Die Präsenz der Fehlenden

Samstag, 22.06.2019

Bei den Wiener Festwochen meldete sich der ungarische Filmemacher Béla Tarr nach seinem „Abschied vom Kino“ mit dem neuen Werk „Missing People“ zurück

Diskussion

Der ungarische Regisseur Béla Tarr wurde durch seine ausgedehnten Schwarz-weiß-Filmkunstwerke berühmt. 2011 gab er seinen „Abschied vom Kino“ bekannt. Acht Jahre später kehrt er jetzt mit einem neuen Werk zurück, das bei den Wiener Festwochen uraufgeführt wurde. Er will „Missing People“ aber nicht als Film verstanden wissen. Tatsächlich rüttelt das Werk über Wiener Obdachlose an den Grenzen des Kinos, ohne diese leugnen zu können.


Ein brütend heißer Sommertag in Wien. Auf dem Weg in die Halle E im zentral gelegenen MuseumsQuartier ist zu sehen, wie einige Touristen ihre Beine in den kühlenden Brunnen stecken, andere versuchen es mit einem Eis, alles wirkt glatt, pompös und sauber. Wer den Weg nicht kennt, findet tausend Schilder, als größte Not entpuppt sich die Suche nach einer Toilette. Kultur schillert als endlose Repetition zwischen Schiele und Kaffeehäusern, im Park um die Ecke werden tausend verwelkte Rosen fotografiert und jemand fragt, warum es in der Tram so stinkt. Wien eben.

Doch dann sehe ich einen Mann, der sich auf den gleichen Weg gemacht hat wie ich. Er trägt keine Schuhe, seine Arme hängen lasch neben seinen Hüften, ein Bierbauch glänzt zwischen der zerrissenen Kleidung in der Sonne. Ab und zu äußert er ein wütendes Grunzen, flucht auf Ungarisch, man könnte meinen, es sei sein Kommentar auf das, was er sieht. Gemeinsam mit ihm komme ich vor einer Tür an, neben der kleine Plakate von Béla Tarrs neuer Produktion hängen: „Missing People“.

Ja, Béla Tarr hat wieder gedreht. Als es vor Monaten hieß, der ungarische Regisseur, der nach seinem „Das Turiner Pferd“ (2011) das Ende seiner Filmemacher-Laufbahn verkündete, würde wieder drehen, verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer: Tarr macht einen neuen Film. Davon wollte der Ungar selbst nichts wissen. Das Projekt, das in Zusammenarbeit mit den Wiener Festwochen entstehe, sei kein Film. Er wisse selbst nicht so genau, was es wäre. Tatsächlich lädt das Werk, das ich während der Generalprobe erlebe, dazu ein, sich über die Essenz des filmischen Ausdrucks Gedanken zu machen. Wann beginnt das Kino und wo hört es auf? Am einfachsten ließe es sich als Expanded Cinema beschreiben. Ein logischer Schritt für einen Filmemacher, der das Gefühl entwickelt hat, mit der Sprache seines Kinos an einem Endpunkt angelangt zu sein. Tarr sprengt das Kinodispositiv auf. Er macht es mit viel Gefühl. Aber der Reihe nach.

Vor dem Eingang versammeln sich Frauen und Männer, die man so eigentlich nicht im Rahmen einer Veranstaltung der Wiener Festwochen erwarten würde. Ein junger Mann, der eine Hand verloren hat und im Rollstuhl sitzend gemeinsam mit zwei Hunden wartet, eine Frau, die den Mülleimer vor dem Eingang nach Flaschen durchsucht, ein stiller Bartträger, der einem anderen einen Stummel aus seiner Sammlung weggeworfener Zigaretten anbietet. Sie warten und unterhalten sich. Eine Frau verteilt Getränkegutscheine. Man würde sie während der Vorführung brauchen. Eigentlich hatte man mir gesagt, dass diese Vorführung auch für die Presse sei. Ich sehe lange keine Pressevertreter, empfinde es aber als angenehm, dass die Wartenden hier nicht alle paar Sekunden ihre Mobiltelefone überprüfen. Das liegt nicht unbedingt daran, dass sie keine hätten, sondern daran, dass sie gespannt sind. Kurz bevor ich sehe, dass Teammitglieder und Pressevertreter an einer anderen Stelle warten, beginne ich mich selbst beim Beobachten zu beobachten. Es soll nicht das letzte Mal sein in den knapp 90 Minuten, die folgen.


Verunsicherung und Sprengung von Grenzen

Warum bin ich so fasziniert von diesen Menschen? Ist das schon ein Teil der Vorführung? Die Idee, ein Pressescreening gemeinsam mit anwesenden Protagonisten des Werks zu machen, offenbart einen wichtigen Aspekt dieser Arbeit von Tarr. Es geht darum, gesellschaftliche Grenzen zu verunsichern und aufzusprengen. Statt strengen Formen scheint alles möglich. Kino und Welt, Reich und Arm, alles vermischt sich.

Die Türen öffnen sich. Die Besucher verlassen die Hitze der reichen Stadt und landen im Echo einer Orgie. Überall Glitter und Gold, zig leergetrunkene Bierflaschen, Weingläser auf Stehtischen, die sich in der Mitte der Halle verteilen. Dazwischen ein roter Teppich, der auf eine riesige Leinwand zuführt. Die Reste einer Party. Alle sind gegangen, keiner räumt auf. Auch an den beiden Seiten ist jeweils eine Leinwand. Dort gibt es auch Sitzgelegenheiten zwischen Utensilien, die man mit Obdachlosen verbindet: Taschen, Kleidungsstücke, Decken und einige Objekte, die erst später eine Bedeutung bekommen, etwa ein schönes Stickmuster, das eine der Protagonistinnen anfertigt. Alle setzen sich zwischen diese liegengelassenen Stücke an den Rand. Sie oszillieren zwischen Klischee und Persönlichkeit.

Expanded Cinema: "Missing People"
Expanded Cinema: Die Präsentation von "Missing People" bei den Wiener Festwochen

Nach einer Zeit verkündet Béla Tarr, dass man noch etwas warten würde, einer der Protagonisten wäre noch nicht da. „Missing People“ eben. Was hat es auf sich mit diesen „Missing People“? Es ist so, dass der Umgang mit den an den Rand Gedrängten der Gesellschaft in der Kunst und im Kino in den letzten Jahren zu einer Art Genre wurde. Das Spektakel des Mitgefühls, die Kunst, die hohe Förderungen erhält, während Organisationen, die beispielsweise Essen an Notbedürftige verteilen, ums Überleben kämpfen. Die Frage, ob solche Projekte wirklich notwendig sind, stellt sich aber nicht wirklich. Kunst hat einen Sinn und eine Notwendigkeit, die nach anderen Maßstäben geregelt sein muss.

Dennoch begibt sich Tarr in ein Minenfeld mit seinem „Missing People“. Er entgeht den Fallen, weil er sein behutsamstes und zärtlichstes Werk vorlegt. Das Ergebnis ist eine in ihrer Bestimmtheit unumstößliche und dennoch bescheidene Suche nach würdevollen Bildern, die kurzzeitig das Leben in einer Illusion greifbar macht und so utopisch ermöglicht, dass man als Besucher schlicht und ergreifend Zeit mit diesen Menschen verbringt. Tarr holt aus zu einer erhabenen Geste, er schenkt diesen Menschen für einige Augenblicke die Kraft eines Spiels, das vielleicht nicht Kino heißt, aber wie das Kino träumt. Obwohl die Szenerie den Habsburg-Schick bedient, vergisst man schnell, aus welcher Welt man kommt.


Die Ohnmacht künstlerischen Schaffens

Gleich zu Beginn erkenne ich auch den grunzend fluchenden Mann wieder, mit dem ich zum Eingang gekommen war. Er sieht nicht ein, warum er am Rand sitzen soll, und platziert sich mitten im Raum auf dem Hosenboden, um sich eine Zigarette nach der anderen anzuzünden, einen Luftballon aufzublasen und laute Kommentare über die Alkoholreste abzugeben, an denen er sich nach und nach bedient. Wieder bin ich mir nicht sicher, ob er ein Teil der Inszenierung ist, entscheide mich aber, dass es hier gar nicht um eine Inszenierung geht, sondern um eine Begegnung. In dieser könnte man erkennen, was es heißt, zu leben. Und man könnte sich fragen, warum man für diese Begegnung eigentlich eine ästhetische Erfahrung braucht. Denn man muss sich nichts vormachen. Egal, was im Rahmen eines solchen Kunstfestivals in der österreichischen Hauptstadt präsentiert wird, am Ende wird es immer Teil dieser elitären Welt sein, selbst wenn es diese hinterfragt und kritisiert. Auch dieser Text ist Teil dieser Welt. Er gibt aber nicht vor, etwas anderes zu sein. Am Ende des Tages führt Bela Tarr, ob beabsichtigt oder nicht, vor allem die Ohnmacht künstlerischen Schaffens vor. Eine Machtlosigkeit, die besonders stark nachwirkt, wenn sie versucht, sich zu befreien.

Mit wenigen Ausnahmen findet das Geschehen auf der großen Hauptleinwand statt. Alles, was Tarr zusammen mit seinem langjährigen Kameramann Fred Kelemen gedreht hat, spielte sich auch an diesem Ort und in diesem Setting ab. Kinorealität und Filmrealität vermischen sich. Immer wenn Szenen auf den Seiten der Halle stattfinden, schalten sich die anderen Leinwände hinzu, um die Doppelung der Realitäten zu unterstreichen. Ein etwas einfallsloses Unternehmen, das trotzdem ins Konzept passt. Sonst ist das bis aufs Ende durchaus Kino. Gleich zu Beginn gibt es einen ersten Schock für Tarr-Aficionados: Farbe. Die erste Sequenz, begleitet von jener minimalistisch-elegischen Musik, die während der ganzen Vorführung einen meditativen Sog erzeugt (obwohl sie manchmal beinahe ins Sentimentale driftet), ist ein Schwenk über die Tische und den Teppich, bis hinter einem Vorhang ein Mann erscheint, der auf einer Panflöte ein Lied vorspielt.

Die Farbe verschwindet aus dem Bild, man findet sich im altbekannten Schwarz und Weiß und sieht nun im beständigen, von langsamen Schwarzblenden unterstützten Modus einer Betroffenheit abwechselnd Porträts von Obdachlosen, die Tarr in einem monatelangen Casting in Wien ausgewählt hat und Szenen, in denen alle zusammen ankommen, essen oder tanzen. In den Porträtaufnahmen zeigen die Menschen etwas aus ihrem Leben, ein Talent oder eine alltägliche Tätigkeit. Ein Mann richtet sein Bett her, ein anderer kleidet seine Puppe an, eine Frau schminkt sich, während eine andere ihr die Haare kämmt. Tarr hält sich mit Ausnahme der anhaltenden Musik spürbar zurück. Was wir sehen, scheint von den Protagonisten auszugehen. Besonders bewegend ein Bild, in dem ein Paar sich zärtlich haltend, eingehüllt in Jacken, etwas zuflüstert. Persönlich habe ich noch nie das Bild zweier sich liebender Obdachloser gesehen. Insgesamt lässt sich das Werk sehr wohl fest verankern im Oeuvre von Tarr: Lange Einstellungen, ins Verlorene treibende Musik und ein unbedingtes Interesse an emotionalen Regungen menschlicher Körper.


Begegnung mit dem Anderen

Als eine Freundin des Mannes, der sich immer noch in der Mitte der Halle bewegte, auf der Leinwand erscheint, um ein Gebet zu sprechen, kniet der Mann plötzlich vor der Leinwand nieder. Er betet mit ihr, Tränen steigen ihm in die Augen. Er applaudiert. Ergriffen schnappt er sich zwei Gläser Wein und geht zu seiner Freundin, die das Geschehen stumm neben mir sitzend beobachtete. Sie stoßen an, unterhalten sich. Für sie ist der Film (jetzt habe ich es doch geschrieben) vorbei. Besonders in den Szenen, in denen Tarr die Menschen nicht einzeln, sondern als Gruppe zeigt, erwische ich mich selbst in der Begegnung mit dem Anderen. Etwa als sich die Kamera im Kreis dreht, während um sie herum mal mehr und mal weniger enthusiastisch getanzt wird. Ich frage mich, warum ich diese Menschen ansehe.

"Missing People" von Béla Tarr
"Missing People" von Béla Tarr

Man kann nicht leugnen, dass „Missing People“, wie beispielsweise auch Pedro Costas In Vanda’s Room oder die Filme von Wang Bing, ein doppeltes Spiel spielt. Auf der einen Seite gibt es ein aufrichtiges Interesse an der Realität dieser Menschen, das im besten Fall dazu führt, dass man anders auf die Welt blickt, vielleicht sogar agitatorisch angestachelt wird, um zu helfen, statt nur zu schauen. Auf der anderen Seite ermöglicht Tarr diesen Menschen, Helden zu werden. Sie werden zu einer ästhetischen Erfahrung, einer Illusion auf einer Leinwand. Für diese Momente sind sie nicht die „Missing People“, sondern ganz und gar da. Dabei interessiert sich der Filmemacher nicht für ihre Geschichten, nicht für ihren Alltag, sondern für ihre sinnliche, körperliche Präsenz, aus der er ein großes Drama unserer Zeit filtert.


Die Entdeckung des Raumes

Den Raum selbst nutzt Tarr eigentlich erst am Ende richtig, als sich die Leinwand öffnet und eine Reihe von Bierbänken offenbart. Zuvor beleuchten einige Scheinwerfer noch die liegengebliebenen Gegenstände, die nun wie Erinnerungen an die Menschen wirken, die man eben auf der Leinwand sah. Treibgut als Beweis für ihre Existenz. Hinter den Bierbänken eine weitere Leinwand, auf der nun tatsächlich Porträtaufnahmen aller Protagonisten zu sehen sind. Eine Akkordeonspielerin begleitet diese Bilder live. Man kann sich mit dem Gutschein ein Getränk holen und hinsetzen.

Diese Porträtaufnahmen scheinen mir viel zu stark, zu wichtig und zu sehr Kern des Projekts zu sein, als dass sie in einem solchen Setting ihre Wirkung entfalten könnten. Tarr riskiert hier zugunsten einer Idee, dass die eigentliche Präsenz dieser Menschen sich in Luft auflöst. Dass man gemeinsam trinkt, ist ein weiterer Schritt hin zur Auflösung der geschilderten Grenzen. Aber die Filmbilder selbst hatten diese eigentlich weit stärker geleistet. Ich untersage mir das Hinsetzen und beobachte stattdessen die Leinwand. Der Mann hat sich ganz nach vorne gesetzt. Er interessiert sich mehr für die Akkordeonspielerin. Neben mir blickt der Mann im Rollstuhl ergriffen in sein eigenes Angesicht auf der Leinwand. Ich frage mich, was er sieht, ohne zu wissen, was ich selbst sehe. Ich glaube aber, dass wir beide verstanden haben, dass wir überhaupt sehen und dass davon eine ungeheure Kraft ausgehen kann.


Fotos:  Wiener Festwochen, Nurith Wagner-Strauss 

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