Stranger Things - Staffel 3

Mittwoch, 03.07.2019

Diskussion

She’s a material girl: In einer Szene erkundet Elfi (Millie Bobby Brown) die Freuden der neuen Mall, die beim Städtchen Hawkins in Indiana ihre Pforten geöffnet hat. Sie mischt sich unter die dauergewellte Menge und verpasst sich beim gutgelaunten Shopping-Trip einen neuen, topmodischen Look. Diese Sequenz, zu der Madonnas Hit „Material girl“ aus dem Jahr 1984 erklingt, ist eine jener Hommagen an Popkultur, Mode und das Lebensgefühl der 1980er-Jahre, die „Stranger Things“ mit Vorliebe zelebriert. In der dritten Staffel ist mittlerweile der Sommer 1985 angebrochen, das Jahr, in dem „Zurück in die Zukunft“ in die Kinos kam (was natürlich nicht unerwähnt bleibt). Es sind Ferien, und über dem jungen Liebesglück von Elfi und Mike (Finn Wolfhard), das am Ende der zweiten Staffel beim Schulball besiegelt wurde, sind erste dunkle Wolken aufgezogen, weshalb Elfi dringend eine Aufheiterung braucht. Sie fühlt sich von Mike nicht gut behandelt und gibt ihm, bestärkt von der toughen Maxine (Sadie Sink), kräftig Kontra.

Powergirls: Elfi und Max
Powergirls: Elfi (Millie Bobby Brown, links) und Max (Sadie Sink)

Monster, Machos und starke Mädchen

Womit eines der Themen auf dem Tisch wäre, mit denen die Showrunner Matt und Ross Duffer der Serie neuen Stoff verschaffen: dem „Gender Trouble“ jenes Jahrzehnts, in dem Frauen sich mit Schulterpolstern eine maskulinere Silhouette gaben und um ein emanzipierteres Selbstbild rangen, während ein konservativer, „Rambo“-mäßiger Macho-Backlash gleichzeitig für Gegenwind sorgte. Die Kabbeleien zwischen den Mädchen sowie Mike und seinen Kumpels Will (Noah Schnapp) und Lucas (Caleb McLaughlin) umspielen das mit Screwball-Leichtigkeit; Elfi kann durch ihre Superkräfte schließlich ziemlich gut Respekt einfordern. Etwas komplizierter sieht es für Mikes Schwester Nancy (Natalia Dyer) aus, die mit ihrem Freund Jonathan (Charlie Heaton) ein Praktikum bei der Lokalzeitung macht und als angehende Journalistin an eine durch und durch chauvinistische Redaktion gerät. Dass solche Männer sich schließlich als veritable Monster entpuppen, ist abzusehen.

Chauvinistische Nervensäge: Der Zeitungsredakteur Bruce (Jake Busey)
Chauvinistische Nervensäge: Der Zeitungsredakteur Bruce (Jake Busey)

Denn Ärger gibt es in Staffel 3 von „Stranger Things“ natürlich nicht nur zwischen den Geschlechtern, sondern auch wieder mit den Wesen von „der anderen Seite“. Obwohl das Portal zum Schattenreich des "Upside Down" am Ende von Staffel 2 geschlossen wurde, schafft es der „Mindflayer“ wieder nach Hawkins, eine unheimliche Kreatur mit der Fähigkeit, sich in den Körpern von Menschen (etwa Zeitungsredakteuren) einzunisten – John Carpenters Das Ding aus einer anderen Welt (1982) lässt grüßen.

Die rote Gefahr infiltriert Hawkins

Daran, dass es wieder eine Öffnung zwischen den Welten gibt, sind diesmal die Russen schuld (es herrscht immer noch der Kalte Krieg), die dort weitermachen wollen, wo die US-Regierung nach ihren schmerzhaften Erfahrungen in Staffel 2 aufhörte. Und so lassen sich in Hawkins bald wieder unheimliche Phänomene beobachten.

Front gegen das Grauen von der "anderen Seite": Das Teenie-Team
Front gegen das Grauen von der "anderen Seite": Das Teenie-Team

Dramaturgisch verfahren die Autoren der dritten Staffel nach bewährtem Muster: Sie teilen das Ensemble in verschiedene Grüppchen auf, die durch Zufall jeweils einen anderen Handlungsfaden des zu lösenden Problems rund um den „Mindflayer“ und die Russen zu fassen bekommen, bis sich am Ende alle gemeinsam zum Showdown versammeln. Was vielleicht simpel klingt, tatsächlich aber angesichts der Tatsache, wie sicher in der Montage der unterschiedlichen Stränge mit Spannungsbögen und Figurenentwicklungen gearbeitet wird, eine beachtliche Leistung ist. Die Handlung um Elfi, Mike, Will & Co. lebt auch davon, dass sie ebenso feinfühlig wie witzig die Coming-of-Age-Befindlichkeiten der Figuren einbindet, die im undankbaren In-Between-Alter angekommen sind, wo sich wahnsinnig schnell wahnsinnig viel verändert – worunter nicht zuletzt Will leidet, der eigentlich noch viel lieber in Ruhe mit seinen Jungs „Dungeons & Dragons“ spielen würde, als in deren Hormon-Zirkus involviert zu werden.

Irrwitzige Exkurse ins Spionagefilm-Genre

Während sich die Storyline um Jonathan und Nancy, die durch ihre Arbeit bei der Zeitung auf die gruseligen Veränderungen in Hawkins aufmerksam werden, Richtung „Body Horror“ ausstreckt, setzt der Strang um Dustin (Gaten Matarazzo), Steve Harrington (Joe Keery), eine neu eingeführte (sehr interessante) Mädchen-Figur sowie die zur altklug-frechen Co-Heldin aufsteigende kleine Schwester von Lucas komödiantische Höhepunkte. Am Beispiel von Steve wird lustvoll ausbuchstabiert, welchen Demütigungen ein früherer High-School-Star nach seinem Schulabgang ausgesetzt sein kann; vor allem aber gibt es irrwitzige Spionagefilm-Elemente à la „James Bond“ – inklusive der wohl schrägsten Verhör-Folter-Szene, seit Captain Mal Reynolds und sein Pilot in „Firefly“ in die Fänge des Shanyou gerieten. Mit Agenten-mäßiger Action bekommen es auch Joyce Byers (Winona Ryder) und Sheriff Hopper (David Harbour) zu tun, als sie in den Laborräumlichkeiten aus Staffel 1 und 2 nach dem Rechten sehen. Wobei fiese Russen das ungleiche Paar kaum mehr trietzen als Joyce und Hopper sich gegenseitig, weil die unausgesprochene Anziehung, die seit Staffel 1 zwischen den beiden schwelt, für Spannungen und Missverständnisse sorgt.

Russen, zieht euch warm an! Steve (Mitte), Dustin (rechts) und Neuzugang Robin erproben sich als Spione
Russen, zieht euch warm an! Steve (Joe Keery, Mitte), Dustin (Gaten Matarazzo, rechts) und Neuzugang Robin (Maya Hawke) erproben sich als Spione


1980er-Nostalgie wird anschlussfähig für die Gegenwart

Staffel 3 bewegt sich dabei durchweg auf dem Niveau der ersten Staffeln und schafft es, durch ihre neuen thematische Impulse dem Serienschema Drive zu geben. Beachtlich ist dabei, wie gut die 1980er-Nostalgie für die Gegenwart anschlussfähig gemacht wird: Im Gender-Hickhack rund um Nancy schwingt im Hintergrund die #MeToo-Debatte mit. Und wenn sich schließlich herausstellt, dass ein stillgelegtes Stahlwerk und die vom korrupten Bürgermeister bewilligte Einkaufsmall, die viele Einzelhändler in Hawkins ruiniert hat, zentrale Rollen in den Umtrieben des „Mindflayer“ spielen, dann wird damit motivisch der „Horror“ des wirtschaftlichen Niedergangs der Arbeiterschicht und des ländlichen Mittelstands in den USA eingebunden, der den Aufstieg von Populisten à la Trump begünstigt hat. Auch bei dessen Wahl sollen die Russen ja eine unlöbliche Rolle gespielt haben.


Fotos: © Netflix

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