Ein Krieg, der nicht zu gewinnen ist

Mittwoch, 10.07.2019

Ein Essay über das Antrophozän und wie sich der menschliche Umbau des Planeten in Filmen wie „Erde“ oder „Anthropocene – The Human Epoch“ widerspiegelt

Diskussion

Am Beginn von Nikolaus Geyrhalters Dokumentarfilm „Erde“ durchkämmen gigantische Maschinen eine Landschaft aus Sand und Stein. Ganze Berge haben sie schon abgetragen, die Gegend in ein „Wasteland“ verwandelt, auf dem Monumente städtischen Lebens errichtet werden sollen. Die Bilder erinnern an Endzeitszenarien à la „Mad Max“, die den Begriff des Wastelands geprägt haben.

Während apokalyptische Fiktionen davon erzählen, wie die Menschen in lebensfeindlichen Umwelten um die letzten Ressourcen von Öl und Wasser kämpfen, sieht man hier Arbeiter, die mit modernster Technologie die Grundlagen der Erde zum vorgeblichen Wohl einer prosperierenden Stadt abräumen. Dafür müssen Berge, die den Talkessel umgeben, weichen. Irgendwann ist die Landschaft vom Menschen so geformt, dass die geografische Bezeichnung „Talkessel“ keinen Sinn mehr macht.

Hier entsteht eine Stadt: Planierarbeiten im San Fernando Valley, aus: "Erde"
Hier entsteht eine Stadt: Planierarbeiten im San Fernando Valley, aus: "Erde"

Wie gestaltet sich das Verhältnis von Mensch und Natur? Was bedeutet es, im Zeitalter des Anthropozän zu leben, und wie lässt sich dies im Dokumentarfilm darstellen?


Das Anthropozän

Der Begriff „Anthropozän“ als Bezeichnung für eine neue geologische Epoche wurde im Jahr 2000 von dem Klimaforscher Paul J. Crutzen und dem Biologen Eugene F. Stoermer in die wissenschaftliche Debatte eingebracht. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts – oder auch schon seit Beginn des Industriezeitalters – befinden wir uns nicht mehr im etwa 12 000 Jahre währenden Holozän mit weitgehend stabilen Umweltbedingungen, sondern in einem Zeitalter, das durch die Eingriffe des Menschen in den Planeten gekennzeichnet ist.

Der Begriff hat in den letzten Jahren eine beeindruckende Karriere durchlaufen, durchaus vergleichbar dem Wort „Nachhaltigkeit“, auf das Politik, Wirtschaft und Verbände noch vor gar nicht so langer Zeit allergisch reagierten. Heute wird mit Nachhaltigkeit geworben, als sei es die coolste Vokabel der deutschen Sprache.

Im Vergleich dazu ist das Anthropozän noch nicht ganz aus dem wissenschaftlichen Diskurs in die Öffentlichkeit herausgetreten, trotz einer Ausstellung im Deutschen Museum in München (2014-2016) und des groß angelegten Anthropozän-Projekts im Haus der Kulturen der Welt in Berlin (2013-2014).

Doch der Bekanntheitsgrad des Begriffs könnte sich bald erhöhen. Im Mai 2019 beschloss eine interdisziplinäre Anthropozän-Arbeitsgruppe der Internationalen Kommission für Stratigrafie, die Ratifizierung des Anthropozäns als geologischer Epoche in die Wege zu leiten und dafür einen genauen Beginn festzulegen.


Was sind Narrative?

Das Anthropozän ist Segen und Fluch zugleich: Es geht um den gestaltenden und den zerstörenden Menschen. Seitdem seit etwa 1950 die im Anthropozän-Diskurs als die „große Beschleunigung“ bezeichnete Epoche des Atomzeitalters und der massiven Ausbeutung natürlicher Ressourcen ihren Anfang genommen hat, ist ein schwer aufzulösender Konflikt zwischen technologischem Fortschritt und intellektuell-ethischem Rückschritt zu verzeichnen. Der Mensch bedient sich der Ressourcen in exponentiell wachsendem Ausmaß, ohne dabei, seinem Verstand und seinem ethischen Wissensbestand entsprechend, die Endlichkeit der Ressourcen mit Blick auf die Zukunft der Menschheit in den Blick zu nehmen und entsprechend zu handeln.

Solche (Be-)Deutungen, die den Begriff des Anthropozäns mit Sinn aufladen, werden Narrative genannt. Darunter versteht man nicht einfach nur Erzählungen, also mit den Mitteln eines Mediums geformte Geschichten. Narrative sind eher mit Mythen vergleichbar. Auch hier kommt es allerdings auf den Mythenbegriff an. Der hier gemeinte Mythos entspricht etwa dem Frontier-Mythos des Westernfilms. Darin geht es um die unaufhaltsame Eroberung eines Kontinents, gewalttätig, aber kollektiv als notwendig empfunden im Glauben an eine sich neu herausbildende (weiße) Nation.

Ihr Fortschrittsglaube, der sich im Bau der Eisenbahn zeigt, ist unersättlich. In Krisensituationen wird darauf immer wieder rekurriert, um Kraft aus der eigenen, konstruierten Geschichte zu schöpfen.

Ein Narrativ schafft Sinn und trägt wesentlich zur Selbstdeutung von Individuen und Gesellschaften bei. Es ist emotional stark aufgeladen. Narrative vereinfachen aber auch. Diversität und Differenz ist nicht ihre Sache.

Wie verhält es sich vor diesem Hintergrund mit dem Anthropozän und den Geschichten, die darüber erzählt werden?


Das Anthropozän und seine Narrative

Das Konzept des Anthropozän transportiert mehrere Narrative. Ein wirkmächtiges Narrativ ist das Katastrophen-/Apokalypse-Narrativ. Demzufolge werden die Eingriffe des Menschen die Welt zerstören, und der Mensch wird selbst Opfer seiner eigenen Fortschrittsideologie. Was ja bereits der Fall ist. Daran schließt das Gerichts-Narrativ an, in dem es, wie die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Gabriele Dürbeck schreibt, um „Verursachung“ und „Haftbarkeit“ dessen geht, was der Mensch anrichtet.

Aus großer Höhe fotografiert: "Anthropocene - The Human Epoch"
Aus großer Höhe fotografiert: "Anthropocene - The Human Epoch"

Andere Narrative, wie das der großen Transformation, gehen davon aus, dass die Erde gerettet werden kann, wofür jedoch ein massiver Wandel notwendig wäre, der nicht zuletzt die Abkehr vom ökonomischen Prinzip bedeutet. Mit anderen Worten: die große Transformation erfordert die Abdankung des Kapitalismus.

Welche Narrative finden sich in Nikolaus Geyrhalters „Erde“ oder in „Anthropocene – The Human Epoch“ des Fotografen Edward Burtynsky und den Filmemachern Jennifer Baichwal und Nicholas de Pencier? Welche Bilder werden hier auf- und abgerufen?

In „Erde“ geht es um sieben Projekte, die wesentliche Eingriffe des Menschen darstellen: Ein Bauprojekt im San Fernando Valley in Kalifornien, der Brenner-Tunnel zwischen Österreich und Italien, der Braunkohle-Tagebau Visonta im ungarischen Gyöngyos, der Marmorsteinbruch Carrara in Italien, die Kupferminen in Minas de Riotinto in Spanien, das Endlager für radioaktive Abfälle in Wolfenbüttel und die Athabasca Ölsand-Lagerstätte in Fort McKay in Kanada.

Anthropocene – The Human Epoch“ geht ähnlich vor; es sind nur noch mehr über die ganze Welt verteilte Handlungsorte, und es findet eine weitere thematische Gliederung in Formen des Eingriffs durch den Menschen wie „Extraction“ (Rohstoffförderung) oder „Anthroturbation“ (Bohrungen in den Boden wie im Fall von Tunnels) statt.


Bilder des Anthropozän

Beide Filme zeigen die Eingriffe als massive Ausbeutung von Ressourcen in monumentalen und häufig dystopischen Bildern. Die Episode zum Bau des Brennertunnels in „Erde“ zeigt Räume im Innern der Berge, die in ihrer Verzahnung aus technologischer Funktionalität und futuristischem Design an die Stützpunkte der Bösewichter in James-Bond-Filmen erinnern.

In vielen Episoden dominieren gigantische Maschinen den filmischen Raum. In „Anthropocene - The Human Epoch“ bahnen sich die effektvoll per Drohnen aus der Luft fotografierten größten Abraummaschinen, die im Braunkohle-Tagebau Garzweiler eingesetzt werden, wie Transformer-Roboter ihren Weg durch eine wolkenverhangene Science-Fiction-Bilderwelt voller düsterer Zukunftsvisionen.

Unter den Alpen hindurch: der Brenner-Basistunnel in "Erde"
Unter den Alpen hindurch: der Brenner-Basistunnel in "Erde"

Es ist die Hybris der Technologie, die in beiden Filmen zum Bild gerinnt und einem Apokalypse-Narrativ nahe kommt. Die Bildsprache der Film will das überbieten, was im dokumentarischen Eco-Cinema der letzten Jahre zur Konvention geworden ist. Die Eingriffe, die man hier sieht, sind gewalttätig. Die Maschinen zerpflügen, bohren und sprengen sich in die Berge, als gelte es einen Krieg zu gewinnen, in dem die Arbeiter zu Soldaten an den Fronten des Fortschritts werden.

So wie im digitalen Krieg eine Person ausreicht, um ferngesteuert und ohne Feindkontakt zu zerstören und zu töten, so ist für die gigantischen Schaufelradbagger offenbar nur eine Person notwendig, deren Funktion auch nur noch entfernt mit der eines Fahrers verglichen werden kann. Die Maschinen sind mediale Erweiterungen des Menschen, und diejenigen, die sie bedienen, gleichen Cyborgs, auch wenn ihre Identität nicht komplett in der Funktion der Arbeit aufgeht.


Die Suche nach Sinn

Dieser Fortschritt ist zudem überwiegend männlich. Weiblich ist mitunter die Erde selbst. So sagt in „Erde“ einer der Arbeiter im San Fernando Valley, dass die Erde eine grausame Geliebte sei, mit der er sich im Kampf befinde. Sie leiste Widerstand bis zuletzt. Die Aussagen der Personen sind den Filmbildern zwar untergeordnet, doch nicht zu vernachlässigen. Aus dem Gesagten spricht zwar viel Ratlosigkeit, doch die Worte einer Ingenieurin im Brenner-Tunnel stehen für sich, wenn die negativen Auswirkungen auf die Umwelt durch den Sinn des Tunnelbaus relativiert wird. Eine Erklärung, worin der Sinn denn besteht, bleibt sie schuldig. Vielleicht, weil die zu erwartende Antwort, dass dem zunehmenden Personen- und Transportverkehr Rechnung getragen werden müsse, entgegen gehalten werden könnte, dass der exorbitant wachsende Verkehr die Luft genau jener Regionen belaste, die von den mobilen Touristen nicht zuletzt wegen der im Vergleich zu den Städten besseren Luft aufgesucht werden.

Das Narrativ, das sich aus den Äußerungen vieler Interviewten herausschält, besteht darin, dass die Ausbeutung der Erde stattfindet, weil es möglich ist. Der Mensch hat Technologien entwickelt, um Tunnel zu bauen, um Marmor und Kupfer und andere Erze zu fördern, und das mit einer vor nicht allzu langer Zeit unvorstellbaren Geschwindigkeit. Darin liegt der Sinn. Der Raubbau findet statt, weil es möglich ist. Es ist das Moderne-Narrativ von Fortschritt und Technologie, das sich hier Bahn bricht.

Einem ganz anderen Narrativ begegnet man in einem anderen Film über den Umgang mit natürlichen Ressourcen. In „Das Salz der Erde“ (2014) von Wim Wenders und Juliano Ribeiro Salgado sieht man archaische Bilder der brasilianischen Goldmine Serra Peladam, die den Raubbau an der Natur und dem Menschen, dem der Fortschritt der Moderne vorenthalten wurde, gleichermaßen spürbar machen.

Andere Bilder des Raubbaus: "Das Salz der Erde"
Andere Bilder des Raubbaus: "Das Salz der Erde"

Im Bestreben, die Eingriffe des Menschen in Bildern zu zeigen, die ihre Wirkung auf die Zuschauer nicht verfehlen, befällt die Produzenten mitunter eine ähnliche Technikgläubigkeit wie die der kritisch beäugten Bau- und Abbau-Projekte. So wirbt „Anthropocene – The Human Epoch“ auf seiner Webseite  mit folgender Formulierung: „The filmmakers have traversed the globe using high end production values and state of the art camera techniques to document evidence and experience of human planetary domination“. Drohnen- und andere Aufnahmepraktiken aus der Luft bebildern das Ausmaß der Eingriffe des Menschen auf imposante Weise, doch fühlt man sich dem Gezeigten ungefähr so fern wie Astronauten, die aus dem All auf die Erde blicken und nur bedauern können, wie ein derart schöner Planet so zugerichtet wird. Handlungen erlaubt diese Perspektive kaum, sie befördert vielleicht doch eher nostalgische Resignation.


Zum Schreien komisch?

In einem Donald-Duck-Comic aus dem Jahre 1974 will Donald seinen Neffen zu Weihnachten einen Schaufelradbagger schenken. Doch auch Dagobert will sich in gewohnter Manier der Image-Aufhübschung nicht lumpen lassen und Donald zuvorkommen. Auf dem Höhepunkt der Handlung bekämpfen sich die beiden in ihren Maschinen wie in einem Transformer-Film. Dabei haben sich Tick, Trick und Track nur einen Spielzeug-Schaufelbagger gewünscht.

Die zum Schreien komische Absurdität der Materialschlacht, die von beiden Parteien hier austragen wird und alles um sie herum dem Erdboden gleichmacht, wäre auch auf der Leinwand als Modus der Kritik am modernen Menschen denkbar. „Erde“ von Nikolaus Geyrhalter weist Spuren davon auf, doch hängt es vom Betrachter ab, wie er die im Wasteland herumfahrenden Maschinen im San Fernando Valley interpretiert, ob als imposant oder lächerlich.

Die Materialschlachten der Filme wenden sich gegen die Erde; die Menschen sind davon weitgehend ausgeschlossen. Spezialisten und Arbeiter kommen zu Wort, hin und wieder auch Opfer, deren Lebensraum zerstört wird, aber Räume menschlicher (und auch tierischer) Kontroversen und Debatten zum Thema werden eher gemieden.

Wohin führt der Fortschritt: "Die Erdzerstörer"
Wohin führt der Fortschritt: "Die Erdzerstörer"

In „Anthropocene – The Human Epoch“ und dem französischen Dokumentarfilm „L'homme a mangé la terre“ von Jean-Robert Viallet, der unter dem Titel „Die Erdzerstörer“ bis Ende August in der arte-Mediathek zu sehen ist, wird die Perspektive des Films und seine Haltung zum Gezeigten durch einen Kommentarstimme explizit gemacht, die einen mithin fast elegischen Ton anschlägt – und in „Anthropocene – The Human Epoch“ auch noch von entsprechender Musik unterstützt wird. Es ist durchaus möglich, dass derartige filmische Mittel zu manipulativ sind und ihre intendierte Wirkung verfehlen.



Fotos: The Anthropocene Project, Geyrhalter Filmproduktion, arte

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