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Dienstag, 14.05.2019

Das 72. Filmfestival steht unter Druck und will wieder zum großen Konkurrenten aus Venedig aufschließen

Diskussion

Auftakt in Cannes: Am Abend des 14.5. eröffnet das 72. Filmfestival an der Côte d’Azur mit Jim Jarmuschs „The Dead Don’t Die“. Wer will, kann aus dem Titel durchaus einen gewissen Sarkasmus heraushören, ähnlich wie auch aus Quentin Tarantinos „Once Upon a Time in Hollywood“, der es auf den letzten Drücker doch noch nach Cannes geschafft hat. Denn Festivalchef Thierry Frémaux steht unter Druck, nach dem verstolperten letzten Jahr wieder zum großen Konkurrenten aus Venedig aufzuschließen. Dafür setzt er auf die bewährte Mischung aus Filmkunst und Prominenz.

Der Glamour-Faktor mit den Stars aus Hollywood ist durch die Filme von Jarmusch und Tarantino jedenfalls schon mal gesichert. Mit Jarmuschs Zombie-Komödie „The Dead Don’t Die“ werden heute Bill Murray, Tilda Swinton, Iggy Pop, Chloë Sevigny und Adam Driver auf dem roten Teppich erwartet, und für Tarantinos Hommage aufs 1960er-Jahre-Kino gelten Leonardo DiCaprio, Brad Pitt, Dakota Fanning, Al Pacino, Margot Robbie und Kurt Russell als gesetzt, wenn „Once Upon a Time in Hollywood“ exakt auf den Tage genau 25 Jahre nach der Weltpremiere von „Pulp Fiction“ in Cannes zu sehen sein wird (am 21. Mai), mit dem Tarantino seinerzeit die Goldene Palme gewann.

Auseinandersetzungen um den Ausschluss von Netflix-Filmen haben Spuren hinterlassen

„Once Upon a Time in Hollywood“ rutschte erst in letzter Sekunde ins Programm, was für Cannes ein großer Glücksfall ist, weil der „Liebesbrief an das Hollywood von Tarantinos Kindheit“ (Frémaux bei der Pressekonferenz) nicht nur eine Ode ans Kino und ein satter Ausflug in die Rockmusik dieser Ära ist, sondern den meisterwarteten Film dieses Jahres an die Croisette bringt, wo man in den letzten Jahren mächtig unter Druck geraten war. Die schmerzhaften Auseinandersetzungen um den Ausschluss von Netflix-Filmen haben Spuren hinterlassen, da Cannes nach dem Siegeszug von Alfonso Cuarons Roma 2018 als der große Verlierer dastand und schon als zweitklassig verunkt wurde.

Vom harten Kurs gegenüber Filmen, die nicht im Kino laufen, ist Cannes zwar nicht abgerückt, weshalb „The Irishman“ von Martin Scorsese oder Steven Soderberghs „The Laundromat“ wohl in Venedig laufen, da beide von Netflix produziert werden. Die offene Konfrontation mit den Streaming-Riesen, die das Festival 2018 überschattete, hat man in diesem Jahr vermieden, so wie man sichtlich auch bemüht war, das Filmschaffen von Frauen stärker zu gewichten; viel mehr als ein Versuch ist es allerdings nicht, wenn von 21 Wettbewerbsfilmen gerade mal vier von Regisseurinnen inszeniert wurden; bis zur 50-50-Egalisierung, die vor einem Jahr mit viel Aplomb von rund 80 Regisseurinnen (allen voran die jüngst verstorbene Agnès Varda) auf dem roten Teppich gefordert wurde, ist es in Cannes noch ein weiter Weg.

Cannes hält "seinen" Filmemachern die Treue

Das von Gilles Jacob installierte „Old Buddy“-Prinzip ist unter Thierry Frémaux zwar durchaus modifiziert worden, doch so richtig wundert man sich nicht, dass es Ken Loach zum gefühlt hundertsten Mal erneut in den Wettbewerb geschafft hat (mit dem Uber-Drama „Sorry We Missed You“ über die softe Unmenschlichkeit des Silicon-Valley-Kapitalismus) und Alain Delon mit einer Ehren-Palme gehuldigt wird. Cannes’ Treue zu „seinen“ Filmemachern führt aber auch dazu, dass man Werke von Elia Suleiman (die Tragikomödie „It Must Be Heaven“), Corneliu Porumboiu (das Entführungsdrama „The Whistlers“), Marco Bellocchio („Il Traditore“) oder Jean-Pierre und Luc Dardenne sehen kann, die mit „Young Ahmed“ der Radikalisierung eines jungen Moslems folgen.

Das „Festival der Stammgäste“ präsentiert Cannes-Regulars wie Pedro Almodóvar, der in „Dolor y Gloria“ erneut Antonio Banderas und Penélope Cruz besetzt hat und auf die Karriere eines erfolgreichen Filmemachers zurückblickt, der nach einem exzessiven Leben über einen Neuanfang nachdenkt. Mit dabei ist auch Terrence Malick, der in „A Hidden Life“ auf August Diehl als NS-Kriegsverweigerer Franz Jägerstätter setzt, sowie Arnaud Desplechin („Oh Mercy!“) über die Ermittlungen zweier Polizisten (Roschdy Zem, Antoine Reinartz), die zwei Frauen (Léa Seydoux, Sara Forestier) des Mordes an einer älteren Frau verdächtigen.

Deutsche Filme wurden nicht nach Cannes eingeladen

Zur jüngeren Sektion der Filmemacher*innen zählen Jessica Hausner mit dem Science-Fiction-Thriller „Little Joe“, die senegalesische Regisseurin Mati Diop, die sich in „Atlantique“ an die Fersen afrikanischer Bootflüchtlinge heftet, Xavier Dolan mit „Matthias and Maxime“, der brasilianische Shooting-Star Kleber Mendonça Filho („Bacurau“),Céline Sciamma („Portrait of a Lady on Fire“) und Justine Triet mit „Sibyl“.

Deutsche Filme wurden nicht nach Cannes eingeladen. In der Nebenreihe „Un Certain Regard“ laufen unter anderem Werke von Bruno Dumont („Joan of Arc“), Christophe Honoré („Chambre 22“), Albert Serra („Liberté“), Karim Aïnouz („A Vida Invisível de Eurídice Gusmão“) und Zabou Breitman („The Swallow of Kabul“). In der zweiten Nebensektion „Quinzaine“ stechen Filme von Lav Diaz („The Halt“), Takashi Miike („First Love“), Rebecca Zlotowski („Un fille facile“) und Bertrand Bonello („Zombi Child“) hervor. In einer „Séance spéciale Masterclass“ werden außerdem „Red 11“ von Robert Rodriguez und der Kurzfilm „The Staggering Girl“ von Luca Guadagnino präsentiert.

Die Preisverleihung unter dem Jurypräsident Alejandro González Iñárritu findet am Samstag, 25. Mai, statt.


Foto: Aus "The Dead Don't Die", © Universal

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