Palmen-Spekulationen

Freitag, 24.05.2019

Cannes-Blog 2019: Palmen-Spekulationen und neue Filme von Quentin Tarantino („Once Upon a Time in Hollywood“), Xavier Dolan („Matthias et Maxime“), Bong Joon-ho („Parasite”), Nariman Aliev („Evge“)

Diskussion

Auf der Zielgerade des Cannes-Festivals gibt es keine Favoriten, aber eine Reihe von Kandidaten für die Palmen. Vorhersagen über die Preise der Jury unter Vorsitz von Alejandro González Iñárritu sind deshalb schwer; in den Kritikerlisten führt immer noch Pedro Almodóvar mit „Leid und Herrlichkeit“ vor Céline Sciamma mit „Portrait of a Lady on Fire“; neu hinzugekommen ist Bong Joon-Ho mit der Gesellschaftsfarce „Parasite“.

Ohne Quentin Tarantino wäre das 72. Filmfest in Cannes recht unspektakulär geworden; so viel lässt sich vor den letzten beiden Festivaltagen schon festhalten, auch dass Once Upon a Time in Hollywood und die anschließende Pressekonferenz den Kreis der Tarantino-Jünger kaum erweitert haben. Im Nachgang zu dem einzigen echten Festival-Hype herrscht neben der Ernüchterung über den Film auch eine gewisse Verstimmung, weil der US-Regisseur auf inhaltliche Fragen zu den Tate-Morden recht einsilbig Auskunft erteilte und nur bei cinephilen Erläuterungen aufblühte.

„Once Upon a Time in Hollywood“, der neunte Film von Tarantino, kreist um einen Schauspieler (Leonardo DiCaprio) aus Hollywood, der mit einer TV-Western-Serie zum Star aufstieg, Anfang 1969 aber mit Arbeitslosigkeit, Alkohol und Depressionen zu kämpfen hat. Davon ist auch sein langjähriges Stunt-Double (Brad Pitt) betroffen, das sich vom Niedergang des Studio-Systems aber deutlich weniger beeinflussen lässt. Als der Schauspieler auf Anraten seines Agenten (Al Pacino) nach Italien reist und dort mehrere Italo-Western dreht, begleitet ihn der Stuntman. Ein halbes Jahr später kehren beide nach Hollywood zurück, wo sie in das Massaker der Manson-Family an Sharon Tate und ihren Gästen verwickelt werden.

Ein Pool am Cielo Drive

Mit süffiger Brillanz entfaltet der mit popkulturellen und filmhistorischen Zitaten gespickte Film eine wenig ausgewogene Mischung aus Drama, Thriller und Comedy, wobei sich die Inszenierung mit mäandernder Lässigkeit in Nebensträngen verliert, aber ein vielschichtiges Bild von Hollywood zeichnet. Die Umbrüche in der Unterhaltungsindustrie, Flair und Fluch der Hippie-Ära, Film- und Zeitgeschichte, ein hochkarätiges Ensemble und zwei herausragende Hauptdarsteller befeuern eine nostalgische Hommage an die US-amerikanische Filmindustrie, deren dunkle, mitunter extrem gewalttägigen Gore-Elemente nachhaltig verstören.

     Hier die weiteren Blog-Berichte vom Festival de Cannes 2019:

Die Enttäuschung über „Once Upon a Time in Hollywood“ resultiert allerdings nicht nur aus dem monatelangen PR-Hype, mit dem der Film als eine Art „Pulp Fiction 2“ aufgebauscht wurde; sie gründet auch in der für Tarantino wenig elaborierten Struktur der Handlung und dem Umgang mit den Manson-Morden, die hier zum Gegenstand einer Groschengeschichte werden; für die popkulturellen Erschütterungen, die von dem brutalen Verbrechen ausgehen, fehlen dem Film die Antennen; viel lieber delektiert er sich in einer grandiosen Sequenz, wenn der vom Drogenrausch völlig benebelte Stuntman sich den drei Mördern gegenübersieht – und sich ihrer auf tarantineske Art entledigt.

"Once Upon a Time in Hollywood"
"Once Upon a Time in Hollywood"

Zwei Männer und ein Kuss

Verlass ist hingegen auf Xavier Dolan, der in Matthias et Maxime, seinem achten Film binnen zehn Jahren, seine ästhetische Handschrift weiter verfeinert und erweitert. Dolan spielt auch eine der beiden Titelfiguren, den mit einem Muttermal im Gesicht gezeichneten Max, der demnächst für zwei Jahre nach Australien verschwindet. In den letzten Tagen und Wochen vor seiner Abreise sind viele Dinge zu regeln, etwa die Betreuung seiner Mutter oder der Abschied von der Freundesclique, die sich im Landhaus einer befreundeten Familie versammelt. Hier lässt sich Max auch für einen Kurzfilm einer befreundeten Studentin gewinnen, bei dem auch sein Freund Matthias (Gabriel D’Almeida-Freitas) mitspielen soll. Ihr Beitrag besteht in einem Kurzauftritt, in dem sich ihre Figuren küssen, was eine tiefe Irritation nach sich zieht.

Vor allem Matthias meidet fortan den Kontakt zu Max und irrlichtert schweigend durch die francophone Welt von Quebec, wobei er es in seinem Job als Anwalt überdies mit einem ausnehmend machohaften Klienten zu tun bekommt. Die Qualität des Films resultiert aber weniger aus der Handlung oder den Interieurs der jeweiligen Handlungsorte, sondern aus der sprühenden Inszenierung, die mit großer Meisterschaft mit dem Tempo spielt, furiosen Wortgefechten, Diskussionen und lautstarken Auseinandersetzungen Raum gibt, dann plötzlich still und konzentriert auf Momenten verharrt oder Szenen mit vielen Figuren im Zeitraffer beschleunigt. Allein schon für diesen souveränen Umgang mit der filmischen Zeit würde Dolan die „Goldene Palme“ verdienen.

Weitere Palmen-Favoriten

Zu den Favoriten um den wichtigsten Preis ist inzwischen auch der koreanische Regisseur Bong Joon-ho mit Parasite gestoßen, zumindest bei den französischen Kritikern, die für die stylische Gesellschaftsgroteske schwärmen, in der zwei Familien an den entgegengesetzten Rändern der sozialen Welt miteinander kontrastiert oder eher aufeinander bezogen werden: eine vierköpfige Familie aus einem Kellerloch, die sich mit Gelegenheitsarbeit mühsam über Wasser hält, und die Parks, die in einem architektonischen Juwel in einer göttergleichen Sphäre wohnen. Durch das Geschick des jungen Ki-woo (Choi Woo-sik) gelingt es, dass er und seine Angehörigen Figur für Figur bei den Parks als Privatlehrer, Fahrer oder Hausdame angestellt werden, wobei sie im Verdrängungswettbewerb mit den bisherigen Jobinhabern so einfallsreich wie skrupellos sind.

"Matthias & Maxime"
"Matthias & Maxime"

Allerdings bleibt es nicht beim slapstickhaften Kontrast extremer Welten, die so unter- wie abgründig voneinander profitieren. Bong Joon-ho gräbt tiefer und zerrt aus dem Untergrund verborgene Elemente an den Tag, die sich zum geradezu sintflutartigen Desaster auswachsen. Das ist nicht immer ausbalanciert, entwickelt aber einen beträchtlichen Drive und mündet in ein furioses Finale, in dem die Statik der Sphären ins Wanken gerät.

Keine Rolle bei den Preisen dürften diesmal die Dardenne-Brüder Jean-Pierre und Luc spielen. Ihr still beobachtendes Drama Le Jeune Ahmed über einen jungen Belgier, der sich dem Dschihad verschreibt, folgt den scheiternden Versuchen von nahezu einem Dutzend Figuren, die 13-jährige Titelfigur von ihrer Überzeugung abzubringen, seine sympathische Arabischlehrerin zu töten, weil die in seinen Augen den wahren Islam beleidigt. Der in gewohnt konzentriertem Stil der Brüder inszenierte Film lässt keine Identifikation mit der Hauptfigur zu, da Ahmed stets mit gesenktem Kopf und nahezu wortlos wie ein Uhrwerk nur auf sein mörderisches Ziel fixiert ist, von dem ihn keine der wohlwollenden anderen Figuren abbringen kann.

Nur verhaltenen Applaus gab es auch für zwei weitere Cannes-Veteranen: Marco Bellocchio und sein Mafia-Drama „Il Traditore“ sowie für den französischen Regisseur Arnaud Desplechin, der sich in „Roubaix, Une Lumière. Oh Mercy“ an die Fersen eines nahezu übermenschlichen Kommissars (Roschdy Zem) heftet, der in der verarmten Stadt mit einer Mischung aus Güte und Intuition ein Verbrechen nach dem anderen aufklärt, auch den Mord an einer alten Frau, der zwei Nachbarinnen (Léa Seydoux, Sara Forestier) zur Last gelegt wird. Bellocchio hingegen erzählt die Geschichte von Tommaso Buscetta (Pierfrancesco Favino) nach, des ersten Mafioso, der Ende der 1980er-Jahre seinen Loyalitätsschwur gegenüber der „Cosa Nostra“ brach und dazu beitrug, dass die Ermittlungen des Richters Giovanni Falcone zur Inhaftierung und Verurteilung vieler Clan-Chefs führten.

"Le Jeune Ahmed"
"Le Jeune Ahmed"

Das „Jerusalem“ der Krim-Tataren

Noch eine Entdeckung am Rande: „Evge“ von Nariman Aliev, ein Debütfilm aus der Ukraine, der vor allem durch seine prägnante Bildsprache für sich einnimmt. Das erste Bild, eine enorm ausdrucksstarke Totale, greift bereits auf das Ziel der Handlung voraus: die Krim, das „Jerusalem“ der Krim-Tataren, ihre heilige Erde. Dort soll ein Toter aus dem Krieg im Donbass begraben werden, den sein Vater und sein jüngerer Bruder in Kiew abholen. Der Vater drängt auf Eile, weil ein Leichnam nach islamischem Brauch schnell beerdigt werden muss. Doch die Überführung auf die von den Russen okkupierte Halbinsel kommt nur mit Unterbrechungen voran. Der Vater hält sich an den Ritualen fest, der Bruder wird von anderen Dingen abgelenkt, Polizei und Militär intervenieren. Ein Road Movie auf Abwegen, mit viel Gespür für die Spannungen zwischen den Lebenswelten.


Fotos: Festival de Cannes (oben: "Parasite")

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