Was tun, wenn’s brennt?

Samstag, 06.07.2019

Das 37. Filmfest München beeindruckte durch leidenschaftliche Filme, die allerdings häufig schon bei anderen Festivals Preise gewonnen hatten. Deutlich zu spüren waren Spannungen um die von der Politik verordnete Neuausrichtung

Diskussion

Bei den Filmen des 37. Filmfest München (27.6.-6.7.2019) brannte es auf der Leinwand. Das Feuer war als Motiv allgegenwärtig und diente immer wieder als Ausdruck für die entflammenden Leidenschaften oder den Ausbruch schwelender Konflikte. Neben einprägsamen filmischen Werken war aber auch deutlich zu spüren, dass das Festival um sein Profil ringt. Eine Bilanz.


Ohne seine Frau ist das Ehebett für Mario tabu. Seitdem sie nach 20 Jahren Beziehung eine Auszeit beansprucht hat und zuhause ausgezogen ist, liegt der Beamte nachts stundenlang auf dem Sofa, hört laut Musik und schaut fern, was auch seine Töchter vom Schlafen abhält.

Einmal gesellt sich die pubertierende 14-jährige Frida dazu und teilt einige Momente mit ihrem Vater, mit dem sie nicht nur wegen dem Bruch zwischen den Eltern immer wieder über Kreuz liegt. Die Fernsehreportage über Tipps zum Löschen von Bränden findet ihren Beifall, weil es darin um etwas tatsächlich Nützliches gehe; jedes Kind könne davon profitieren. Fridas Kommentar ist ein wenig versteckter Wink, dass sie die Versuche des Vaters, für sie und ihre 17-jährige Schwester Niki ein Freund, Begleiter und Beschützer zu sein, als hilflos und kontraproduktiv empfindet.

Da es keine offensichtlichen Gründe für die Trennung gibt, taumelt Mario zwischen Überforderung im Alltag, Unsicherheit im Umgang mit seinen Töchtern und Frust über die Ungreifbarkeit seiner Frau mit zunehmender Verzweiflung durchs Leben.


Aller Sicherheiten beraubt

Sehr sensibel und lebendig stellt die französische Regisseurin Claire Burger in „C’est ça l’Amour“ die Krise eines Mannes dar, dem von heute auf morgen die Sicherheit im Leben geraubt wird. Der Film nimmt die Feuermetapher in vielfältiger Weise auf, wenn in der Beziehung zwischen Vater und Töchtern immer wieder neue Brandherde entstehen, alte und neue Leidenschaften auflodern oder erlöschen und der Funke für einen Neuanfang gelegt wird.

Noch scheint alles in Ordnung: „C’est ça l’Amour“ von Claire Burger
Noch scheint alles in Ordnung: „C’est ça l’Amour“ von Claire Burger

Damit stand „C’est ça l’Amour“ maßgeblich für ein wichtiges Motiv der 37. Ausgabe des zweitgrößten deutschen Festivals (27.6.-6.7.2019), das über alle Sektionen hinweg von Feuern und Brandherden aller Art erzählte. Teilweise geschah dies sehr konkret wie in Frédéric Telliers detailgenauem Melodram „Sauver ou périr“, in dem ein junger Feuerwehrmann nach einer verheerenden Begegnung mit dem „schlimmsten Feind“, als der das Feuer in seinem Berufsstand angesehen wird, Sprechen, Laufen und das Leben an sich von Grund auf neu erlernen muss. 

Von ähnlicher Wucht präsentierte sich auch das bildgewaltige galizische Drama „O que arde“ von Oliver Laxe, in dem ein verurteilter Brandstifter nach der Entlassung in seinen Heimatort zurückkehrt und sich mit Einsatzbereitschaft und Tüchtigkeit langsam wieder das Vertrauen seiner Mutter und der Dorfbewohner erarbeitet. Beim Ausbruch eines Großfeuers gerät er jedoch sofort wieder in Verdacht, wobei der elliptische Film die Frage seiner Schuld offenhält, während der rücksichtslose Umgang mit der Natur – etwa in der Abholzung ganzer Wälder – unmissverständlich gebrandmarkt wird.


Feuer als Realität und Metapher

Andere herausragende Filme steuerten auf ein Feuer als gewaltsame Kulmination von lange Zeit schwelenden Konflikten zu, etwa das feinfühlige brasilianische Drama „A vida invisível de Eurídice Gusmão“ von Karim Aïnouz, in dem die Titelfigur, nachdem sie sich durch ihre Eltern grausam über das Schicksal ihrer Schwester getäuscht sieht, ihr Haus und ihr Klavier in Brand steckt – die endgültige Verabschiedung von ihrem Traum einer Karriere als Pianistin, den ihr Vater und Ehemann durch machistische Rücksichtslosigkeit ohnehin schon hintertrieben haben. 

Im virtuos die Befindlichkeit in den Vorstädten von Paris zusammenführenden Spielfilmdebüt „Les Misérables“ von Ladj Ly zündeln unterschiedliche Interessengruppen dermaßen rücksichtlos am Gewaltpotenzial des Viertels, bis die jugendlichen Opfer dieser Machtspiele geballt zurückschlagen: Im Finale sehen sich all jene, die meinten, sich mit brachialen Methoden Respekt verschaffen zu müssen, einer infernalischen Falle ausgesetzt.

Schwesterlicher Beistand: "A vida invisível de Eurídice Gusmão"
Schwesterlicher Beistand: "A vida invisível de Eurídice Gusmão"

Aufschlussreich war das Feuer als inhaltlicher Schwerpunkt nicht nur mit Blick auf weltweite Entwicklungen; angesichts der Temperaturrekorde zu Beginn des Filmfests und der teils hitzigen Auseinandersetzungen zwischen Bayerischem Staat, der Stadt München und der Filmfest-Leitung um die künftige Ausrichtung des Festivals hatte dies obendrein auch den Nebeneffekt, wie ein ironischer Kommentar zu den äußeren Bedingungen des Festivals zu wirken.

Auch wenn neue Sektionen und Preise sowie der erstmals ausgerichtete Virtual-Reality-Wettbewerb in das üppige Programm des Filmfests integriert wurden, waren es auch in diesem Jahr vor allem Filmen, die schon bei anderen Festivals Preise errungen hatten und nun auch in München als Highlights glänzten. Insbesondere das nur wenige Wochen zuvor stattfindende Festival in Cannes prägt von Jahr zu Jahr mehr die Münchner Auswahl, wie sich vor allem im „CineMasters“-Wettbewerb um den „ARRI/OSRAM Award“ und in der neu geschaffenen „CineCoPro“-Sektion für internationale Co-Produktionen mit deutscher Beteiligung zeigte. Darin hoben sich neben „O que arde“ vor allem die brillant zwischen bitterbösem Humor und empathischer Sozialstudie angesiedelte Gesellschaftsparabel „Parasite“ von Bong Joon-ho (zur Abwechslung mit einer Sintflut als Klimax) und der gewitzte Western „Bacurau“ der Brasilianer Kleber Mendonça Filho und Juliano Dornelles weit über die Konkurrenz, während auch Albert Serras „Liberté“ und Rebecca Zlotowskis „Ein leichtes Mädchen“ starken Eindruck hinterließen.


Eine Frühgeburt: der "CineCoPro Award"

Der Preis im „CineCoPro“-Wettbewerb ist mit 100 000 Euro doppelt so hoch dotiert wie der „ARRI/OSRAM Award“ und fast sieben Mal so hoch wie die Auszeichnung in der „CineVision“-Sektion. Die Konkurrenz um den „CineCoPro Award“ offenbarte vor allem, dass sich der Co-Produktionsfaktor nicht in einer spezifischen Machart oder Wahl der Themen äußerte: Ein selbstsicherer Gang durch die Film-noir-Geschichte wie „La Gomera“ von Corneliu Porumboiu oder ein Epos wie „A vida invisível de Eurídice Gusmão“ fanden darin ebenso Platz wie Marco Bellocchios konventionelles Mafia-Biopic „Der Verräter“ oder die ziemlich läppische italienisch-deutsche „Einer flog über das Kuckucksnest“-Anleihe „Stillstehen“ von Elisa Mishto.

Ungewisser Ausgang: "La Gomera" von Corneliu Porumboiu
Ungewisser Ausgang: "La Gomera" von Corneliu Porumboiu

Zumindest im ersten Jahrgang machte die neue Sektion den Eindruck, weniger einer programmtechnischen Logik als vielmehr dem Zwang zu entspringen, die zusätzlichen Fördermittel des Bayerischen Staates einsetzen zu müssen. Die nächsten Jahrgänge, für die weitere, noch nicht konkretisierte Reformen angekündigt sind, müssen zeigen, ob sich das Filmfest sein Profil bewahren kann. 

Hoffnungsvoll stimmt immerhin, dass auch 2019 das Niveau des Programms gehalten werden konnte, mit Filmen, die ihre Ideen leidenschaftlich entwickelten und ihre Figuren gegen Einschränkungen aufbegehren ließen. Was vielleicht auch ein gutes Omen für das Festival als Ganzes ist.


Fotos: Filmfest München

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