sehr bald auch für das ganz große Kino gelten wird.


Hinweis: Der Autor Daniel Sponsel ist der Festivalchef des Dokfest München. Die diesjährige Festivalausgabe findet vom 8.-19.5. statt.



Fotos: ©Dokfest München

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