Serie: Marvel's Jessica Jones - Staffel 3

Donnerstag, 04.07.2019

Diskussion

In der dritten Staffel der Marvel-Serie um die zynische Privatdetektivin mit Superkräften dreht sich um einen sinistren Serienkiller und den Konflikt Jessicas mit ihrer besten Freundin über ihre Rolle als "super".

Stehen Superhelden über dem Gesetz? Kann eine demokratische Gesellschaft akzeptieren, dass mit übermenschlichen Kräften begabte Individuen jenseits von Justiz und Exekutive für das kämpfen, was sie für Recht und Ordnung halten? Superhelden mögen im Kino nach wie vor zu den stärksten Zugpferden gehören, doch ihr popkulturelles Image ist schon lange mit Brüchen und Ambivalenzen durchsetzt. Im Kinozweig des „Marvel Cinematic Universe“ allerdings wurden die Fragen über die Legitimität der Helden oder ihr zwiespältiges Verhältnis zur Gesellschaft, wie sie in Captain America: Civil War die Avengers noch zerrissen, in den letzten Filmen immer mehr unter den Tisch gekehrt; für die Großprojekte setzen die Macher lieber aufs klassische Superschurken-Bändigen, statt das Publikum mit unbequemen, moralisch komplexeren Problemen herauszufordern.

Superhelden im Kreuzfeuer gesellschaftlicher Debatten

In den Marvel-Serien sieht das etwas anders aus; dort wird das Thema immer wieder aufgegriffen. So stehen sich die Agents of S.H.I.E.L.D. schon seit mehreren Staffeln im Kreuzfeuer gesellschaftlicher Debatten um die Sozialverträglichkeit von und den Umgang mit den sogenannten „Inhumans“; und in Jessica Jones – als Noir-Krimistoff ohnehin bodenständiger als die „Avengers“-Filme – kulminiert das Ringen um Verantwortlichkeit und gesellschaftliche Verpflichtung der „supers“ in Staffel 3 in einem spannenden, hochdramatischen Konflikt der beiden weiblichen Hauptfiguren.

Werden sie wieder Freundinnen - oder etwa Feindinnen? Jessica (Krysten Ritter, r.) und Trish (Rachael Taylor)
Werden sie wieder Freundinnen - oder etwa Feindinnen? Jessica (Krysten Ritter, r.) und Trish (Rachael Taylor)
Die Privatdetektivin Jessica Jones (Krysten Ritter), die knallharte, aber seelisch lädierte Titelheldin, hat selbst äußerst schmerzhafte Erfahrungen mit „supers“ gemacht, die ihre Macht rücksichts- und gesetzlos einsetzen. Ihre eigene besondere Körperkraft, die das Resultat ethisch fragwürdiger Experimente ist, empfindet sie nicht als Berufung und sieht sich dementsprechend auch nicht als Heldin; statt im Cape auf Straßen altruistisch gegen das Böse zu kämpfen, erledigt sie ihren Job im Stil der „Hard boiled“- Detektive aus den Noir-Krimis mit einer guten Portion Abgebrühtheit und gegen Bezahlung.

Ihre engste, schwesterliche Vertraute Trish (Rachael Taylor) betrachtet dies, das hat sich in Staffel 2 heraus kristallisiert und wird nun zum erzählerischen Katalysator der neuen Staffel, als geradezu sträfliche Verschwendung: Wenn man wie Jessica die Fähigkeit hat, sich den Übertätern dieser Welt entgegenzustellen, ist es moralische Pflicht, dies auch zu tun – auch und gerade dann, wenn den Bösewichtern mit legalen Mitteln nicht beizukommen ist.

Erschreckend gut: Jeremy Bobb als Serienkiller Salinger
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Zwei zerstrittene Heldinnen gegen einen Serienkiller

Seit sie Trish in Staffel 2 selbst diese Fähigkeiten verschafft hat (mit einer freiwilligen Wiederholung jener Experimente, denen Jessica einst unwillentlich zum Opfer fiel), fängt sie nun ihrerseits an, einen klassischen Superhelden-Lebensstil zu führen: Zum Schein hält sie ihre Existenz als prominente Showbiz-Lady aufrecht, um zu später Stunde heimlich ihre Kräfte zu trainieren und diese schließlich maskiert zum Einsatz zu bringen.

Trishs Wunsch, dies im Team mit Jessica zu tun, scheint wegen Jessicas Groll gegen sie unerfüllbar – bis Jessica ihre Hilfe gegen einen neuen, höchst sinistren Gegner braucht: Durch einen weiteren „super“, der die Fähigkeit besitzt, die dunklen Flecken auf den Seelen seiner Mitmenschen zu sehen, ist die Privatdetektivin mit einem zwar normal menschlichen, aber ebenso intelligenten wie bösartigen Serienkiller aneinander geraten, den sie nicht alleine dingfest machen kann. Trish ist nur zu gerne bereit, ihr zu helfen; doch je tiefer sich die Frauen ins Katz-und-Maus-Spiel mit dem Killer verstricken, umso unüberbrückbarer erweisen sich beider Auffassungen von dem, was ihre Rolle als „supers“ und was ethisch richtig ist.

Aus großer Kraft wächst große Verantwortung - aber was bedeutet das konkret? Trish hat davon eine etwas zu radikale Vorstellung
Aus großer Kraft wächst große Verantwortung - aber was bedeutet das konkret? Trish hat davon eine etwas zu radikale Vorstellung

Aus Sorge um die eigene (Urteils-)Schwäche

Noch radikaler als in den ersten Staffeln hinterfragt die dritte Staffel von „Jessica Jones“ die moralischen Parameter des Superhelden-Genres und erzählt von Menschen und Umständen, die sich in den Grauzonen von Gut und Böse bewegen. So edel und gut begründet Trishs Anspruch an sich selbst und an Jessica auch klingen mag, so viel mehr humanes Augenmaß beweist Jessica, wenn sie sich weigert, als Vollstreckerin das Gesetz in die eigene Hand zu nehmen und stattdessen immer wieder versucht, mit Polizei und Justiz zusammenzuarbeiten. Ihrer körperlichen Stärke zum Trotz kalkuliert sie ihre eigene, sehr menschliche (Urteils-)Schwäche mit ein.

Während sich das Ringen zwischen ihr und Trish ebenso spannend wie melodramatisch hochschaukelt, sorgen Nebenfiguren wie die gewiefte Staranwältin Jeri Hogarth (Carrie-Anne Moss) und Jessicas Nachbar Malcolm (Eka Draville), der mittlerweile für Hogarth arbeitet, dafür, dass die Grundsatzfragen der Serie über das Verhältnis von Recht, Gesetz und persönlicher moralischer Verantwortung auf interessante Weise gespiegelt und variiert werden.

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