Der Mann, der schon immer da war

Freitag, 24.05.2019

Im Porträt: Der Schauspieler Hans Löw

Diskussion

Hans Löw verkörperte schon den letzten Kerl auf Erden, in seinen Rollen erlegt er aber auch Plüschtiere oder zwingt auf einem Klassentreffen eine Frau zum Sex. Im Geschwisterdrama „All My Loving“ spielt er nun einen braven Hausmann, der sich um seinen alten Vater kümmert. Annäherung an einen scheinbar Geheimnislosen.


Armin. So heißt er, und er wird gleich einen One Night Stand haben. Würde da nicht plötzlich – „Uuah! Uuah!“ – eine Mischung aus archaischem Kriegsgeheul und Brechreiz aus seinen Lautsprecherboxen dringen. Dieser testosterongesättigte Dumpf-Techno, das ist der jungen Frau sofort klar, will nicht so recht zu dem netten Armin passen, dem sie soeben aus dem Club in die Junggesellenbude gefolgt ist. Schnell wechselt er zu „Later Tonight“ von den Pet Shop Boys, einer sanften Ballade über den verlassenen Mann, doch als er schon mal mit zufrieden vorfreudigem Blick und seinen langen, schmalen Tastaturhänden die Jalousien runterlässt, hat sie sich bereits entschieden: Jacke an, weg hier.

Wie in Ulrich Köhlers In My Room (2018) spielt Hans Löw oft solche Männer, die dann „Fuck“ oder „Scheiße“ sagen, weil ihnen mal wieder die Situation entglitten ist. Bei Löw aber klingt so ein Fluch meistens nicht besonders aggressiv oder viril. Leicht angelispelt beugt sich sein warmer Bariton dem Schicksal, dem halb gewählten, halb hingenommenen Los des urbanen Immer-noch-Club-Gängers, der mit seinen schlaksigen 192 Zentimetern Körpergröße von sich selbst unbemerkt in die Midlife Crisis und den Bierbauchansatz hineingewachsen ist, fast alle überragt und sich stets ein wenig duckt. Seinen Raum und seine Konzentration auf das Richtige muss er erst noch finden, und zwar vermutlich schon seit Jahrzehnten.

In seinen Kino- wie auch Fernsehrollen spielt Hans Löw unauffällige Brüder, Söhne und Ehemänner, verzweiflungsbereite Häuslebauer und liebevoll auf dem Zahnfleisch gehende Väter. Rückstandslos und ohne Ironie geht er aber auch im Verrückten und Spielerischen auf, wenn es Frau und Kind verlangen, wie in Sonja Heiss’ Hedi Schneider steckt fest (2015), wo er glaubhaft in ein von ihm soeben erlegtes Plüsch-Faultier beißt: „schmeckt erstaunlich gut!“

Hans Löw mit Filmpartnerin Laura Tonke und Filmsohn Leander Nitsche in "Hedi Schneider steckt fest"
Hans Löw mit Filmpartnerin Laura Tonke und Filmsohn Leander Nitsche in "Hedi Schneider steckt fest"

Löw scheint einfach nur da zu sein

Löw-Männer sind in jedem Freundeskreis zu finden. In deutschen Männermagazinen wird trotzdem beharrlich ihr Gegenteil als Vorbild gefeiert. Ihr Sieben-Tage-Bart ist einfach zu verfusselt, ihr Lächeln zu putzig, ihr verwaschener Kapuzenpulli zu egal und ihr Expansions-, Eroberungs- und Unterwerfungswille zu schwach ausgeprägt. Selbst wenn Löw auf der Bühne die großen Figuren der Weltliteratur verkörpert, schreibt anschließend die „Zeit“ (2008) vom „langgesichtigen, sterbensmüden Tragödientropf Hamlet“ und „Spiegel Online“ (2009) von seinem Faust als „unbedarftem Harmlosling“. Keine mimischen Exzesse fährt er auf, Löw scheint einfach nur da zu sein. Und genau das macht ihn so unwiderstehlich für Geschichten- und Geschlechtererzähler von heute.

1976 als Sohn des Schweizer Schauspielers Jürg Löw geboren, wurde er als junger Absolvent der Münchner Otto-Falckenberg-Schule gleich von vier großen Bühnen umworben: Das Münchner Residenztheater wollte ihn, Peymanns Berliner Ensemble, das Hamburger Schauspielhaus und das Thalia Theater auch. Er entschied sich für Hamburg, „weil ich Lust hatte, gemeinsam mit Gleichaltrigen zu suchen, einen Schritt in eine andere Richtung zu machen als in der Schauspielschule. Ich wollte lernen“, sagte er 2004, als er den Boy-Gobert-Preis gewann. „Die Suche nach Ambivalenzen, die Schwankung“, zitierte ihn damals seine Laudatorin Monika Nellisen, seien das Schönste in einem Rollenspektrum.

Vielleicht, weil er mit dem Lernen nicht aufhörte, erschöpft sich Löws Spiel auch heute nicht darin, eine wandelnde These „in Zeiten von #MeToo“ zu sein. Dem Weichen pflanzt er immer etwas Widerständiges, sogar Machtvolles ein, das den Figuren selbst nicht immer ganz geheuer ist. In Eva Trobischs Alles ist gut (2018) heißt er Martin (so heißen Löw-Männer oft) er ist der nette Typ vom Klassentreffen, der beiläufig „nee komm, lass ma’ küssen“ sagt, bevor er seine ehemalige Klassenkameradin (Aenne Schwarz) zum Sex drängt. In einem Interview mit der „Zeit“ sagte die Regisseurin: „Die Frage ist ja, ob das ein übergriffiger Testosterontyp ist, der sich nimmt, was er braucht, oder so jemand wie Martin, der über das, was ihm da passiert ist, überraschter ist als sie.“ Danach will er jedenfalls alles richtig und alles wieder gut machen, der Martin.

Mit Aenne Schwarz in "Alles ist gut"
Mit Aenne Schwarz in "Alles ist gut"

Umkehr von Positiv und Negativ als Prinzip

Eine typische Hans-Löw-Situation, die die Umkehr von Positiv und Negativ zum Prinzip erhebt, stellt Ulrich Köhler seinem Film „In My Room“ sogar emblematisch voran: Da sehen wir heftig verwackelte Bilder aus dem deutschen Bundestag, Thomas Oppermann, Karl Lauterbach und Sahra Wagenknecht treten nacheinander vor die Kamera, richten ihre Frisuren und ihr Lächeln, dann setzt das Bild aus. Erst nach den Statements ist die Kamera wieder an. Der TV-Kameramann Armin hat schlicht An- und Aus-Schalter verwechselt. Er ist der Negativ-Mann. „Scheiße“, sagt Armin leise zum rasenden Chef, „tut mir leid.“ Tut es nicht. Seine müden, großen, braunen Augen mit dem leichten Silberblick sagen: Ist mir egal, ihr nervt doch alle.

Erwartbares und weniger Erwartbares tauschen auch in Edward Bergers Film All My Loving (Kinostart am 23. Mai) die Plätze, sobald Hans Löw auftaucht. Diesmal heißt er Tobias, wieder so ein netter Name. „Tobi macht das schon“, sagt die Schwester, als klar wird, dass von den drei erwachsenen Geschwistern er sich um den kranken Vater kümmern soll. Das Fürsorgliche ist bei ihm Männersache, auf unaufgeregte Art. Seine Frau bringt das Geld nach Hause, er selbst hadert mit einer wissenschaftlichen Arbeit, man kommt ja zu nichts, wegen der drei Kinder. Vor der Abfahrt in die Provinz fragt er deshalb seine Frau: „Du hier die ganze Woche allein mit den Kindern, ohne mich, wie soll denn das gehen?“ Vor 20 Jahren hätte so ein Satz noch ulkig geklungen, hätte als Witz verstanden werden wollen. Doch Hans Löw kann die Selbstverständlichkeit eines solchen Satzes ausdrücken und gleichzeitig die immer scharf am Komischen vorbeischrammende Not, wenn ein Mensch – Mann oder Frau – meint, allen Anforderungen gerecht werden zu müssen.

Mit Nele Mueller-Stöfen und Lars Eidinger in "All My Loving"
Mit Nele Mueller-Stöfen und Lars Eidinger in "All My Loving"

Wirklich entfalten kann sich ein Löw-Mann aber erst, wenn, wie in In My Room, alle Menschen verschwunden sind, die etwas von ihm wollen könnten. Armin wird da zum letzten Mann auf Erden, zum sehnigen, postapokalyptischen, zufriedenen Adam, ein von jeder Melancholie geheilter Selbstversorger, der ballettös vor einer verlassenen Tankstelle tanzt. Der Allerweltsmensch mit Plauze verwandelt sich zum fokussiert werkelnden homo faber, ist Schneider, Bauer, Wasserbauingenieur, sitzt hoch zu Ross statt schlaff am Küchentisch. Sein gebräuntes Gesicht: wie von Tilman Riemenschneider geschnitzt, mit seiner langen schmalen Nase, den schweren Lidern, den Augenbrauen, die expressiv in der Mitte ansteigen können und dann zusammen mit der Nasenlinie einen nach oben zeigenden Pfeil bilden. Der schmale Mund mit den großen, leicht vorstehenden Schneidezähnen wirkt noch immer ein wenig hasenartig, das Raubtier würde man ihm ohnehin nicht abnehmen. Oder doch? Wenn er breit genug grinst, sieht man ziemlich ausgeprägte Eckzähne. Evolutionär ist mit ihm noch nicht das letzte Wort gesprochen.

Ein zeitloser Typ

Als Typ zumindest scheint er so etwas wie unsterblich zu sein, oder besser: zeitlos. Hersteller von Konfektionskleidung wissen längst, dass sich die Anatomie von Mann und Frau in den letzten Jahrzehnten verändert, ja angeglichen hat. Fragt man sich bei manchen Historienfilmen, ob Männer damals wirklich genauso gebaut waren wie heutige Muckibuden-Typen, passt Löw allein schon anatomisch in andere Zeiten. Dann erinnern seine längliche Körperkomik an Theo Lingen, seine Augenlider an Buster Keaton. In der zweiten Staffel der TV-Serie Charité, die in den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs spielt, wirkt er in der Rolle eines elsässischen Arztes wie direkt aus jener Zeit gecastet. Ebenso wie in Wolfgang Murnbergers Kästner und der kleine Dienstag (2016), wo er mit seiner altmodisch hohen Stirn den Comiczeichner Erich Ohser alias e.o.plauen verkörpert. Einmal, in Till Franzens TV-Film Hausbau mit Hindernissen (2017), kriegt er eine Panikattacke, hat Angst zu sterben, doch seine Frau (Katharina Schüttler) stellt fest: „Das würdest du niemals tun.“ Als sei ihm so eine Aktion schlichtweg nicht zuzutrauen.

Hans Löw gibt dem Durchschnittsmann, dem, der einfach nur bleibt, sein Geheimnis und seine Anmut zurück. An ihm können sich tief sitzende Ängste, Neidgefühle und Normen tüchtig abarbeiten. In Hedi Schneider steckt fest steht er einmal bloß in der Küche herum, und seine Frau Hedi (Laura Tonke) verlangt, er möge bitte einmal woanders hinschauen oder etwas anderes tun. Er rastet ein bisschen aus: „Wieso, ich bin einfach nur da! Ich war die ganze Zeit da und jetzt passt’s nicht mehr, oder was?“ Das Passive, Nichtstörende an seinen Figuren ist es ja gerade, das manche auf die Palme bringt. Im Grunde trifft auf diese Rollen zu, was kürzlich Stefan Kuzmany auf „Spiegel Online“ über seine Abneigung gegen den Grünen-Chef Robert Habeck schrieb: Der sei „gebildet, sagt immer das Richtige und verkörpert den modernen Mann: Soft, aber doch bestimmt. Zart, aber auch hart, wenn’s drauf ankommt. Mit anderem Wort: unerträglich“.

Womöglich, weil er Männerwünsche weder bekämpft noch vorlebt, sondern einfach nur aufdeckt. Lukas Stern schrieb aufcritic.de von der „Raumbeherrschungsekstase“, die Armin in In My Room kurzzeitig erfasse. Auch die männermagazintaugliche Norm von der körperlichen Selbstoptimierung darf er da leben, und schließlich sogar den patriarchalischen Traum von der sexuellen Exklusivität, als er seiner Eva, die hier Kirsi heißt (Elena Radonicich), gegenübersteht: „Have you met others?“ Eine Frage, die angesichts totaler Menschenleere ihre logische Berechtigung hat, aber unterschwellig vom Verlangen spricht, die Frau möge kein Vorleben gehabt haben. Sie antwortet, ebenfalls postapokalyptisch und konservativ zugleich: „Only you.“ Doch wird sie es sein, die als lonely cowboy weiterzieht, „don’t wait for me“. Und Armin, der deutsche Mittelschichtsmann mittleren Alters aus dem Mittelgebirge, wird sie nicht hindern, wird hin und wieder ein leises „Fuck!“ murmeln, aber er wird weitermachen, sein Feld bestellen.



Fotos: oben: Aus "All My Loving", © Jens Harant / Port au Prince Pictures. Sonstige Bilder: © Pandora, Jens Harant / Port au Prince Pictures, NFP

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