Jazzgesang und Bettgeflüster: Ein Nachruf auf Doris Day

Dienstag, 14.05.2019

Zum Tode der amerikanischen Schauspielerin (3.4.1922-13.5.2019)

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Sie sang für Alfred Hitchock den „Oscar“-prämierten Song „Que sera, sera“ in „Der Mann, der zuviel wusste“ und war im Duo mit Rock Hudson in den frühen 1960ern eine der erfolgreichsten Komödiantinnen Hollywoods: Doris Day, leider viel zu oft reduziert aufs Image der patenten, sangesfreudigen Sauberfrau, ist am 13.5. im Alter von 97 Jahren verstorben.


Groucho Marx behauptete einmal, er habe „Doris Day schon gekannt, bevor sie Jungfrau war“. Tatsächlich wurde der Hollywoodstar zum Inbegriff der saukomischen „Sauberfrau“. Doch Doris Mary Ann Kappelhoff, als Tochter deutschstämmiger Eltern 1922 in Cincinnati, Ohio geboren, war mehr als die versierte Ulknudel aus Filmen wie „Was diese Frau so alles treibt“.

Eigentlich wollte sie Tänzerin werden, doch ein Autounfall, bei dem sich die 14-Jährige ein Bein brach, machte den Traum zunichte. 1946 wurde sie zur höchstbezahlten Sängerin der Welt, nachdem sie in den letzten Kriegstagen mit „Sentimental Journey“ einen Hit landete – der Song blieb ein Jazzstandard bis heute. Mit Zaubernächte in Rio begann 1948 ihre Filmkarriere, wobei sie sich zunächst auf Komödienrollen mit Gesang spezialisierte. Alfred Hitchcock, den Day mit einer raren dramatischen Rolle („Der Gefangene des Ku-Klux-Klan“, 1950) überzeugt hatte, bot ihr einen Part in „Der Mann, der zuviel wusste“ (1956) an. Dort brilliert sie als Mutter eines entführten Sohnes und Ex-Broadway-Sängerin. 1957 wird ihr – für den Plot entscheidender – Song „Que sera, sera“ mit einem „Oscar“ ausgezeichnet (den Day selbst nie bekommen sollte). Die Komposition sticht den in derselben Saison nominierten Titelsong „Julie“ aus „Mord in den Wolken“ aus. Sängerin und Hauptdarstellerin: wieder Doris Day.

Für die reaktionären 1950er waren Doris Days Filmfiguren erstaunlich emanzipiert

Als Stewardess Julie, die von ihrem wahnsinnigen Ehemann verfolgt wird, muss Day am Ende ein Linienflugzeug auf den Boden bringen – nachdem der Gatte den Piloten erschossen hat. Das Motiv des Landemanövers einer/eines Flugunerfahrenen schrieb fortan (Katastrophen-)Filmgeschichte („Flug in Gefahr“, „714 antwortet nicht“), aber bis hin zur Parodie „Airplane!“ saßen später nur männliche Laienpiloten im Cockpit. Für die reaktionären 1950er waren Doris Days Filmfiguren erstaunlich emanzipiert, das hatte die Schauspielerin bereits 1953 in Schwere Colts in zarter Hand als historische Westernheldin Calamity Jane bewiesen.

Days letzter Thriller, die Hitchcock-Paraphrase „Mitternachtsspitzen“ von 1960, war deutlich von ihrem passiveren Image in den Sex-Komödien seit den Endfünfzigern eingefärbt: Day spielt eine reiche amerikanische Erbin unter der Fuchtel ihres britischen Ehemanns, die durch telefonische Morddrohungen zunehmend eingeschüchtert wird.

In "Schwere Colts in zarter Hand" erschien Doris Day als singende Calamity Jane.
In "Schwere Colts in zarter Hand" erschien Doris Day als singende Calamity Jane.

Ins Komödienfach war Day bereits zurückgekehrt, nachdem „Mord in den Wolken“ gefloppt war, der erste Film der von der Schauspielerin mit ihrem dritten Gatten Martin Melcher gegründeten Arwin Productions. Das Finaljahrzehnt ihrer Filmkarriere war geprägt von den Lustspielen, deren Protagonistin entweder auf den passenden Ehemann stieß oder als treusorgende Gattin in amüsante Verwicklungen geriet. Die beherzte, aber nie auch nur annähernd feministische Blondine verkörperte sie neben Cary Grant oder James Garner. Doch Days klassischer Partner war zwischen 1959 und 1964 Rock Hudson, in „Bettgeflüster“, „Ein Pyjama für zwei“ und „Schick mir keine Blumen“, eine Trilogie, in der Tony Randall dreimal den Sidekick gab. Zwei späte Komödien, ohne Hudson und Randall, sind weithin unterschätzt: Frank Tashlin, der vom Animationsfilm kam, inszenierte mit „Spion in Spitzenhöschen“ (1966) und „Caprice“ (1967) zwei glänzende Agentenfilm-Parodien.

TV und Tierschutz

Eine Witwe spielte sie in ihrem letzten Kinofilm Der Mann in Mammis Bett (1968); als er anlief, war Day wirklich gerade verwitwet. Kurz nach dem Tod von Martin Melcher musste sie feststellen, dass er sie ohne ihr Wissen zu einer TV-Sitcom verpflichtet hatte. Allerdings entpuppte sich die „Doris Day Show“, zwischen 1968 und 1973 produziert, als Publikumsrenner. Trotzdem war Day in finanziellen Schwierigkeiten, da Melcher und sein Geschäftspartner Jerome B. Rosenthal ihr Vermögen verspekuliert hatten. Sie ging vor Gericht, nach einem langwierigen Prozess gegen Rosenthal wurden ihr rund 23 Millionen Dollar zugesprochen.

Ab Mitte der 1970er-Jahre engagierte sich der Star vor allem für den Tierschutz. Dafür willigte sie sogar in ein TV-Comeback mit der Talkshow „Doris Day’s Best Friends“ ein (1985-86). Wenige Monate vor seinem Aids-Tod trat ausgerechnet ihr schwuler Kollege Rock Hudson als Showgast auf, obwohl der produzierende Sender Christian Broadcast Network von dem homophoben Prediger und Rechtsaußen-Politiker Pat Robertson geleitet wurde. An ihrem kalifornischen Wohnsitz Carmel-by-the-Sea betrieb die Hollywoodlegende mit einem Geschäftspartner sowie ihrem einzigen, 2004 verstorbenen Sohn Terry das Hotel „Cypress Inn“. Wie die Doris Day Animal Foundation nun bekannt gab, ist die 97-Jährige, die sich im hohen Alter Carla Kappelhoff nannte, am 13. Mai an den Folgen einer Lungenentzündung gestorben.



Foto aus „Bettgeflüster“: Universal

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