Filmklassiker: Sindbads siebente Reise

Sonntag, 12.05.2019

Der Abenteuerfilm von Nathan Juran aus dem Jahr 1958 machte den Stop-Motion-Spezialisten Ray Harryhausen weltberühmt

Diskussion

Der quicklebendige Abenteuerfilm von Nathan Juran aus dem Jahre 1958 machte den Stop-Motion-Pionier Ray Harryhausen weltberühmt. Die restaurierte Fassung des Films ist jetzt erstmals auf BD erschienen.


Er war sozusagen der Vorstandsvorsitzende der „Monster AG“, lange bevor die Pixar Studios bzw. der Disney-Konzern jenen gleichnamigen Animationsfilm-Hit 2001 in die Kinos brachten: der Effekte-Spezialist und Creature-Designer Ray Harryhausen (1920-2013). Eigentlich war „King Kong an allem schuld“, wie es der stets als Gentleman auftretende, hochgewachsene Mann aus Los Angeles im umfangreichen Bonusmaterial von „Sindbads siebente Reise“ ebenso erhellend wie selbstironisch erklärt: Die Begegnung mit jener legendären ersten fürs Kino geschaffenen Affenkreatur monumentalen Ausmaßes war Harryhausens künstlerisches Urerlebnis und prägte seine Laufbahn nachhaltig.

Nachdem er als kleiner Junge in den 1930er-Jahren zum ersten Mal Merian C. Coopers und Ernest B. Schoedsacks King Kong und die weiße Frau in seiner Heimatstadt gesehen hatte, stand für Harryhausen fest: Er wollte Stop-Motion-Tricktechniker werden! Besonders die Spezialeffekte hatten es dem jungen Harryhausen angetan. Bei dem dafür verantwortlichen Stop-Motion-Pionier Willis O’Brien lernte er Jahre später das Handwerk von der Pike auf (wovon er ebenfalls im Bonusmaterial der bildtechnisch brillant restaurierten BD-Fassung erzählt), ehe er sich bis zum Ende seiner fast fünf Jahrzehnte währenden Karriere vor allem als Ein-Mann-Betrieb inszenierte, vorwiegend in London lebte und selbst eine Reihe berühmter Verehrer fand: Von Steven Spielberg und John Landis über George Lucas und Terry Gilliam bis hin zu Tim Burton, Peter Jackson, Sami Raimi oder Guillermo del Torro reicht die Zahl seiner prominenten „Fanboys“, die ihn obendrein wie etwa in „Alice im Wunderland“, „King Kong“, „Armee der Finsternis“ oder „Shape of Water“ in ihren eigenen Filmen in Gestalt kleinerer Hommagen offen zitieren.


Leidenschaft für Handwerk & Tricktechnik

Mit den vom ihm geschaffenen Schauwerten und bizarren Monstergestalten ist Harryhausen das Kunststück gelungen, Generationen von Spielfilmregisseuren und Zuschauern nachhaltig zu verzaubern, so dass man sich auch Jahrzehnte später noch an Kreaturen wie den einäugigen Zyklopen aus Sindbads siebente Reise (1958) oder die schwertschwingenden Skelette in Jason und die Argonauten (1962) erinnert. In diesen meist wundersam-schillernden Fantasy-Welten, die Märchen, Mythen und Legenden teils kongenial für die Kinoleinwand adaptierten, verblüfft noch immer der Einfalls- und Detailreichtum von Harryhausens Arbeiten, die von handwerklicher Leidenschaft und großem Technik-Enthusiasmus zehren, in ihrer Inszenierung aber nie kühl oder steril wirken.

Aufwändig restauriert: "Sindbads siebente Reise"
Aufwändig restauriert: "Sindbads siebente Reise"

Auch bei „Sindbads siebente Reise“ lässt sich der zentrale Handlungsbogen in wenigen Worten zusammenfassen: Der titelgebende „1001 Nacht“-Held Sindbad (Kerwin Mathews) segelt als berühmtester Seefahrer aller Zeiten einem neuen Abenteuer entgegen. Dabei begegnet er seltsamen Herrschern wie dem Kalifen von Bagdad (Alec Mango) oder dem zwielichtigen Magier Sokurah (Torin Thatcher), wobei es schon nach zehn Filmminuten zum ersten Fight mit einer von Harryhausens unvergesslichen Kinokreaturen kommt: jenem einäugigen Zyklopen mit seinem gewaltigen Horn, der seltsamerweise Paarhufer ist, ein rot-braunes Ziegenfell an den Beinen trägt und im muskulösen Torso wie ein grotesk verunstalteter Koloss von Rhodos aussieht.


Die Poesie des Haptischen

Schon in dieser ersten meisterlichen Stop-Motion-Sequenz, die Harryhausen mithilfe seines „Dynamation“ genannten Trickfilmverfahren entwickelte, offenbart sich der ganze Reiz dieses Fantasyfilms. Durch eine ausgefeilte Perspektivfotografie, aufwändige Kulissen und einen regelrechten Eastmancolor-Farbrausch wirkt das bizarre Ungetüm erstaunlich lebendig und verfügt gleichzeitig über eine spezifische Persönlichkeit. „Klauen und Zähne sind nicht das Wichtigste bei einem Monster: Es braucht einen unverwechselbaren Charakter“, lautete Harryhausen Credo.

Es ist diese spezielle Poesie des Haptischen, die „Sindbads siebente Reise“ noch immer sehenswert macht. Zusammen mit der variantenreichen Filmmusik von Bernhard Hermann bildet dieses frühe Meisterwerk Harryhausens nach wie vor eine filmgeschichtliche Referenz für den Fantasyfilm. In seinem Nachruf auf den 2013 verstorbenen Raymond Frederick Herrenhausen würdigte in James Cameron mit den Worten: „Ohne ihn wären wir nicht, wer wir sind“.

BD-Cover "Sindbads siebente Reise"
BD-Cover "Sindbads siebente Reise"


Diskografische Hinweise

Sindbads siebente Reise. USA 1958. Regie: Nathan Juran. 88 Min. FSK: ab 12. Die BD-Edition der restaurierten Fassung enthält umfangreiches Bonusmaterial (inkl. mehrerer Audiokommentare und zahlreicher Interviews). Anbieter: Koch Media.


Foto: „Sindbads siebente Reise“. © Koch Media

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