54. Filmfestival von Karlovy Vary

Dienstag, 09.07.2019

Familienfilme dominierten beim 54. Filmfestival in Karlovy Vary, bei dem Corinna Harfouch als beste Schauspielerin ausgezeichnet wurde

Diskussion

Schon 2018 standen beim Festival in Karlovy Vary vor allem versehrte Familien im Zentrum des filmischen Interesses (siehe Festivalbericht). Ein Themenkreis, dem die Regisseure und Regisseurinnen sich auch 2019, allen politischen Krisen, Umbrüchen und Unsicherheiten zum Trotz, erneut verpflichtet fühlten. 12 Filme liefen im Wettbewerb, und es war schon auffällig, wie oft Familien darin gegen ihr Auseinanderdriften ankämpfen mussten. Dabei kristallisierten sich häufig die belasteten Beziehungen einzelner Mitglieder heraus, zwischen Vater und Tochter („El hombre del futuro“), Mutter und Sohn („Lara“) oder zwischen zwei Halbschwestern („Polsestra“). Oft waren es junge Frauen, die mit sich, dem Erwachsenwerden, ihrer Identität oder sexuellen Orientierung im Unreinen waren.

So erzählt „El hombre del futuro“ von Felipe Rios die Geschichte der jungen Elena, die mit ihrer Mutter im Norden Chiles lebt. Ihre Unzufriedenheit und Aggressivität kanalisiert sie als Boxkämpferin, doch sie muss mehr einstecken als sie austeilt. Zu einem Turnier im Süden des Landes trampt sie ganz allein nach Patagonien. In der Zwischenzeit hat man auch Michelsen kennengelernt, einen alten Lastwagenfahrer, der kurz vor seiner Pensionierung zu einer letzten Fahrt aufbricht. Er ist Elenas Vater; 20 Jahre lang haben sich die beiden nicht gesehen.

"El hombre del futuro"
"El hombre del futuro"

Doch nun führen sie ihre unterschiedlichen Wege zusammen. Es ist Zeit, sich kennen zu lernen, die Vergangenheit aufzuarbeiten und Fehler einzugestehen. Die Großaufnahmen der beredten Gesichter – schön und verschlossen bei der jungen Frau, verwittert und freundlich beim Vater – stehen dabei im wundervollen Kontrast zur außergewöhnlichen Schönheit der Landschaft. Die Fahrt führt vorbei an Seen und Gletschern, Wälder und Bergen. Die Lebendigkeit der Natur überträgt sich auf die Figuren, und so liegt etwas Versöhnliches über diesem Film.

Dick aufgetragene Unglücksszenarien

„Polsestra“ des slovenischen Regisseurs Damjan Kozole enttäuschte hingegen. Zwei Halbschwestern, die sich kaum kennen, sind durch unglückliche Umstände – die eine hat sich gerade von ihrem Ehemann getrennt – gezwungen, in Ljubljana eine Wohnung zu teilen. Nun giften sie sich an und machen sich gegenseitig das Leben schwer, obwohl beide Unterstützung bräuchten. Kozole hatte eine Studie über Entfremdung und über die Unfähigkeit miteinander zu reden im Sinn. Doch die Respektlosigkeit und der Hass, mit denen nicht nur die Schwestern, sondern auch die anderen Figuren aufeinander reagieren, irritieren. Die Leidenschaft, die sie ausstrahlen, hat sich ins Negative gewendet.

Ins Oklahoma der 1960er-Jahre entführt „To the Stars“ von Martha Stephens. Iris, schon durch ihre übergroße Hornbrille als Sonderling gekennzeichnet, wird von ihren Mitschülern gemobbt. Doch dann erhält sie unerwartet Hilfe von der selbstbewusst-schönen Maggie, die soeben mit ihren Eltern in den Ort gezogen ist. Die beiden Mädchen verbindet bald eine enge Freundschaft. Doch der Druck von außen, von Eltern, Schule und Nachbarn, wird immer größer; es kommt zum Bruch, schließlich sogar zum Eklat, weil Maggie traditionelle Gendertraditionen missachtet.

"To the Stars"
"To the Stars"

Stephens wollte eine restriktive Gesellschaft in der US-Provinz zeichnen, in der Frauen weiterhin um Individualität und Selbstbestimmung ringen müssen. Doch die Regisseurin treibt ihren Konflikt zu schlicht und symbollastig voran; die kontrastreichen Schwarz-weiß-Bilder des Films wirken seltsam manieriert. Auch „Tot he Stars“ präsentiert dysfunktionale Familien: Iris’ Mutter ist Alkoholikerin, Maggies Vater ein gewalttätiger Choleriker. Allerdings trägt die Regisseurin bei der Zeichnung der Familie als Vorhof zur Hölle so dick auf, dass die Glaubwürdigkeit darunter leidet.

Preisgekrönt: Beiträge aus der Slowakei und Bulgarien

Dass man mit dem Thema der Verwerfungen in der Provinz erheblich hellsichtiger umgehen kann, bewies der slovakische Regisseur Marko Skop mit „Nech je svetlos („Let There Be Light“). Im Mittelpunkt steht Milan, ein 40-jähriger Vater, der zu Weihnachten aus Deutschland, wo er arbeitet, in sein slovakisches Dorf zurückkehrt. Doch der Selbstmord eines Jungen überschattet die festliche Stimmung. Milan findet überdies heraus, dass sein 17-jähriger Sohn, der wie der Tote Mitglied einer paramilitärischen Jugendorganisation ist, mehr über die Hintergründe weiß, als er zu sagen bereit ist.

Die Suche nach der Wahrheit gestaltet sich schwierig. Kirche und Polizei haben kein Interesse an der Aufklärung; der Zusammenhalt der dörflichen Gemeinschaft darf nicht gefährdet werden. So entsteht ein beklemmendes und in manchen Aspekten auch überzeichnetes Drama, das mit einem erschreckend offenen Ende entlässt. Hauptdarsteller Milan Ondrik wurde in Karlovy Vary als bester Schauspieler geehrt.

„Bashtata“ (The Father“), inszeniert von dem bulgarischen Regie-Tandem Kristina Grozeva und Peter Valchanov, spürt ebenso skurril wie intelligent der Beziehung zwischen Vater und Sohn nach. Ein alter Mann hat soeben seine Frau verloren, mit der er lange Jahre verheiratet war. Als eine Bekannte behauptet, dass sie nach Beerdigung von der Toten angerufen worden sei, setzt er alles daran, die Tote durch ein Medium zu kontaktieren. Wohl oder übel muss sein ungeschickter Sohn ihn begleiten, um weiteres Unheil zu verhindern und den alten Mann zur Besinnung zu bringen.

"Bashtata"
"Bashtata"

Auch hier geht es um die Schwierigkeit, mit denen zu reden, die einem eigentlich am nächsten sind, und eine Verbindung zu ihnen aufzubauen. Das geschieht ganz ohne Pathos oder übertriebene Konflikte. Stattdessen gibt es viel Situationskomik und absurde Momente: Familien sind anstrengend, aber auch lebenswert. Diese Erkenntnis präsentiert „Bashtata“ auf unterhaltsame Weise; dafür wurde der Film mit dem „Kristallglobus“ für den besten Film ausgezeichnet.

Oh Woman: Corinna Harfouch als „Lara“

Und dann gab es auch noch Lara, den neuen Film von Jan-Ole Gerster, der schon 2012 mit „Oh Boy“ in Karlovy Vary vertreten war und seither dem Festival als Jury-Mitglied oder Besucher sehr verbunden ist. „Lara“, der den Spezialpreis der Jury und den Preis der Ökumenischen Jury gewann, ist gewissermaßen das Gegenstück zu „Oh Boy“. Statt eines jungen Mannes steht nun eine ältere Frau im Mittelpunkt. Der Erzählduktus ist ähnlich: ein Schweifen durch den Tag, ein Hangeln von Episode zu Episode und ein Flanieren durch Berlin, das mit herbstlichen Blättern zugedeckt scheint. Lara wird 60 Jahre alt, doch der Tag beginnt schlecht. Von der Polizei wird sie dazu verdonnert, bei der Wohnungsdurchsuchung eines Nachbarn als Zeugin zu fungieren. Außerdem findet ein Konzert ihres Sohnes Viktor statt, dem sie das Klavierspielen beigebracht hat. Sie hebt alles Geld von der Bank ab, was auf einen Neuanfang oder ein Ende hindeuten könnte, kauft die restlichen Karten des Konzerts auf, um sie zu verschenken, schaut bei ihrer früheren Arbeitsstelle bei der Stadtverwaltung vorbei, streitet sich mit ihrer Mutter und mit ihrem Ex-Mann, geht ins Café, trifft Viktors Freundin. Dann endlich beginnt das Konzert.

Lara ist eine Frau, die sich mit ihrer Vergangenheit versöhnen will und sich doch nicht verbiegen kann, eine zynische, gemeine und ichbezogene Person. Aber so, wie Corinna Harfouch sie spielt, kann man ihr nicht böse sein: Sie ist zugleich eine zutiefst traurige Frau, verhasst bei den ehemaligen Arbeitskollegen, entfremdet vom Sohn, gemieden vom Ex-Mann. Dafür erhielt Harfouch zu Recht den „Kristallglobus“ als beste Hauptdarstellerin.

"Lara"
"Lara"

Hommage an Youssef Chahine

Wer der Unausgeglichenheit des Wettbewerbs entfliehen wollte, konnte das in der Hommage an Youssef Chahine tun, dem bedeutendsten Regisseur Ägyptens, vielleicht sogar des ganzen arabischen Raums. Elf Filme waren zu sehen, verteilt auf seine gesamte Schaffensperiode, sorgfältig kuratiert und eingeführt von Joseph Fahim. Es waren kommerzielle Filme darunter, politische, sozialkritische, Musicals, Dramen und Romanzen. Und auch sein berühmtestes Werk: „Tatort… Hauptbahnhof Kairo“ (1957). Ein Filmemacher, der – trotz seines berühmten Namens – in Deutschland noch zu entdecken wäre.


Weitere Informationen zum Filmfestival von Karlovy Vary findet man auf der Website des Festivals. www.kviff.com



Fotos: oben: aus „Let There be Light“, © Filmfestival Karlovy Vary/Loco Films. Andere Bilder: © Filmfestival Karlovy Vary

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