Zwei mit einer Mission

Freitag, 21.06.2019

Das Bildrausch Filmfest Basel ehrt die beiden Dokumentaristen Reni Mertens und Walter Marti mit einer Hommage

Diskussion

Unter dem Titel „Nachhall: Mit Reni Mertens und Walter Marti in die Zukunft“ ehrt das Bildrausch Filmfest Basel (19.-23.6.2019) in einem Sonderprogramm das Werk zweier Filmschaffender, die als überzeugte Vertreter des Neorealismus und des Cinéma Vérité mit ihren avantgardistischen Dokumentarfilmen den Neuen Schweizer Film maßgebend mitprägten und nachfolgende Generationen bis heute inspirieren.

Um Ursula oder das unwerte Leben (1966) kommt keiner herum, der sich in der Schweiz mit Filmen beschäftigt. 88 Minuten lang ist der im Oktober 1966 in Zürich uraufgeführte erste „abendfüllende“ Dokumentarfilm von Reni Mertens und Walter Marti. Anmerken muss man dazu, dass von den 16 Filmen, die Mertens/Marti im Laufe ihrer knapp 40-jährigen gemeinsamen Karriere als Regisseure verantworteten, nur gerade vier über 80 Minuten lang sind: neben „Ursula“ sind das Requiem (1992), Gib mir ein Wort (1988) und Die Schule des Flamenco (1985).

Dass ausgerechnet Ursula oder das unwerte Leben so einschlug, mag vielerlei Gründe gehabt haben und lässt sich aus der historischen Distanz nicht mehr ganz genau rekonstruieren. Denn unbekannt waren Mertens und Marti, die in der ersten Hälfte der 1950er-Jahre zur Filmkunst gefunden hatten, nicht mehr. Reni Mertens, 1918 als Renata Bertozzi in Zürich geboren, hat in Zürich und Genf Romanistik studiert. Sie gründete noch während ihres Studiums an der Universität Zürich einen Debattierklub, in dem Emigranten und Schweizer – unter anderem Georg Lukacs, Bertolt Brecht, Elio Vittorini, Lucien Goldmann, Benno Besson – regelmäßig miteinander diskutierten. 1954 promovierte sie mit einer Arbeit über Gabriele d’Annunzio, begann danach zu unterrichten, arbeitete fürs Schweizer Fernsehen und Radio, untertitelte Filme und übersetzte Werke von Bertolt Brecht und Max Frisch ins Italienische.

Der Pfarrersohn Walter Marti, 1923 ebenfalls in Zürich geboren, wuchs in Italien, Belgien und in Yverdon auf. Er macht auf Umwegen in Zürich die Matura und studierte an der Universität Zürich Romanistik, Kunstgeschichte und Geschichte.

Reni Martens & Walter Marti
Reni Martens & Walter Marti

Walter Marti war bereits zur Studienzeit als Journalist, Übersetzer und Redaktor tätig. Er hatte durch seinen Freund Benno Besson als Jugendlicher zum Theater gefunden; seine Arbeit für den Film begann er als Statist bei Jacques Feyder und verfasste unter anderem Untertitel für hunderte Filme. Acht Monate lang leitete er die Filmabteilung des Schweizer Fernsehens, bevor er 1953 seinen Posten wegen Meinungsverschiedenheiten über das, was das Fernsehen zu leisten habe, wieder aufgab.

Die ersten Filme: Krippenspiele mit Taubstummen

Zusammen mit Mertens, die er während der Studienzeit kennenlernte, gründete er danach die Firma „Teleproduction“. Der erste Film, den Mertens und Marti realisierten, war die Aufzeichnung eines Krippenspiels in der Taubstummenanstalt in Zürich („Krippenspiel“, 16mm, s/w, 16 Minuten, 1953). Knapp zehn Jahre später griffen sie das Thema noch einmal auf und drehten – wiederum mit Taubstummen und ohne gesprochene Dialoge – in einer verlassenen Kiesgrube „Krippenspiel II“ (35+16mm, s/w, 27 Minuten, 1962), der mit weihnachtslied-antönender Flötenmusik von Mimi Scheiblauer und der Schweizer Bambusflötengilde unterlegt ist.

Bereits in „Krippenspiel“ klingt an, was das Filmschaffen von Mertens/Marti, die beide verheiratet waren und eigene Familien hatten, vom ersten bis zum letzten Werk durchzieht: ihr Interesse und ihr Engagement für Menschen. Für versehrte, verstörte und leidende Menschen. Für Menschen mit besonderen Anliegen und solchen mit – wie man heute sagt – „besonderen Bedürfnissen“, die bei Mertens/Marti, dem Geist und der Sprache der Zeit folgend, noch als „Behinderte“ bezeichnet werden.

1956 folgte auf der von „Krippenspiel“ vorgegebenen Linie „Rhythmik“ (35+16mm, s/w, 20 Minuten), der in konzentrierter Kürze die Möglichkeiten des Rhythmik-Unterrichts als Element der Pädagogik aufzeigt. 1961 folgte „Im Schatten des Wohlstandes“ (35+16mm, s/w, 17 Minuten), in dem Mertens und Marti den (seelischen) Schäden nachforschen, wenn Kinder zwar körperlich gepflegt, aber „seelisch nicht richtig in Obhut genommen werden“; 1961/62 schloss sich mit „Unsere Kleinsten“ (16mm, s/w, 17 Minuten) ein fünfteiliger Film über Frustrationen im frühen Kindesalter an.

Zusammenarbeit mit Alain Tanner: "Die Lehrlinge" (1964)
Zusammenarbeit mit Alain Tanner: "Die Lehrlinge" (1964)

Der Paukenschlag: „Ursula oder das unwerte Leben“

1966 dann der Paukenschlag: Ursula oder das unwerte Leben. Acht Jahren haben Reni Mertens und Walter Marti an diesem Film gearbeitet, an dessen Anfang es heißt: „Weil der Mensch sich entwickelt, kann man ihn erziehen. Weil die Entwicklung ein Veränderungsprozess ist, kann man sie beeinflussen. Da sich der Mensch ein Leben lang verändert, ist seine Veränderung immer beeinflussbar.“ Das war (und ist noch heute) mehr als bloß der Prolog zu einem Film. Es ist eine (geistige) Kampfansage an eine Gesellschaft, die gut 20 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges ihre besonders bedürftigen Mitglieder in fröhlich gemusterte Schlafanzüge und Nachthemden steckte und in speziellen Institutionen in Mehrbettzimmern verkümmern ließ, statt sie ihren Begabungen und Fähigkeiten entsprechend zu fördern.

Die schwarz-weißen Bilder, oft nah an den Gesichtern und kleinen Szenarien, verharren in minutenlanger Beobachtung. Die Zuschauer sollen hinschauen. Genau hinschauen, so wie die von Hans-Peter Roth und Rolf Lyssy geführte Kamera es vormacht. Sie sollen kleine Regungen sehen, die Andeutung eines Lächelns in großen Augen. Wie sich ein vorerst abwesend erscheinendes Gesicht unverhofft in breitem Lachen verzieht. Und während man zuschaut, wie die Heilpädagogin Mimi Scheiblauer vor einem Kindergesicht wieder und wieder eine Rassel bewegt, bis sich darauf eine Reaktion abzeichnet, sollte man verstehen, was im Titel in lakonischer Verkehrung anklingt: Dass es unwertes Leben nicht gibt.

Das ist Cinéma pur. Engagierte Filmkunst, von der Ästhetik des italienischen Neorealismus ebenso beeinflusst wie von den Grundsätzen des britischen Free Cinema, die Mertens/Marti bei den Gesprächen über die Gründung eines Verbandes Schweizerischer Filmschaffender 1962 unter anderen mit Alain Tanner, Claude Goretta, Henry Brandt und Alexander J. Seiler heftig diskutierten. Obwohl die Filme von Mertens und Marti aus heutiger Sicht – vor allem im Umgang mit der von ihnen eher als zweitrangig erachteten Tonspur – bisweilen „altmodisch“ anmuten, entfalten sie auf Leinwand nach wie vor eine unmittelbar starke Wirkung.

Für "Das Erbe" (1980) begleiteten Mertens & Marti den Maler Peter Mieg drei Jahre mit der Kamera.
Für "Das Erbe" (1980) begleiteten Mertens & Marti den Maler Peter Mieg drei Jahre mit der Kamera.

Von der EDI gab es für Ursula oder das unwerte Leben 1967 das Prädikat „besonders wertvoll“. Die Evangelische Filmgilde Deutschlands wählte den Film 1968 zum monatsbesten Film, die Katholische Film- und Fernsehliga Deutschlands kürte ihn 1970 zum „jahresbesten Film“ und in der Schweiz gewann „Ursula oder das unwerte Leben“ im gleichen Jahr den Filmpreis der Stadt Zürich. Als Marti/Mertens im Mai 1995 mit dem Katholischen Medienpreis geehrt wurden, hieß es in der Begründung unter Rekurs auf „Ursula oder das unwerte Leben“, dass ihr Werk ein „Postulat der Gerechtigkeit, des Friedens und der weltweiten Solidarität“ sei; Marti/Mertens hätten „une faible pour les faibles“ – eine „Schwäche für die Schwachen“.

Bertolt Brecht als Lehrmeister

Forscht man nach den Einflüssen, nach Theorien, Denkansätzen und Persönlichkeiten, welche das Schaffen von Mertens und Marti beeinflusst haben, stößt man neben der Heilpädagogin Mimi Scheiblauer, mit der die beiden über Jahre zusammenarbeiteten, und den kinematografischen Neorealismus-Bewegungen als eine Art persönlichen Lehrmeister auf Bertolt Brecht. Dessen Glaube an die Kraft des Denkens und an dessen Dialektik, verstanden als eine Fähigkeit, im Disput eine Sache von unterschiedlichen Standpunkten aus zu beleuchten, haben Marti und Mertens in ihrer Arbeitsweise grundlegend beeinflusst. Glaubt man Berichten von Zeitzeugen und Menschen, die mit ihnen gut bekannt waren, entstanden ihre Arbeit in einem Prozess endlosen Debattierens und Feilschens, ein ewiges Erörtern und Verwerfen, das sich oft über Monate, manchmal sogar Jahre hinzog und das jeweilige Thema immer mehr vertiefte.

So, wie sie für Ursula oder das unwerte Leben acht Jahre aufwandten, so legten sie für ihren letzten gemeinsam realisierten Film auf den Straßen Europas über 25 000 Kilometer zurück: Requiem (35mm, Farbe, 81 Minuten, 1992) ist in seiner dialogfrei gehaltenen, aber musikalisch untermalten Begehung verschiedener Soldatenfriedhöfe eigentlich ein filmisches Gedicht und ihr zweiterfolgreichster Film. Mit Requiem schufen Marti und Mertens 50 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs ein erschütterndes Mahnmal gegen alle kriegerischen Auseinandersetzungen.

Mahnmal gegen Kriege: "Requiem" war 1992 das letzte Werk von Mertens & Marti
Mahnmal gegen Kriege: "Requiem" war 1992 das letzte Werk von Mertens & Marti

Hommage beim Bildrausch Filmfest Basel

Das Bildrausch Filmfest Basel ehrt das Schaffen von Reni Mertens und Walter Marti knapp 20 Jahre nach deren Tod im Sinne eines weiterzutragenden Erbes mit einer kleinen Werkschau ihrer wichtigsten Werke. Neben „Ursula oder das unwerte Leben“ und „Requiem“ sind dies zwei eigenwillige Künstlerporträts: Die Selbstzerstörung des Walter Matthias Diggelmann (16mm, Farbe, 69 Minuten, 1973), ein Selbstdialog des Schriftstellers über seine Zweifel und seine Verzweiflung an der eigenen Arbeit, sowie das ohne gesprochene Worte auskommende, aber mit der Musik seines Protagonisten unterlegte Porträt Héritage (16mm, Farbe, 60 Minuten, 1980) über den 75-jährigen Komponisten und Maler Peter Mieg in seiner eigenen Villa in der Nähe der Lenzburg. Zu sehen ist auch eine Rolle mit diversen Kurzfilmen sowie einige Filme, die Marti und Mertens mit ihrer Firma Teleproduction produzierten: Die Lehrlinge (1964) von Alain Tanner, Moritz de Hadelns Pilgerfilm „Le pèlé“ (1963) und Erich Langjahrs „Do It Yourself“ (1981). Abgerundet wird das Programm mit Filmgesprächen sowie einer Podiumsdiskussion, in der Weggefährten und Freunde, die wie Erich Langjahr und Rolf Lyssy zum Teil auch deren Eleven sind, nach der Bedeutung und Botschaft des Werks von Reni Mertens und Walter Marti in ihrer und der heutigen Zeit fragen.


Infos zum Bildrausch Filmfest Basel: https://www.bildrausch-basel.ch/home/


Weiterführende Literatur:

Ins Offene. Dokumentarisch Arbeiten 2. Hrsg. von Gabriele Voss. Verlag Vorwerk 8, Berlin 2000.

Reni Mertens und Walter Marti. Dossier der Reihe Film der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, Redaktion Richard Dindo/Arthur Zimmermann, Zürich 1983.

Ein halbes Jahrhundert Filmgeschichte: Die Schweizer Filmpioniere Reni Mertens und Walter Marti. Von Elisabeth Aeberli. In: Neue Wege: Beiträge zu Religion und Sozialismus, Band 95, Heft 6, 2001.

Trente ans de Cinéma Suisse, 1965-1995. Von Freddy Buache. Centre Pompidou, Paris 1995.

Homepage Erich Langjahr – Filme Marti/Mertens, abgerufen 12. Juni 2019: www.langjahr-film.ch

Homepage Swiss Films, abgerufen 12. Juni 2019, https://www.swissfilms.ch/de/

Die Filme von Marti/Mertens sind zum Teil als DVD erhältlich bei Erich Langjahr: www.langjahr-film.ch


Fotos: Bildrausch Basel (Aufmacherbild aus „Ursula oder das unwerte Leben“)

Kommentar verfassen

Kommentieren