Klassiker des ungarischen Films

Montag, 15.07.2019

Ein Reader versammelt von "Tiefland" (1920) bis "Sauls Sohns" (2015) die wichtigsten ungarischen Filme

Diskussion

Der Schüren Verlag setzt die Reihe mit Klassikern des osteuropäischen Kinos fort. Ein Lesebuch zum ungarischen Film versammelt 25 Filme in ansprechenden Einzelanalysen, die von Belá Baloghs „Tiefland“ (1920) bis zu „Sauls Sohn“ (2015) von Lásló Nemes ein weites Spektrum abdecken.


Nach Büchern über den polnischen sowie den tschechischen und slowakischen Film erscheint in der Reihe „Klassiker des osteuropäischen Films“ nun als dritter Band „Klassiker des ungarischen Films“. Die gesamte Edition ist eine höchst verdienstvolle Unternehmung, rückt sie doch Filmländer in den Mittelpunkt, die im deutschen Kino nur mangelnde Aufmerksamkeit finden, aber zumindest von den beiden einschlägigen Festivals in Cottbus und Wiesbaden wahrgenommen werden. Dabei liefern osteuropäische Filme aussagekräftige Indizien für politische Tendenzen und moralisch-ethische Entwicklungen in den einzelnen Staaten. Das war schon zu Zeiten des realen Sozialismus so und bestätigt sich, zumindest wenn man künstlerisch relevante Arbeiten zu Rate zieht, bis heute.


Lesebuch mit 25 Filmen

Wie die Vorgängerbände verstehen sich auch die „Klassiker des ungarischen Films“ nicht als „filmhistorische Erzählung“, sondern als Lesebuch, das durch die Auswahl von 25 Filmen Appetit auf das ungarische Kino machen will. Die Spanne reicht von „Tiefland“ (1920, Regie: Béla Balogh) bis zum Holocaust-Drama „Sauls Sohn“ (2015, Regie: László Nemes). Von jedem Regisseur, jeder Regisseurin ist jeweils nur ein Film vertreten; weitere werden in den Texten mehr oder weniger ausführlich skizziert.

Natürlich lässt eine solche Beschränkung auch Wünsche offen: So ist es bedauerlich, dass Altmeister des ungarischen Kinos wie der „Neorealist“ Félix Máriássy, der Literaturspezialist László Ranódy und vor allem Péter Bacsó fehlen. Letzterer hatte mit seinem Film "Der Zeuge" (1968) eine beißende Satire auf den Staatssozialismus nach Stalinschem Vorbild inszeniert, die selbst im liberalen ungarischen „Gulaschkommunismus zehn Jahre lang nicht gezeigt werden durfte. Dieser Film fehlt im Buch; die wenigen kurzen Erwähnungen in anderen Texten machen diese Lücke nicht wett.

Neben kanonischen Filmen wie Miklós Jancsós „Die Männer in der Todesschanze“ (1965), István Szabós „Vater“ (1966) und Károly Makks „Liebe“ (1970) enthält das Buch, vor allem aus der Zeit nach 1990, auch Filme, die in Deutschland, und möglicherweise nicht nur hier, ignoriert wurden. Wer kennt schon „Wir sterben nie“ (1992) von Róbert Koltay oder „Glastiger 1-3“ (2001-2010) von Péter Rudolf und Iván Kapitány?


Kein Platz fürs Umfeld

Die Konzentration auf das einzelne Werk bringt es mitunter mit sich, dass das ästhetische und politische Umfeld, in dem die jeweiligen Filme entstanden, unterbelichtet bleibt; dafür gibt es einfach zu wenig Platz; mehr Raum als die durchschnittlich acht bis zehn Buchseiten pro Film wäre in jedem Fall besser gewesen. Dann wäre es auch möglich gewesen, im Text über Szabós „Vater“, in dem der Autor eine Szene mit einer Straßenbahn erwähnt, darauf hinzuweisen, dass Szabó in „Budapester Legende“ (1976) genau diese Szene zu einem ganzen Film erweiterte. „Mephisto“ (1980) taucht gleich gar nicht auf.

"Tagebuch für meine Kinder" (1982) von Márta Mészárzos
"Tagebuch für meine Kinder" (1982) von Márta Mészárzos

Im Text über Márta Mészáros hängt eine Sentenz wie „In Ungarn war die Rezeption ihrer Filme oft eher von Reserviertheit und gar Ablehnung geprägt“ im luftleeren Raum; man hätte gern gewusst, aus welchen Gründen das so war. Und auch, warum sie nach dem mutig-spektakulären „Tagebuch meiner Kindheit“ (1982) mit weiteren „Tagebuch“-Filmen eher weniger reüssierte. Kritische Töne sind allerdings nicht Sache dieses Buches; das hat mit der Grundhaltung gegenüber den beschriebenen Filmen und Personen zu tun.


(Zu) Viele Fußnoten

Ein wenig mehr Platz für die Texte hätten die Herausgeber auch durch eine stärkere Redaktion der vielen Fußnoten schaffen können. So findet man auf Seite 75 und Seite 184 nahezu gleichlautend lange Fußnoten über den Ungarn-Aufstand von 1956? Auch der Trianon-Vertrag wird in Fußnoten auf Seite 8 und Seite 225 fast mit den gleichen Worten umrissen. Unglückliche Formulierungen in den Texten sind vermutlich der Übersetzung geschuldet: Jancsó habe sich zunächst an „propagandistischer Nachrichtenregie“ versucht, heißt es; gemeint sind wohl agitatorische Kurz-Dokumentarfilme.

Problematisch erscheinen die zahlreichen Verweise der Autorinnen und Autoren auf ungarische Zeitungen, Zeitschriften und Bücher. Abgesehen davon, dass diese Literatur in Deutschland schwer zugänglich ist, handelt es sich meist um ungarisch-sprachige Texte, die erst übersetzt werden müssten; Verweise darauf enthalten also kaum einen Mehrwert für deutsche Leser.

Auf deutschsprachige Quellenverweise wird hingegen weitgehend verzichtet, obgleich es zu vielen Filmen ausführliche Analysen und Interviews mit Regisseurinnen und Regisseuren auch in deutschen (bis 1990 vornehmlich DDR-)Publikationen gab.


Verlegerische Großtat

Dass die zwischen 1973 und 2000 erschienene Berliner Zeitschrift „Film und Fernsehen“ das ungarische Kino stets aufmerksam begleitete, durch Berichte vom Festival in Budapest oder der Film-Sommeruniversität in Eger sowie lange, tiefschürfende „Lebensinterviews“ etwa mit Zoltán Fábri, István Szabó oder Peter Gothár, scheint den Autoren nicht bekannt zu sein. Nur so kann man sich den Satz des Co-Herausgebers Stephan Krause erklären, dass eine „deutschsprachige Geschichte des ungarischen Films ein Desiderat“ sei. Was ist mit Joachim Reichows 1981 im Ost-Berliner Henschelverlag erschienenem Band „Film in Ungarn“? Das ist zwar schon relativ lange her, doch das Buch enthält, etwa in seinen zahlreichen Bio-Filmografien, noch immer reichhaltiges Basismaterial.

Die kritischen Einwände sollen den Wert von „Klassiker des ungarischen Films“ keineswegs schmälern, sondern im Gegenteil dazu beitragen, ähnliche Bücher mit noch größerem Atem und erweitertem Blick zu schreiben und zu redigieren. Dem Schüren-Verlag gebührt zudem Dank für eine editorische Großtat, die keineswegs Pekuniäres im Sinn haben kann, wohl aber geistigen Gewinn.


Klassiker des ungarischen Films. Von Daniel Bühler, Dominik Hilfenhaus, Stephan Krause (Hg.). Schüren Verlag Marburg 2019, 240 S., 14,90 EUR.

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