Wunden der Zeit

Samstag, 18.05.2019

Cannes-Blog 2019. Notizen zu neuen Filmen von Ken Loach („Sorry We Missed You“), Mati Diop („Atlantique“), Jessica Hausner („Little Joe“), Bruno Dumont („Jeanne“) und Kantemir Balagov („Beanpole“)

Diskussion

Der Brite Ken Loach setzt mit dem bewegenden Drama „Sorry We Missed You“ den Ton in Cannes. Doch auch die Zombies lassen sich nicht klein kriegen, sondern tauchen an überraschenden Stellen in wechselnden Gestalten immer wieder auf. Ein Zwischenbericht von der Côte d’Azur.


Ken Loach setzt den Ton in Cannes. Dabei hatte der 82-jährige Brite das Filmemachen eigentlich schon an Nagel gehängt. Doch sein Zorn über die wachsenden Ungerechtigkeiten brach sich schon in „Ich, Daniel Blake“ (Goldene Palme 2016) und jetzt erneut in Sorry We Missed You“ Bahn.

Beide Filme zehren von einer großen erzählerischen Souveränität und der langjährigen Zusammenarbeit mit dem Drehbuchautor Paul Laverty. Doch wo Loach in früheren Jahren oft klassenkämpferisch wirkte oder sich auch politisch links außen positionierte, überrascht Sorry We Missed You“ durch eine meisterliche Balance, die den wachsenden Druck, der auf einer vierköpfigen Familie lastet, elegant mit einer hellsichtigen Analyse der „Gig“-Ökonomie verbindet. Gigs meint einzelne Aufträge für selbstständige Kleinunternehmer, was Freiheit und wachsende Einnahmen verspricht, häufig aber in Elend und Armut endet.

Im Griff unmenschlicher Verhältnisse: die Turners aus Newcastle
Im Griff unmenschlicher Verhältnisse: die Turners aus Newcastle

Früher hat Ricky (Kris Hitchen, wie alle anderen ein Laiendarsteller) auf dem Bau gearbeitet, doch jetzt erhofft er sich als Paketzusteller ein besseres Auskommen, obwohl das ABC des neuen Kapitalismus knallhart ist: Bezahlung nur pro ausgeliefertem Paket und nach Pünktlichkeit; dafür gehen alle Kosten und Risiken, einschließlich Krankheit, Unfall oder anderer Unwägbarkeit, zu seinen Lasten.


Bewegendes, zutiefst menschliches Drama

Für den Van, mit dem Ricky jetzt durch die nordwestenglische Stadt Newcastle kurvt, musste seine Frau Abby (Debbie Honeywood) ihren Kleinwagen verkaufen, obwohl sie als ambulante Pflegerin darauf angewiesen ist. Denn auch sie verdient ihr Geld unter kostenminimierenden Bedingungen: pauschal pro Klientin, nicht nach Aufwand oder Anteilnahme. Jetzt nimmt sie den Bus.

Leidtragende der zeitlichen und psychischen Belastungen sind die beiden Kinder Liza Jane und Seb. Die jüngere Tochter kommt mit der Abwesenheit ihrer Eltern halbwegs klar, der pubertierende Bruder hängt hingegen mit einer Graffiti-Gang ab und probt den Aufstand.

Loach verwendet viel Sorgfalt darauf, die familiären Spannungen nicht auf eine einzige Ursache zu reduzieren, obwohl der Druck der Arbeitsbedingungen alles verschärft. Die Inszenierung vermeidet allzu naheliegende dramaturgische Klischees, sondern setzt mit engelsgleicher Geduld und einer geradezu barmherzigen Haltung alles daran, auch aus verfahrensten Situationen Auswege zu eröffnen, ohne die kritische Haltung gegenüber den Verhältnissen aufzugeben.

Ein seltener Moment der Ruhe und des Verständnisses
Ein seltener Moment der Ruhe und des Verständnisses

Sorry We Missed You“ ist ein bewegendes, zutiefst menschliches Drama, das mit großer Sensibilität von den Energien erzählt, die es braucht, um eine Familie zusammenzuhalten. Sein markantes Profil gewinnt der Film jedoch in der Beschreibung der schönen neuen Arbeitswelt, in der nach dem Sieg des Neoliberalismus viele Errungenschaften einer „sozialen“, von Menschen für Menschen gemachten Marktwirtschaft verschwunden sind. Die Folgen der „Deregulierungen“ liegen bei Loach & Laverty auf der Hand: Alle arbeiten härter, länger und vereinzelter, doch der Ertrag kommt nie bei denen an, die die Pakete zustellen.


Zombies allerorten

Sucht man nach einem übergreifenden Thema oder nach Topoi, um die Filme des ersten Festivaldrittels zusammenzufassen, drängt sich die Zombie-Metapher auf. Gleich in drei weiteren Filmen neben Jarmuschs „The Dead Don’t Die“ spielen Untote eine Rolle, wenn auch auf unterschiedlichen Leveln. Bei der französischen Regisseurin Mati Diop (einer Nichte von Djibril Diop Mambéty) sind es Djinns, die in „Atlantique“ als Seelen toter Flüchtlinge in die senegalesische Hauptstadt zurückkehren, um Unrecht zu bekämpfen und eine junge Frau aus einer unglücklichen Ehe zu befreien. Bei Jessica Hausner tauchen Zombies in Little Joe“ als sprachliche Angstformel (aber gespenstisch reale Möglichkeit) auf und „imprägnieren“ stilistisch den ganzen Film , während Bertrand Bonello in „Zombie Child“ einen radikalen Twist mit Voodoo-Elementen wagt und zwei Zeitebenen (Haiti in den 1960er-Jahren, Frankreich in der Gegenwart) in ein schmerzhaftes Verhältnis zueinander setzt.

Mati Diop, die bislang eher als Schauspielerin (etwa in „35 Rum“ von Claire Denis) in Erscheinung getreten ist und in Cannes als erste „schwarzhäutige“ Regisseurin im Wettbewerb apostrophiert wird) setzt in „Atlantique“ auf eine Mischung aus dokumentarischer Sensibilität und fantastischen Elementen. Die Protagonistin Ada soll in wenigen Tagen Omar heiraten, den Sohn einer reichen Familie aus Dakar. Doch sie liebt Souleiman, der auf einer Baustelle nahe dem futuristischen Muejiza Tower schuftet, aber seit drei Monaten keinen Lohn erhalten hat. Auch deshalb bricht er mit Freunden heimlich übers Meer nach Spanien auf.

Mati Diop (r.) in Cannes
Mati Diop (r.) in Cannes

Dort kommt er aber nie an, dafür passieren in Dakar merkwürdige Dinge. Der Bauunternehmer, der den Arbeitern den Lohn schuldet, wird nachts von gespenstischen Frauen mit weißen Augäpfeln heimgesucht, Adas monströses Ehebett wird ein Raub der Flammen, ein Polizeiinspektor kann sich morgens nie erinnern, was in der Nacht davor geschehen ist. Lauter mysteriöse Ereignisse, die auf die Beseitigung von Unrecht und eine Selbstermächtigung hinauslaufen: „Ich bin Ada und nehme mein Schicksal in die eigenen Hände“. Documentary meets Fantasy, traumhaft zwischen Tag und Nacht, Traum und harter Wirklichkeit gefilmt.

Es ist schon ziemlich clever, einen Film über die Frage zu machen, was junge Senegalesen in die selbstmörderische Migration treibt und welche Lücke dies in ihrer Heimat hinterlässt.

Bei Jessica Hausner werden die Untoten in Little Joe“ nur dialogisch adressiert, auch wenn man den kühl durchdesignten Science-Fiction-Thriller durchaus als „Zombie“-Film beschreiben kann. Aus der in edlestes Grau, Grün und Beige getauchten Welt scheinen Misstöne und Aggressionen oder allzu laute Gefühle geradezu verbannt zu sein; alles ist soft durchorganisiert, aber auf maximale Effektivität ausgerichtet; selbst die Konversationen wirken wie auf Autopilot.

Die Handlung kreist um eine Biologin (Emily Beecham), die eine genetisch veränderte Pflanze gezüchtet hat, welche Menschen glücklich machen soll. Allerdings behauptet eine Mitarbeiterin (Kerry Fox), dass die Pollen der tiefrot blühenden Pflanze Tiere und Menschen in ihrem Wesen verändere. Auch die Wissenschaftlerin ist sich bald nicht mehr sicher, ob das Verhalten ihres präpubertierenden Sohnes Joe nicht auf den Einfluss der Züchtung zurückzuführen ist.

Mutter und Sohn in "Little Joe"
Mutter und Sohn in "Little Joe"

Die „Female-Frankenstein-Story“ (Jessica Hausner) kann ihre filmischen Vorbilder von „Der Golem, wie er in die Welt kam“ bis zu „Die Körperfresser kommen“ nicht leugnen; doch es sind weniger die filmischen Referenz als vielmehr die generelle Atmosphäre einer steril-algorithmisch optimierten Welt, die nachhaltig im Gedächtnis bleibt. Wo bei Ken Loachs „Sorry We Miss You“ die realen Brüche der digitalen Welt verhandelt werden, entwirft Hausner eine nicht allzu futuristische Dystopie, die in den realen Konsequenzen einer entpersönlichten Glücksoptimierung weit mehr erschreckt.

* * *

Kurz notiert: Jeanne“ von Bruno Dumont. Das Kino als Ort befreiter Spiritualität. So will der französische Regisseur sein Filmschaffen generell verstanden wissen, mit dem die Kunst und insbesondere das Kino an die Stelle von Religion und Kirche(n) treten soll. Besonders deutlich wird das in der zweiteiligen „Jeanne d’Arc“-Adaption nach Charles Péguy; auf „Jeannette“ (2016) folgt jetzt „Jeanne“ über die militärische Niederlage 1429 während des Hundertjährigen Kriegs und vor allem über den Prozess in Rouen 1430/1431.

"Jeanne" von Bruno Dumont
"Jeanne" von Bruno Dumont

Mit dem Furor der Groteske demaskiert Dumont in den Theaterdialogen insbesondere den dogmatischen Bombast und die schmierige Selbstherrlichkeit der Kirchenmänner. Vier Songs des französischen Kontertenor-Sängers Christophe, der einen davon als gruseliger Inquisitor selbst vorträgt, eine außergewöhnliche Kamera und höchst eindringliche Darsteller (allen voran die inzwischen 12-jährige (Lise Leplat Prudhomme) entfalten eine packende, „dumont’sche“ Atmosphäre mit originellen Bildfindungen und einer grandiosen Szene, wenn die Befreiungsschlacht um Paris mit einer Art Pferdeballett ironisiert wird.

Die bislang größte Entdeckung: „Beanpole“ des jungen russischen Regisseurs Kantemir Balagov über zwei junge Frauen, die 1945 mit den psychischen Nachwirkungen des Krieges umzugehen haben. Das hochkonzentrierte Kammerspiel lotet mit großer visueller Kunst die Traumatisierungen der Frauen aus, die aus vielen Gründen aneinander gebunden sind.

"Beanpole" von Kantemir Balagov
"Beanpole" von Kantemir Balagov

Der Einfluss von Balagovs Lehrer Alexander Sokurow ist in der sorgfältigen Kadrierung und dem strengen Fokus auf die beiden Hauptfiguren zu spüren, die der Kampf gegen die Wehrmacht zusammengewürfelt hat. Die autistische „Bohnenstange“ Iya hat Mashas kleinen Sohn durch die Belagerungsjahre gebracht, den Jungen dann aber durch ein Unglück verloren. Als Masha zurückkehrt, will sie unbedingt ein neues Kind, kann aber selbst nicht mehr schwanger werden. Deshalb zwingt sie Iya, an ihrer Stelle für Nachwuchs zu sorgen, um den dann gemeinsam aufzuziehen.

Was in drei Zeilen schrecklich kolportagehaft klingt, entfaltet über die bestechend konzentrierte Inszenierung hinaus eine enorme psychologische Wucht, die immer mehr Facetten und „Geheimnisse“ enthüllt und die Dynamik zwischen den beiden unterschiedlichen Frauen subtil in Bewegung bringt. Einer der wenigen Film in Cannes bislang, der, obwohl von einem Mann inszeniert, explizit nur um weibliche Figuren kreist und das völlig verdrängte Thema der Frauen als Kriegsopfer aufgreift.


Fotos: Teaser aus "Little Joe", oben: "Beanpole". Rechte: Festival de Cannes

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