Cannes 2019: Doch noch ein Skandal

Montag, 27.05.2019

Ein obligatorischer Exzess und späte Entdeckungen: Die letzten Tage in Cannes

Diskussion

Am Ende gab es in Cannes doch noch einen Skandal, weil Abdellatif Kechiche in „Mektoub, My Love: Intermezzo“ seine „kubistische“ Vermessung des weiblichen Körpers mit ostentativer Dauer auf dreieinhalb Stunden ausdehnte. Sandra Hüller glänzt in „Sibyl“ als betrogene Filmemacherin, und Eric Toledano & Oliver Nakache erkunden in „Hors Normes“ die Kommunikation autistischer Menschen.


In den vergangenen Jahren hatten in Cannes Filme wie Lars von Triers The House that Jack Built oder Gaspar Noes 3D-Erotikfilm „Love“ dafür gesorgt, dass Zuschauer demonstrativ aus den Kinosaal flohen. Das 72. Festival blieb dagegen bis kurz vor Schluss völlig harmlos, doch dann sorgte „Mektoub, My Love: Intermezzo“ von Abdellatif Kechiche doch noch für Empörung, vor allem bei der amerikanischen Presse. Fast vier Stunden lang sind in diesem Film spärlich bekleidete Menschen zu sehen, die hingebungsvoll in einer Diskothek tanzen und schwitzen; eine halbe Stunde vor dem Ende gibt es eine 15-minütige, sehr explizite Cunnilingus-Szene, und im Finale einen Sonnenaufgang, der dann aber kaum mehr als einen Moment dauert.

Kechiche wurde Voyeurismus und ein toxischer „male gaze“ vorgeworfen; auf der Pressekonferenz forderte ein Journalist den Regisseur sogar auf, sich zu einer gerichtlichen Klage wegen sexueller Belästigung zu äußern, was dieser strikt ablehnte. Die Diskussionen erschienen plötzlich spannender als der Film selbst. Übersieht man seine provokative Kraft, mag man den Film sogar als missglückt bezeichnen. Doch ihn rigoros abzuqualifizieren, wie es vielfach geschehen ist, sagt mehr über die Kritiker als über Kechiche und sein künstlerisches Schaffen. 2013 hatte er für Blau ist eine warme Farbe noch die „Goldene Palme“ gewonnen.


Der Kontext der „Mektoub“-Trilogie

Man muss den zweiten Beitrag der „Mektoub“-Trilogie, die auf einem französischen Coming-of-Age-Roman basiert, im Kontext der Lebenswelt lesen, in den ihn Kechiche versetzt hat, nämlich den von Jugendlichen, deren Eltern aus dem Maghreb stammen. Wenn beide Filme mit einem Koran-Zitat beginnen und einen leuchtend-nostalgischen Blick auf die frühen 1990er-Jahre werfen, in denen die jetzigen Kriege im Mittleren Osten noch weit entfernt sind, dann wird zumindest der Rahmen deutlich, in dem Kechiche sein Plädoyer für Erotik verortet. Das „Mektoub“-Projekt stellt zweifellos eine Kritik an einer spezifischen Abwertung der Lust, vor allem der weiblichen, durch aktuelle Strömungen des Islamismus dar. Zwar fokussiert die Kamera hauptsächlich auf den weiblichen Körper, doch die Frauen haben ihre Freude an den Blicken der Männer.

Ausgelassener Spaß am Strand: "Mektoub, My Love: Intermezzo"
Ausgelassener Spaß am Strand: "Mektoub, My Love: Intermezzo"

Einmal unterhalten sich zwei von ihnen über die Unergründlichkeit ihres eigenen Begehrens, das sich nicht einfach in homo- oder heterosexuell kategorisieren lasse. Kechiche hatte für die Inszenierung ein Bild von Picasso mit dem Titel „Demoiselles d’Avignon“ im Kopf; er sprach auf der Pressekonferenz davon, dass ihn die Idee umgetrieben habe, Körper im Film auf kubistische Weise in Szene zu setzen. Man kann durchaus festhalten, dass ihm diese ästhetische Abstraktion nicht gelungen ist, obwohl er den narrativen Anteil auf ein Minimum reduziert und anstelle dessen extensiv bewegte und erregte Körper abbildet. Das ist manchmal sehr immersiv und mutig, größtenteils aber schlicht nur langatmig. Als Provokation funktionierte „Mektoub, My Love: Intermezzo“ aber im vielfachen Sinne.


Buster Keaton in Palästina

Ein gänzliches Kontrastprogramm bot der palästinensische Regisseur Elia Suleiman mit „It Must be Heaven“. Der zurückgenommene, wunderbar surreale Film, in dem Suleiman selbst die schweigsame Hauptrolle spielt, wirkt wie ein palästinensischer Buster-Keaton-Film. Auch hier gibt es keine übergreifende Narration, sondern eine Aneinanderreihung einzelner Szenen im Stil von Roy Andersson. Mit seinem Film „Göttliche Intervention“ hatte Suleiman 2002 in Cannes für Aufsehen gesorgt, weil er Palästina darin als Mikrokosmos der gesamten Welt begreifen wollte. In „It Must be Heaven“ ist es genau umgekehrt: Ob in Paris oder New York, überall findet man die Spuren der Gewalt, die in Suleimans Heimat kein Ende nimmt. Diese zeigt sich nicht in den großen Gesten, sondern gerade im Trivialen und Alltäglichen. Statt Dialogen gibt es hier absurde Choreografien, die in Cannes immer wieder Szenenapplaus erhielten und an Stummfilmklassiker erinnerten.

Eli Suleiman auf den Spuren von Buster Keaton: "It Must be Heaven"
Eli Suleiman auf den Spuren von Buster Keaton: "It Must be Heaven"

Den Schlusspunkt im Wettbewerb setzte ein psychoanalytisch informierter Film, der dieses Wissen für die Inszenierung eines unterhaltsamen Dramas nutzte und Sandra Hüller eine großartige Nebenrolle gibt, die an ihre Performance in „Toni Erdmann“ anschließt. In „Sibyl“ von Justine Triet verliert sich eine Therapeutin (Virginie Efira), die eigentlich gerne eine Romanautorin wäre, in den amourösen Verstrickungen ihrer Patientin (Adèle Exarchopoulos). Die ist Schauspielerin und in ihren Filmpartner (Gaspard Ulliel) verliebt, mit dem sie auf Stromboli unter einer deutschen Regisseurin (Sandra Hüller) dreht, die ihrerseits mit dem Schauspieler liiert ist. Der Film bewegt sich an der Grenze zur Übertreibung, fängt die drohenden Klischees aber immer wieder ein, indem die psychologischen Motive der Figuren vorgeführt und ernst genommen werden. Das Highlight des Films ist die betrogene Sandra Hüller, die mit den beiden Hauptdarstellern zum Trotz weiterdrehen will und sich in Nüchternheit flüchtet.


Ein Leben „jenseits der Normen“

Zum Abschluss des Festivals präsentierten Eric Toledano und Olivier Nakache, die mit „Ziemlich beste Freunde“ einen Mega-Hit gelandet hatten, erneut einen Film, der Menschen mit Behinderung und sozial benachteiligte Personen zusammenbringt. In „Hors Normes“ spielen Vincent Cassel und Reda Kateb zwei befreundete Sozialarbeiter, die eine staatlich nicht anerkannte Hilfsorganisation für Autisten leiten, welche aus dem französischen Pflegesystem herausgefallen sind. Betroffen sind davon viele, denn nur wenige Betreuer sind in der Lage, mit der empfindlichen Wahrnehmung autistischer Menschen umzugehen oder auf deren Gewaltausbrüche angemessen zu reagieren, die entstehen, wenn diese Menschen falsch behandelt werden. Das Konzept der Organisation besteht darin, Jugendliche aus den Banlieues für die Pflege autistischer Menschen auszubilden und somit beiden Gruppen auch außerhalb der gesellschaftlichen Normen einen Ort zu geben.

Vincent Cassel und Reha Kateb in "Hors Normes"
Vincent Cassel und Reda Kateb in "Hors Normes"

Toledano und Nakache kennen die echten Leiter von „Les silence de justes“ schon sehr lange, da ein Familienangehöriger des Regisseurs Toledano selbst von Autismus betroffen ist. Deshalb gerät „Hors Normes“ deutlich ernsthafter als „Ziemlich beste Freunde“; allerdings versucht die Inszenierung auch hier, durch Komik an eine übergreifende Akzeptanz und Menschlichkeit zu appellieren. Dank einer sympathischen Darstellerriege, in der auch viele Autisten mitwirken, gelingt ein ziemlich unterhaltsamer Film, dem man einigen Klamauk aufgrund der Relevanz des Themas gerne verzeiht. Es ist berührend und faszinierend, wie Menschen, die in ganz unterschiedlicher Weise „jenseits der Normen“ leben, eine sensible Wahrnehmung und Kommunikation untereinander entwickeln.


Fotos: "Mektoub, My Love: Intermezzo" (oben), alle Bilder: Festival de Cannes

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