Der große Kurator

Montag, 13.05.2019

Die Verlagerung von Filmerbe und -kultur aus dem Kinobetrieb in kuratierte Reihen kündet von der aktuellen Repräsentationskrise des Kinos

Diskussion

Kuratierte Reihen schlagen eine hilfreiche Schneise ins Dickicht des immer unübersichtlicher werdenden Filmangebots. Mittlerweile genießen sie hohes Ansehen als eine der letzten Bastionen des Filmerbes. Ihr Aufstieg ist jedoch im Wesentlichen Ausdruck einer Repräsentationskrise: Da das Kino sich immer mehr ganz dem Hier und Jetzt verschreibt, hat es die Verantwortung für die Filmkultur nach außen delegiert. Das Ergebnis ist eine bedenkliche Überbewertung der kuratorischen Aufgabe.


„But I don’t see why you should be interested in my rather dusty career – teacher, curator – when you lead such a gay and exciting life yourself“, wundert sich Dr. Galbraith (James Bell), der wissenschaftliche Leiter, oder eben Kurator, des Heimatmuseums einer Kleinstadt in New Mexico. Er habe zwar gerade eine interessante Ausstellung zu indianischen Bräuchen organisiert, aber der Beruf seiner Gesprächspartnerin – der Tänzerin Kiki (Jean Brooks) – sei doch viel aufregender.

Nun hat Dr. Galbraith gute Gründe, sein eigenes Leben als wenig spektakulär darzustellen: Am Ende von Jacques Tourneurs Horrorfilmklassiker „The Leopard Man“ (1943) stellt sich heraus, dass er die hauptsächliche Schuld trägt an einer Mordserie, die einer entflohenen Raubkatze in die Schuhe geschoben worden war. Dennoch macht die Szene deutlich, dass das Image des Kuratorenberufs in den Vierzigern nicht allzu glamourös gewesen sein dürfte: Das sind halt Leute, die in Archiven vergraben Spezialwissen anhäufen und anschließend Glasvitrinen mit mal mehr, mal weniger spannenden Artefakten bestücken. Die ideale Tarnung für einen Mörder.

KuratorIn ist, wer sein Nerdtum zum Beruf gemacht hat

Grundsätzlich gilt die Berufsbeschreibung immer noch: KuratorIn ist, wer sein Nerdtum zum Beruf gemacht hat, es aber nicht lediglich am Schreibtisch kultiviert (als WissenschaftlerIn zum Beispiel), sondern damit in die Welt, in den Bereich des öffentlich Sichtbaren drängt. Nur dass, parallel zum soziokulturellen Aufstieg des Nerdtums, in den letzten Jahrzehnten auch die Kuratiererei einen Siegeszug sondergleichen hingelegt hat. Insbesondere in der Kunstszene haben sich dadurch Verschiebungen ergeben, die schon oft genug ausgiebig diskutiert worden sind – inzwischen existieren ganze Studiengänge und Sonderforschungsbereiche zum Thema.

Wie weit sich das Berufsbild „KuratorIn“ seit „The Leopard Man“ gewandelt hat, zeigt sich in einem der meistdiskutierten Filme der letzten Jahre: Hauptfigur in Ruben Östlunds The Square (2017) ist Christian (Claes Bang

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