Filmklassiker: „Asphalt-Cowboy“

Dienstag, 11.06.2019

John Schlesingers Drama aus dem Jahr 1969 ist eine Art Initiationsfilm für die „New Hollywood“-Ära, das trotz aller realistischen Härte auch durch sensible Menschenbeobachtung glänzt.

Diskussion

John Schlesingers „Asphalt-Cowboy“ (1969) ist eine Art Initiationsfilm für die „New Hollywood“-Ära. Seine beiden Antihelden, ein naiver Möchtegern-Gigolo im Cowboy-Outfit und ein schwerkranker Kleinganove, wurden zu Sinnbildern für den Aufbruch im amerikanischen Kino, das sich nun vermehrt traute, auch die hässlichen Seiten der Gesellschaft zu zeigen. Trotz aller realistischen Härte zeichnet sich Schlesingers Film aber gerade auch durch seine sensible Menschenbeobachtung aus.


Ein junger Texaner macht sich mit seinem Transistorradio, einem Kuhfell-Koffer und seinem Traum vom großen Geld durch die Arbeit als Callboy auf den Weg nach New York. Dort wird er sofort eines Besseren belehrt: Immer wieder ausgenommen und von einem Trickbetrüger in die Irre geführt, der letzten Endes sein engster und einziger Freund bleiben wird. Der junge Mann behält seinen Optimismus und lässt sich nicht unterkriegen. „Asphalt-Cowboy“ ist eine dramatische Geschichte über eine kathartische Reise ins Ungewisse. Die Naivität, mit der der „Cowboy“ an die Verwirklichung seines Traums herangeht, und sein inniger Kampf um seinen tragischen Partner und Freund in einer rohen Welt und gefühlskalten Umgebung werden nicht nur durch die intensive Darstellung der beiden Hauptdarsteller, sondern auch durch Kameraführung und Montage ergreifend umgesetzt. Der dreifach „Oscar“-prämierte Film ist nun in Deutschland in 4K-restaurierter Fassung mit umfangreichem Bonusmaterial auf Blu-ray erhältlich (Anbieter: StudioCanal). Leider fehlen einige der Extra-Features, die auf der Edition der Criterion Collection enthalten sind.

„Where’s that Joe Buck?“, kreischt es zu Beginn aus einer Schnellrestaurant-Küche und wir sehen einen selbstsicheren, aber nicht arrogant wirkenden jungen Mann (Jon Voight) im Cowboy-Outfit, der sich im imaginierten Duell mit dem Spiegelbild vom Tellerwaschen lossagt, seinen Koffer und das Transistorradio in die Hand nimmt und sich am Autokino vorbeiziehend auf den Weg zum Bus macht. Der Bus, der ihn nach New York führt. Hier will er als Midnight Cowboy, als Callboy für die Upper Class, das schnelle Geld machen. Harry Nilssons eingängiger Song „Everybody’s Talking“ klingt im Hintergrund an und die Textzeilen übernehmen für eine kurze Zeit die Erzählung und geben einen kleinen Einblick in Joes Persönlichkeit und Leben: „Everybody’s talking at me, can’t hear a word they’re saying. Only the echos of my mind. I won’t let you leave my love behind. I’m going where the sun keeps shining through the pouring rain.“

Jon Voight in "Asphalt-Cowboy"
Jon Voight in "Asphalt-Cowboy"

In New York angekommen, scheitern jedoch bereits die ersten Versuche, Klientinnen zu finden, kläglich und am Ende ist er derjenige, der eine Frau bezahlen muss. Als er Ratso Rizzo (Dustin Hoffman) kennenlernt, einen schmierig erscheinenden und schwerkranken Trickbetrüger, wendet sich das Blatt nicht beruflich – wie es in einem klassisch angelegten Film wohl geschehen wäre. Stattdessen inszeniert der homosexuelle Regisseur John Schlesinger – ein sensibler Anthropologe, wie ihn der Schauspieler Bob Balaban in den Extras nennt – auf Basis von Waldo Salts fantastischem Drehbuch ab hier eine Männerfreundschaft, in der Ratso den Katalysator für Joes Liebe darstellt – zu sich selbst, zu anderen und letztlich zu Ratso. Diese ideale Liebe Joes, auf die er sich selbst im Grunde ja auch reduziert, steht dem real Erfahrenen diametral entgegen. Die sexuelle Gewalt erreicht letztlich in Rückblenden als Gruppenvergewaltigung von Joes Exfreundin Annie (Jennifer Salt) ihren traurigen Höhepunkt.

Eine Zeit der Antihelden

Joe und Ratso sind die amerikanischen Antihelden in diesem eindringlichen New Hollywood-Drama von John Schlesinger. Menschen, von denen man sich bis dahin abwendete, der 42nd Street-Abschaum, die mit ihren schwulen Sex-Kinos und unhygienischen Behausungen jedenfalls keine Filmhelden ausmachten. 1969 schaute man auf genau diese Menschen, fühlte mit ihnen. Umso mehr als sie nicht die einzigen waren, die auf diese Weise in die Filmgeschichte einer neuen Welle des amerikanischen Kinos eingehen: Wyatt (Peter Fonda), Billy (Dennis Hopper) und George (Jack Nicholson) verkörpern sie in Easy Rider ebenso ikonisch. Der Freiheitsgedanke all jener Protagonisten vereint sie: Die Suche nach freier Liebe, die Umsetzung freier Entscheidungen, der naive Drang nach freier Entfaltung ohne sozialen, religiösen oder politischen Druck. Aber auch und vor allem, dass die Gesellschaft diese Antihelden nicht dulden will und gewaltsam gegen sie vorgeht.

„Asphalt-Cowboy“ wie auch „Easy Rider“ verhandeln nicht nur eine Geschichte, sondern transportieren ein Gefühl. Die tragische Kluft zwischen naiver Lebensphilosophie und harscher Lebensrealität, die sich in sozialen Gefügen, in politischen Auseinandersetzungen, in religiösem Fanatismus offenbart, ist beim Sehen kaum zu ertragen. Die extrem auffälligen und bemerkenswerten Montagesequenzen in „Asphalt-Cowboy“ vereinen persönliche Erinnerungsfetzen Joes mit Szenen beispielsweise aus dem Unterhaltungsfernsehen oder den Nachrichten. Populärer Mainstream und politische Mobilisierung wie die gegen den Vietnam-Krieg werden pointiert eingesetzt.

Dustin Hoffman in "Asphalt-Cowboy"
Dustin Hoffman in "Asphalt-Cowboy"

Wendemarke in Hollywood

Unmissverständlich spiegelt sich in der filmischen Umsetzung von „Asphalt-Cowboy“ auch die zeitgenössische Kritik am Hollywood-System wider. Es stand zu diesem Zeitpunkt an einer Wendemarke, an der sich junge Filmemacher mit einer filmgeschichtsbewussten und cinephilen Haltung, unter bewusster Missachtung bis dahin fest verankerter Studioprozesse, daranmachten, ihre Filme zu drehen. Arthur Penn (Bonnie & Clyde), Mike Nichols (Die Reifeprüfung) und George A. Romero (Die Nacht der lebenden Toten) hatten 1967/68 bereits den Weg für „Asphalt-Cowboy“ geebnet.

John Schlesinger, im Gegensatz zu sämtlichen anderen Protagonisten von New Hollywood ein Brite, schuf eines der Meisterwerke dieser neuen Strömung. Sein Film ist ein menschliches Bild, in dem er feinfühlig zusammengesetzte Sequenzen völliger Ekstase und Losgelöstheit von aller Realität mit Szenen fast dokumentarischen Stils, Montagen gewaltvoller Ausschnitte mit Szenen intimster Kontakte – sei es nun die berühmte Sexszene mit Bob Balaban als schüchternem Studenten oder sensible Anspielungen auf Joes sexuelle Orientierung – kombiniert. „Asphalt-Cowboy“ ist daher ebenso eine filmische wie eine seelische Initiation für das New-Hollywood-Kino.


Fotos: StudioCanal

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