Joseph Ratzinger vs. die böse Welt - Der Dokumentarfilm „Verteidiger des Glaubens“

Montag, 20.05.2019

Über die Premiere des Dokumentarfilms, der sich kritisch mit der Person des Theologen und ehemaligen Papstes Benedikt XVI. befasst, beim DOK.fest München 2019

Diskussion

Im April 2019 sorgte der Theologe und ehemalige Papst Benedikt XVI. Joseph Ratzinger mit einem Artikel im bayerischen „Klerusblatt“ für Empörung, in dem er die Missbrauchsfälle innerhalb der katholischen Kirche der 1968er-Bewegung zur Last legte, die die moralischen Standards in Gesellschaft und Kirche erodiert habe. Beim DOK.fest München feierte nun ein Film Premiere, der sich kritisch mit der Person Ratzinger und vor allem mit ihrer Reaktion auf die Krisen der katholischen Kirche befasst: „Verteidiger des Glaubens“ von Christoph Röhl.

„Den 1.670 beschuldigten Klerikern konnten nach den Personal- und Handakten insgesamt 3.677 Kinder und Jugendliche als von sexuellem Missbrauch betroffen zugeordnet werden“, heißt es in der von der Deutschen Bischofskonferenz in Auftrag gegebenen MHG-Studie. Einer aktuellen Gallup-Umfrage zufolge sind es in den USA 37 Prozent der Katholiken, die wegen der Missbrauchsskandale einen Kirchenaustritt erwägen. Die katholische Kirche steckt in ihrer schwersten Glaubwürdigkeitskrise seit langem.

„Kein Themenfilm über Missbrauch in der Kirche“

Als Christoph Röhl letzte Woche seine Doku „Verteidiger des Glaubens“ im Rahmen des Münchener Dokumentarfilmfests uraufführte, betonte er, dass dies kein Themenfilm über Missbrauch in der Kirche sei, sondern ein Porträt Joseph Ratzingers, das ihn als „exemplarische Figur“ darstellen wolle. Tatsächlich aber sind die dem Missbrauchsthema gewidmeten Passagen des Films auch seine stärksten, und wieder einmal prägen sich bei diesem bitteren Thema die Zeugnisse der Frauen am nachhaltigsten ein: wenn Ex-Ordensfrau Doris Wagner knapp von ihren Missbrauchserfahrungen erzählt und ihre systemanalytischen Schlüsse daraus zieht (siehe dazu ihre Bücher „Nicht mehr ich“ und „Spiritueller Missbrauch in der katholischen Kirche“). Oder die Geschichte der IrinMarie Collins, die als 13-jährige von einem Priester vergewaltigt wurde. Der Vikar, dem sie von der Vergewaltigung erzählte, wollte ihr einreden, dass sie selbst die Schuldige sei, er weigerte sich – einer vatikanischen Anweisung folgend – den Namen des beschuldigten Priesters zu notieren und zeigte sich einzig um die „Heiligkeit von Kirche und Priesteramt“ besorgt. „Ist mein Körper nicht heilig?“, fragt Collins.


In wenigen Minuten ist die Geschichte erzählt, aber sie hallt lange nach, weil sich in ihr besonders krass diese doppelte Demütigung und Beleidigung zeigt: zuerst die Tat, dann der amtliche Versuch, sie zu leugnen, zu verharmlosen und zu vertuschen. Es ist wie bei den Missbrauchsfällen, die der polnische Spielfilm „Kler“ jüngst zeigte, oder die der Journalist Tomasz Sekielski in „Sag’ es bloß niemandem“ schockierend offenlegt. Seine zweistündige Dokumentation, auf Youtube zu sehen (bislang 19 Millionen Aufrufe), erschüttert so heftig, weil sie den kirchenamtlichen Zynismus in direkter investigativer Konfrontation vorführt.

Im Zentrum: Joseph Ratzingers Reaktionen auf drei zentrale Krisen der katholischen Kirche

Regisseur Christoph Röhl, Jahrgang 1967, bekennender Atheist, wurde mit seinen vielfach prämierten Filmen zum sexuellen Missbrauch an der Odenwaldschule bekannt, mit der Doku „Und wir sind nicht die Einzigen“ und dem Fernsehfilm „Die Auserwählten“. „Die Arbeit am Dokumentarfilm hat mich als Mensch gründlich verändert“, gestand er damals, „ich habe in den Abgrund geblickt, und das war für mich eine Art Wendepunkt in meinem Leben. Wenn man mit den Opfern einmal gesprochen, die Berichte von dem Grauen, das sie erlebt haben, einmal gehört hat, dann gibt es kein Zurück mehr.“ Diese fundamentale existentielle Erschütterung ist auch in „Verteidiger des Glaubens“ spürbar, als eine innere dramatische Triebkraft, die dem Film Wucht und Überzeugungskraft verleiht.

Stilistisch folgt er Talking-Heads-Konventionen, erzählerisch orientiert er sich an den Lebensstationen Ratzingers, aber er bietet keine umfassende, abwägende Würdigung der Person Ratzingers. Er schätzt nicht seine theologischen Leistungen ab, beschreibt nicht umgreifend die 24 Jahre, die Kardinal Ratzinger Präfekt der Glaubenskongregation war, oder die 8 Jahre, die er bis zu seinem Rücktritt 2013 als Papst Benedikt XVI. im Amt war. Röhl wirft einen bestimmten, perspektivischen Blick auf Ratzinger, um zu erkunden, was an seinen Auffassungen und Haltungen den Umstand begünstig haben könnte, dass er auf drei Krisen – die Missbrauchsskandale, die peinlichen „Vatileaks“-Enthüllungen und die zwielichtigen Geschäfte der Vatikanbank – nicht angemessen reagieren konnte. Drei unbewältigte Krisen, die möglicherweise zu seinem Rücktritt führten.

Dualistische Freund-Feind-Auffassung von Kirche und Welt

Dieser fokussierte Blick Röhls ist gewiss legitim, wird reichhaltig bezeugt, mit einem forschenden Gestus und viel Archivmaterial spannend erzählt, wobei Röhl plakative Polemik – von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen – auch im Visuellen vermeidet. In Umrissen entsteht dabei ein bekanntes Ratzinger-Bild: die familiär und religiös heile Welt der Kindheit und Jugend, dann die Zeit des jungen, brillanten, beinah-liberalen Theologen, der sich jedoch, schockiert von Attacken der 1968er-Studentenrevolte auf Ordnungs- und Bewahrungspositionen zurückzieht. Röhl stellt Ratzingers dualistische Freund-Feind-Auffassung von Kirche und Welt heraus, in der die Kirche den Ort der Reinheit und der unbedingten Glaubenswahrheit repräsentiert, die Welt der Moderne hingegen den verderbten Ort der „Diktatur des Relativismus“.


Röhl betont auch immer wieder Ratzingers Vorlieben für die prachtvollen Riten, in denen sich die Kirchen-Hierarchie nach Art einer absoluten Monarchie feiert. Dafür werden die in Großaufnahmen gezeigten roten Papstschuhe zum Symbol. Schon zur Zeit des Römischen Reichs gehörten diese roten Schuhe zum päpstlichen Outfit, um den obersten Würdenträger abzusetzen gegen die unteren Ränge und Stände, die sich mit braunem oder schwarzem Schuhwerk begnügen mussten. Dabei macht sich der Film über Ratzingers Auffassungen und Vorlieben keineswegs lustig, ironisiert sie auch nicht, will aber durchschaubar machen, wie sie zu Fallstricken werden können, weil sie eine Blindheit gegenüber systemischen Fehlern und Verwerfungen der Kirche als Institution begünstigen. Beispiel: Die unfassbare Blindheit des Vatikans gegenüber Marcial Maciel, dem verbrecherischen Begründer der „Legionäre Christi“. Eines der dunkelsten Kapitel der jüngeren Kirchengeschichte, das in gebührender Ausführlichkeit aufgeblättert wird.

Unterschiedliche innerkirchliche Positionen werden gut erkennbar

Röhl interviewt keine Historiker, die von außen über die Kirche sprechen würden, oder Kirchenkritiker vom Schlage der „new atheists“, sondern versammelt in ihrer Mehrheit kritische Stimmen aus dem kirchlichen Bereich. Das verleiht den Argumentationen besondere Stichhaltigkeit, lässt auch differente innerkirchliche Positionen gut erkennbar werden. Ratzingers langjähriger Sekretär, der heutige Kurienerzbischof Georg Gänswein, erklärt freundlich und anschaulich die Aufgabe der Glaubenskongregation im Bild des Zurückschneidens von Auswüchsen, damit „die Kirche insgesamt blühen und gedeihen kann“. Dagegen steht das eindrucksvolle Zeugnis des irischen Priesters Tony Flannery, der vom Vatikan gemaßregelt wurde, weil er sich für die Ordination von Frauen einsetzte. Flannery beschreibt – von eigenen Erfahrungen ausgehend – die Vorgehensweise der Glaubenskongregation als ein System der Bespitzelungen und Denunziationen, das kritische Priester und Theologen verjage und Missbrauchsfälle oft genug ignoriere.

Am Tag nach der Uraufführung von „Verteidiger des Glaubens“ beim DOK.fest fand an der Münchener Hochschule für Philosophie eine hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion unter dem Titel „Ist die katholische Kirche noch zu retten?“ mit dem Regisseur statt, veranstaltet vom Katholikenrat der Stadt und Region München und dem Real Fiction Filmverleih. Es wäre zu wünschen, dass auch der Kinostart des Films im Herbst von solchen Diskussionsveranstaltungen begleitet wird. Die aufgeworfenen großen Fragen verdienen Vertiefung und Diskussion. Bei der Münchner Podiumsdiskussion nahm wiederum die Missbrauchsfrage in ihren verschiedensten Aspekten den größten Raum ein.


Die ehemalige Nonne Doris Wagner widersprach der Auffassung, dass es angesichts der Missbrauchsskandale weltweit in der katholischen Kirche nur Resignation und Trauer als Reaktionen gebe und hielt konkrete Beispiel des tatkräftigen Aufbruchs dagegen. Matthias Katsch, einer der entscheidenden Initiatoren bei den ersten Veröffentlichungen von Missbrauchsfällen in Deutschland, erinnerte unermüdlich daran, die Opferperspektive im Blick zu behalten und widerlegte die Mär von den teuflischen 1968ern, die mit ihren Parolen von der „sexuellen Befreiung“ den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen überhaupt erst auf den Plan gerufen hätten. Schließlich hob Prof. Godehard Brüntrup SJ hervor, dass man Ratzinger nicht unterstellen dürfe, dass es ihm persönlich an Mitgefühl oder Mitleid mit den Missbrauchsopfern mangele, zu kritisieren sei aber schon – „und manche meiner Jesuiten-Mitbrüder würden das noch viel schärfer herausstellen, als der Film es tut“ –, dass er als Amtsperson den Problemen nicht mit der nötigen Entschiedenheit entgegengetreten sei.


Fotos: Real Fiction

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