Appreciate the Details!

Freitag, 17.05.2019

Auftakt beim 72. Cannes-Festival, das sich Neuerungen öffnet. Die ersten Filme von Jim Jarmusch („The Dead Don’t die“), Ladj Ly („Les Misérables“) und Kleber Mendonça Filho („Bacurau“)

Diskussion

„The World is wonderful. Appreciate the details“, heißt es ganz unironisch in Jim Jarmuschs lakonischer Zombie-Komödie „The Dead Don’t Die“, was man unschwer als Mantra für die ersten beiden Tage des Cannes-Festivals nehmen kann. Denn man braucht etwas Geduld, um sich mit den Neuerungen des Filmfestivals anzufreunden, die fürs Erste eher Konfusion stiften, da eingeübte Routinen nicht mehr greifen. Konnte man sich bislang fast blind dem Rhythmus überlassen, dass morgens und abends die Filme des Wettbewerbs laufen, während tagsüber Zeit für Entdeckungen in den Nebenreihen blieb, ist jetzt alles durcheinandergewirbelt.

Dahinter steckt weniger das Bemühen, Bewährtes zu verbessern, als vielmehr der generelle Druck, unter dem alle Festivals und die Kinos stehen. Der Rückgang der Zuschauerzahlen, der 2018 weltweit Spuren hinterlassen hat, plus das hausgemachte „Netflix“-Problem in Cannes (wo im Wettbewerb keine Filme des US-Streamers gezeigt werden), zwingen die Verantwortlichen zu Änderungen, um das 12-tägige Festival (14.-25. Mai) an der Croisette noch attraktiver, wichtiger, unverzichtbarer zu machen.

Die Star-Parade der Untoten

Die Hauptlast hat natürlich das Filmprogramm zu schultern, das auf die für Cannes eher ungewohnte Kombination bewährter Meister und neuer Kräfte setzt; so finden sich in den beiden Hauptreihen insgesamt 10 Debütfilme (mit „Atlantique“ von Mati Diop und „Les Misérables“ von Ladj Ly allerdings nur zwei Erstlinge im Wettbewerb), was an der Côte d‘Azur eine Revolution bedeutet; vielen langjährigen Festival-Regisseuren wie Alan Cavalier, Abel Ferrara oder Werner Herzog bleibt deshalb nur eine „Séance Spéciale“ für ihre neuen Werke.

Mit dem Eröffnungsfilm The Dead Don’t Die hat Festivalchef Thierry Frémaux nichts falsch machen wollen: Die Kombination von Jim Jarmusch und dem Ensemble aus Bill Murray, Adam Driver, Chloë Sevigny, Iggy Pop und Tom Waits erfüllt alle Anforderungen, prominente Stars und eine Ikone des US-Independent-Kinos auf den roten Teppich zu holen – allerdings richtet sich die Zombiekomödie nur an eingefleischte Jarmusch- und Genre-Fans. Mit aufreizender Langsamkeit entwirft Jarmusch eine prototypische US-Kleinstadt, deren Namen „Centerville“ schon aufs Exemplarisch-Spielerische verweist und die in einer Art Hommage an den Romero-Klassiker Die Nacht der lebenden Toten (1968) schon bald von einer Invasion der Untoten heimgesucht wird.

Zunächst entsteigen nur Iggy Pop und eine Gefährtin den Gräbern und fallen über einen Diner her, wo sie es neben dem Üblichen vor allem auf Kaffee abgesehen haben – das, was sie im Leben am meisten begehrten, wie es später einmal explizit heißt. Eine faltige Alte kräht deshalb nach „Chaddoney“, andere Untote gieren nach Smartphones, Süßem oder all den anderen Stoffen mit Suchtpotenzial. Das ist in seiner Kritik an der Konsumgesellschaft so simpel wie die Jokes auf Trump (Steve Buscemi trägt eine rote Baseballmütze mit der Aufschrift „Keep America White Again“) oder die Verschiebung der Erdachse durch „Polar Fracking“. Und der Fatalismus des von Adam Driver gespielten Polizisten, dass nämlich alles schrecklich enden werde, entpuppt sich als Film-im-Film-Referenz, da die Figur von „Jim“ das Drehbuch erhalten hat. Letztlich bleiben von dem Slowburner wirklich nicht viel mehr als die Darsteller, unter denen insbesondere Tilda Swinton als coole Totengräberin eine scharfe Klinge zu führen weiß. Für diese sehr „Jarmusch“-liken, vor filmhistorischen Anspielungen und Selbstzitaten nur so strotzende Genre-Variation gab es nur von den Aficionados herzhaften Applaus.

Der spürbar andere Ton des 72. Festivals setzte sich auch in den anderen Wettbewerbs-Beiträgen fort: „Les Misérables“ des französischen Regisseurs Ladj Ly nutzt den Titel von Victor Hugos Roman als Folie für einen Aufstand in einer Pariser Vorstadt, und Kleber Mendonça Filho erzählt in „Bacurau“ (zusammen mit Co-Direktor Juliano Dornelles) vom Widerstand im Nordosten Brasiliens. Zwei politische Filme entlang aktueller Konfliktherde, die ästhetisch aber auf sehr unterschiedliche Traditionen rekurrieren.

Frontlinien in der französischen Gesellschaft: Das Banlieue-Drama „Les Misérables“

„Les Misérables“ spielt in der östlich von Paris gelegenen Hochhaussiedlung Montfermeil, in der eine Sondereinheit der Polizei auf der Straße die Oberhand behalten will. Die drei Polizisten werden allerdings so idealtypisch wie alle gesellschaftlichen Gruppen gezeichnet, mit denen sie zu tun haben. Der Chef ist ein weißer Rassist mit sadistischen Anflügen, sein Buddy ein schwarzer Schrank, der Neue im Team ein Aufrechter, der sich an die Regel halten will. Mit ihrem grauen Peugeot kurven sie durchs Zentrum und schüchtern vornehmlich junge Migrantinnen aus dem Maghreb oder Schwarzafrika ein. Das Sagen im Quartier aber hat ein hünenhafter Bürgermeister und die von ihm organisierte Verwaltung; aber auch die Muslimbrüder werben unter den Jugendlichen um Anhänger, und dann gibt es auch noch Dealer, Zirkusleute und viele, viele Kinder und Heranwachsende, um die sich niemand kümmert.

Wie schnell der Friede auf den Straßen in eine hochexplosive Mischung umschlagen kann, wird an einem Jungenstreich durchgespielt, bei dem ein Löwenbaby entwendet wird. Plötzlich stehen die Polizisten zwischen allen Fronten, was eine zusätzliche Dynamik erfährt, als ihr rabiater Umgang mit dem Dieb von einer Drohne gefilmt wird. Statt sich um den schwerverletzten Jugendlichen zu kümmern, setzen die Polizisten alle Hebel in Bewegung, um an den Chip mit den Aufnahmen zu kommen, was zunächst wie in einem Fernsehkrimi versöhnlich-gut endet. Doch das auf persönlichen Erfahrungen des Regisseurs beruhende Banlieue-Drama übergeht die Erniedrigung des Opfers nicht, der schon einen Tag später mit einer Armee vermummter Jugendlicher zum Gegenschlag ausholt.

„Les Misérables“ ist packend in CinemaScope inszeniert und beschreibt die Segregation der französischen Gesellschaft mit großer Klarheit und Eindringlichkeit. Die Vertrautheit des Filmemachers mit dokumentarischen Formaten ist spürbar, aber auch, dass der Film auf seinem gleichnamigen Kurzfilm fußt, was eine gewisse Schematik bedingt haben mag.

Ein Kampf David gegen Goliath: Kleber Mendoca Filhos „Baracau“

Im Gegensatz dazu weiß Kleber Mendonça Filho in „Bacarau“ die filmgeschichtlichen Anleihen so geschickt zu amalgieren, wie auch die kleine Gesellschaft des titelgebenden Örtchens in der ausgetrockneten Sertão ein Inbegriff gelungener Diversität ist: Hier spielt die Hautfarbe so wenig eine Rolle wie Geschlechter, sexuelle Vorlieben oder Auseinandersetzungen mit der Justiz. Alle vereint ein geradezu mythisches Band, am Sichtbarsten verkörpert in zwei alternden Frauen, der eingangs verstorbenen Matriarchin und einer von Sonia Braga gespielten Ärztin.

Der Titel bringt über den Dorfnamen hinaus einen mythischen Vogel ins Spiel, den man nur in der Dunkelheit sehen kann, vielleicht auch nur mit Hilfe der Drogen, die in Momenten der Gefahr oder existenzieller Bedrohung in Bacarau wie Hostien dargereicht werden. Denn seit dem Tod der Vorsteherin dräut ein Verhängnis über dem Dorf, das sich zunächst nur in einer gestörten Mobilfunkverbindung und darin zeigt, dass der Ort plötzlich nicht mehr bei Google Earth verzeichnet ist.

Die schnell wachsende Zahl der Leichen resultiert in dem in einer nahen Zukunft spielenden „Cangaço“-Western (ein in den 1950er-/1960er-Jahren im brasilianischen Kino weitverbreitetes Robin-Hood-Genre) aus einer perfiden Menschenjagd, die es zahlungskräftigen US-Psychos unter dem Kommando von Udo Kier ermöglicht, ihrer Lust am Massenmord nachzugehen. Statt den Frust nach der Scheidung an der Ex-Ehefrau oder in einer Mall auszuagieren, sollen die destruktiven Energien in der brasilianische Provinz einen Ort finden, arrangiert und organisiert von einer mysteriösen Organisation, die in einer als Ufo gestalteten Drohne sichtbarste Gestalt gewinnt.

Doch die grellbunte High-Tech-Maschinerie trifft hier auf Archaik und die Wehrhaftigkeit einer solidarischen Welt. Die Ausgegrenzten entwickeln lustvolle Formen des Widerstands, mit ihren nackten Körpern, antiquierten Feuerwaffen und einem Blutrausch, an denen der zynische Militarismus der Menschenjäger zerschellt. Das ist formal bisweilen recht eigenwillig und kunterbunt erzählt, aber immer wieder in pointierte Bilder übersetzt, die sich über den Plot hinaus als aktuelle Beispiele eines erfolgreichen Kampfes von David gegen Goliath festsetzen.

So kann es mit dem 72. Festival de Cannes weitergehen! Appreciate the Details!

Foto: Festival de Cannes

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