„Schauspielkunst ist Schwarze Magie“

Mittwoch, 08.05.2019

Ein Gespräch mit dem britischen Künstler Richard Billingham, der in seinem Spielfilmdebüt „Ray & Liz“ seine eigene Familie zum Thema macht

Diskussion

Für sein Spielfilmdebüt Ray & Liz greift der britische Fotograf Richard Billingham auf sein Lebensthema zurück: seine eigene Familie. Der 1970 in den britischen West Midlands geborene Künstler wuchs in einfachen Verhältnissen auf. Mitte der 1990er-Jahre gelang ihm mit der Fotoserie „Ray’s A Laugh“ der Durchbruch, in der er die verstörend-anrührende Lebenswelt seiner Familie auf fotografischen Tableaus präsentierte. Auch der autobiografische Spielfilm „Ray & Liz“ trägt Züge eines absurden Theaters.


Sie sind in den West Midlands aufgewachsen, in einer Gegend, die „Black Country“ genannt wird. Woher stammt diese Bezeichnung?

Richard Billingham: Hier begann Mitte des 18. Jahrhunderts die industrielle Revolution. Die Luftverschmutzung war enorm. Angeblich ist Queen Victoria auf den Namen ,Black Country‘ gekommen, als sie auf der Durchreise die vom Kohle- und Eisenstaub schwarz gefärbten Mauern gesehen hat. Die Leute fahren hier durch, um zu anderen Orten zu gelangen; das ist auch heute noch so. Wer gezielt in die Gegend um Birmingham kommt, muss eine Verbindung dazu haben. Diese Region ist nichts Besonderes. Ich lebe heute in Swansea, Wales, aber ich besuche meine Heimat gern.


Wo genau haben Sie gelebt? In Birmingham?

Billingham: Nein, gut zehn Meilen westlich von Birmingham, in einer Gemeinde namens Cradley Heath. In meiner Kindheit gab es viele Fabriken dort, doch eine nach der anderen wurde dichtgemacht. Mein Vater arbeitete bis etwa 1980 in einer Fabrik. Dann verlor er seinen Job. Wir wurden arm, mussten aus unserem Reihenhaus in ein Hochhaus umziehen. Ich war dort nicht sehr glücklich. Die Aussicht war zwar toll, doch die Aufzüge waren verdreckt, die Flure voller rassistischer Graffiti. Es war ein beängstigender Ort.


Wie sind Sie zur Kunst gekommen?

Billingham: Wir waren drei Brüder, ich bin der mittlere. Niemand brachte uns bei, ehrgeizig zu sein oder besondere Erwartungen zu hegen. Ich wollte aber aus der Enge und dem Dreck heraus. Es gab diesen kindlichen Traum, Maler zu werden. Als ich in der Grundschule war, kam ich oft an einem Schreibwarenladen vorbei. Im Schaufenster lagen Malutensilien, Tuben mit Ölfarben und Paletten. Ich fand das aufregend. Als Teenager habe ich dann wirklich zu malen angefangen, Landschaften und Stillleben mit Wasserfarben und in Acryl.


Wie man auf Ihren Fotos und jetzt auch in „Ray & Liz“ sieht, sammelte Ihre Mutter allerlei Zeug; sie hatte auch eine große Leidenschaft für Puzzles. Haben Sie die künstlerische Ader von ihr geerbt?

Billingham: Ich weiß nicht. Meine Mutter Liz ging sehr behutsam mit ihren Sachen um; sie liebte das Handwerkliche. Damit vertrieb sie sich die Zeit. Was sie begann, wurde aber selten ganz fertig. War sie eine Künstlerin? Ich glaube nicht.

Billinghams Mutter Liz, in "Ray und Liz" dargestellt von Ella Smith
Billinghams Mutter Liz, in "Ray und Liz" dargestellt von Ella Smith

Wie kam bei Ihnen der Wechsel von der Malerei zur Fotografie zustande?

Billingham: Mit 19 Jahren habe ich ein Jahr lang einen Kunstkurs belegt. Während dieses Kurses wurde mir klar, dass ich die menschliche Figur beherrschen musste, um ein guter Maler zu sein. Ich beschloss, meinen Vater zu malen, denn damals lebte ich mit ihm allein in diesem Wohnturm in Cradley Heath; meine Mutter war ausgezogen, weil mein Vater trank. Er war traurig darüber, dass sie weg war, blieb den ganzen Tag in seinem Zimmer – und trank noch mehr. Über diese tragische Situation wollte ich Bilder malen. Mich inspirierten die Gemälde von Walter Richard Sickert, der Frauen auf Betten dargestellt hatte, die „Camden Town Nudes“. Die Zeit schien für die isolierten Figuren in den Räumen stillzustehen, während jenseits des Fensters das Leben weiterging. Das entsprach genau der Atmosphäre im Zimmer meines Vaters. Zunächst habe ich Bilder direkt nach dem Modell gemalt. Das musste schnell gehen, weil mein Vater nicht länger als zehn Minuten stillsitzen konnte. Daher fotografierte ich ihn, um nach den Fotos zu malen. So fing das mit der Fotografie an.


Sie haben dann nur die Fotos ausgestellt.

Billingham: Die Gemälde taugten nichts. Die Fotos waren viel besser. Die Art von Malerei, nach der ich strebte, erfordert jahrelanges Training. Um ein gutes Foto zu machen, nimmst man einfach die Kamera und tut es! Ich brachte allerdings die Voraussetzung mit, dass ich unglaublich viele Gemälde aus Büchern, die ich mir aus der Bibliothek auslieh, im Kopf hatte. Die waren abgespeichert. Ich beherrschte die Komposition, die visuelle Sprache.




Wussten Sie um die Qualität Ihrer Bilder oder musste Ihnen das erst jemand sagen?

Billingham: Die ersten Lehrer, denen ich die Fotos zeigte, waren wenig beeindruckt. Was ich nicht schlimm fand, weil ich ja ohnehin malen wollte. Aber an der University of Sunderland lernte ich den Gastdozenten Julian Germain kennen, einen klugen und sehr offenen Mann. Vielleicht kennen Sie seinen Porträtband über einen alten Mann: „For Every Minute You Are Angry You Lose Sixty Seconds of Happiness“. Ich mochte die Art und Weise, wie er über seine Arbeit als Fotograf sprach. Daher zeigte ich ihm einige meiner Fotos. Er verstand sie. Germain war der erste, der sagte: Das sind starke, wirklich aussagekräftige Bilder!


Als 1996 Ihr Buch „Ray’s a Laugh“ herauskam, waren die Fotos ein Riesenerfolg. Aber es machte auch das Wort „Exploitation“ die Runde; Ihre Familienbilder wurden als „ausbeuterisch“ kritisiert. Wie sehen Sie das?

Billingham: Wer Menschen fotografiert, nutzt sie in gewisser Weise immer aus. Das wissen wir doch. Trotzdem kommt es darauf an, mit wieviel Empathie man seinem Modell begegnet. Im Idealfall überstrahlt die Empathie und die künstlerische Qualität das Moment der Ausbeutung, welches dem Medium einfach inhärent ist. Ergibt das Sinn?


Ja, das leuchtet ein. Mich interessiert dennoch, wie Ihre Familie reagiert hat. Es ist normal, wenn man geknipst wird. Bilder zu veröffentlichen ist aber eine andere Sache...

Billingham: Richtig. Meine Angehörigen waren aber nicht sehr an den Bildern interessiert. Als ich meine Ausstellung im National Museum of Photography, Film and Television in Bradford hatte, spendierte ich meiner Mutter, meinem Vater und meinem jüngeren Bruder Jason eine Zugfahrt. Sie liefen dann durch die Ausstellung, freuten sich über die Bilder, erinnerten sich an bestimmte Lebensmomente – reagierten aber letztlich eher indifferent. Sie waren mehr am schicken Hotel interessiert, in dem sie einquartiert waren. Sie sahen sich kurz die Bilder an, um schnell wieder ins Hotel zu kommen.


Der Film ist nicht chronologisch erzählt. Wie kam die Struktur zustande?

Billingham: „Ray & Liz“ ist über einen langen Zeitraum gewachsen. Eigentlich wollte ich keinen Spielfilm machen, sondern nur einen Kurzfilm für eine Galerie. „Ray“ entstand 2015 und handelte von der Zeit, die ich mit meinem Vater im Wohnturm verbrachte. Ray, der in seinem Zimmer blieb und trank. Ich wollte zwei oder drei Tage dieser Existenz zeigen, um diese Situation wieder zu erschaffen. Das Publikum kam in die Galerie, und es war, als würde man direkt in dieses Schlafzimmer hineinkommen. „Ray“ war als Filminstallation konzipiert, als Loop, als Ellipse, man konnte einsteigen, wann immer man wollte. Während der Dreharbeiten für „Ray“ kam mir die Idee für einen anderen Film, der um meinen Onkel kreiste. Und später kam eine dritte Episode hinzu, in der es um meinen Bruder Jason ging. Wir haben das Material des Galerie-Films schließlich wie eine Rahmenhandlung benutzt.

"Es war, als ob die Menschen, die ich kannte, ins Leben zurückkehrten": "Ray & Liz"
"Es war, als ob die Menschen, die ich kannte, ins Leben zurückkehrten": "Ray & Liz"

Sie haben also die 30 Minuten von „Ray“ zu drei 10-Minuten-Sequenzen auseinandergeschnitten und die später gedrehten Episoden im Reihenhaus und um Jason, der in einer kalten Nacht draußen fast erfriert, dazwischengeschoben. Warum kommen Sie selbst so wenig ins Bild?

Billingham: Ich wollte auf keinen Fall zu viel Raum einnehmen. Es sind ja zwei Darsteller, die mich verkörpern, ein Zehnjähriger und ein 15-Jähriger. Ich muss aber betonen, dass ich in meinem Film sehr präsent bin, weil ich ihn geschrieben und gedreht habe! Insofern bin ich die Zentralfigur. Dass die Figur Richard physisch so wenig vorkommt, passt zu meinem fotografischen Werk: Ich habe niemals Selfies gemacht. Wolfgang Tillmans oder Martin Parr, um zwei prominente Kollegen zu nennen, haben kein Problem damit, persönlich in ihren Bildern aufzutauchen. Mein Ding ist das aber nicht.


Wie haben Sie die Schauspieler gefunden?

Billingham: Die Besetzung war der härteste Teil des Unternehmens. Wir hatten Casting-Agenten, die aus Birmingham kamen und vielfach Menschen von der Straße holten. Das Problem bestand darin, dass schauspielerisches Talent und physische Ähnlichkeit bei den Darstellern gleichermaßen wichtig waren.


Wie haben Sie als Regisseur den Schauspielern helfen können?

Billingham: Es ist im Film zu sehen, dass ich als Junge oft Bandaufnahmen machte. Auf diese Weise wurden Stimmen und Gespräche auf Kassetten konserviert. Daher konnten die Schauspieler den Akzent und die Sprechweise ihrer Figur hören. Außerdem habe ich 1988 die Videodokumentation „Fishtank“ gedreht. Zur Vorbereitung konnten die Darsteller so auch die Bewegungen, den Habitus der Vorbilder studieren.


Wie fühlte sich das beim Drehen für Sie persönlich an?

Billingham: Wenn eine Szene stimmte, also „im Kasten“ war, dann empfand ich das wie eine Auferstehung. Es war, als ob die Menschen, die ich kannte, ins Leben zurückkehrten. Das war sehr aufregend, mitunter fast unheimlich. Schauspielkunst ist Schwarze Magie.


Foto oben: Porträt von Richard Billingham, ©Richard Billingham. Andere Fotos aus "Ray & Liz", ©Rob Baker Ashton
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