Wie Kino integriert

Samstag, 27.07.2019

In Dortmund will die interkulturelle Kinoreihe „Weltsichten“ vor allem weibliche Geflüchtete fördern

Diskussion

In Dortmund will die interkulturelle Kinoreihe „Weltsichten“ vor allem weibliche Geflüchtete fördern: Filme sollen mit ihren Geschichten zum Austausch über unterschiedliche Themen anregen, vernetzen und Deutschkenntnisse trainieren.


Seit November 2016 versammeln sich einmal im Monat an einem Wochenende viele Frauen in einem Dortmunder Kino zur Reihe „Weltsichten“. Gemeinsam schauen sie unterhaltsame und nachdenkliche Filme aus aller Welt an, die den Blick für andere Kulturen öffnen und die gegenseitige Akzeptanz über die Grenzen von Sprache, Kultur und Religion hinweg stärken. Gezeigt werden preisgekrönte Filme, die teilweise nur kurz oder gar nicht in Dortmund zu sehen waren. Eine Moderatorin leitet im Anschluss eine Diskussion über den jeweiligen Film.

Das Besondere an der Filmreihe: Ein Großteil der Besucher/innen sind geflüchtete Frauen. Sie hat das ambitionierte Dortmunder Projekt vorrangig im Blick; eingeladen sind auch ihre Familienangehörigen, andere Frauen mit und ohne Migrationshintergrund und alle, die sich für andere Kulturen interessieren. Um die Zugangsschwelle möglichst niedrig zu halten, ist der Eintritt frei.

"Das Mädchen Wadjda" findet einen Weg für ihren Wunsch nach einem Fahrrad.
"Das Mädchen Wadjda" findet einen Weg für ihren Wunsch nach einem Fahrrad

Getragen wird die Kinoreihe vom Frauenfilmfestival Dortmund / Köln und dem Projektteam „Betriebliches Mentoring für geflüchtete Frauen“ (PerMenti), hinter dem das Dortmunder Forum Frau und Wirtschaft e.V. und das Gleichstellungsbüro der Stadt Dortmund stehen. Weitere Projektpartner sind das „Grone“ Bildungszentrum und bis Ende 2018 auch das Kompetenzzentrum Frau und Beruf Westfälisches Ruhrgebiet.


Sich über Filme austauschen – und nebenbei Deutsch üben

Die Initiative für die Reihe ging von der damaligen Leiterin des Frauenfilmfestivals Silke Johanna Räbiger aus. Sie nahm an einer Veranstaltung des Projekts PerMenti teil, das sich Anfang 2016 bemühte, mehr Kontakte zwischen geflüchtete Frauen und deutschen Frauen bzw. Frauenorganisationen zu knüpfen. „Ich habe vorgeschlagen, dass man gemeinsam Filme anschauen und dann über bestimmte Themen und Problematiken sprechen kann. Nebenbei können die geflüchteten Frauen auch gleich Deutsch lernen und üben“, berichtet Räbiger. „Es hat dann einige Monate gedauert, bis im Herbst Monika Goldmann, eine der Gründerinnen des Forums Frauen und Wirtschaft, angerufen hat und grünes Licht gab. Wir haben dann beim Kulturbüro der Stadt Dortmund und der Organisation KOMM-AN NRW Fördergelder beantragt. Im November legten wir im Dortmunder Kino im U los, das uns kostenfrei zur Verfügung stand.“

Eine Schlüsselrolle spielte dabei das Dortmunder Forum und Wirtschaft e.V., das sich seit 20 Jahren dafür stark macht, den Anteil von Frauen in qualifizierten Positionen und auf Führungsebenen zu erhöhen. Es beteiligt sich an Aktionen zur Verringerung des „Gender Pay Gap“ (der Differenz in den Bezahlung von Frauen und Männern) und zur Förderung von existenzsichernden Beschäftigungen von Frauen. Außerdem unterstützt es regionale und kommunale Gleichstellungsinitiativen und vernetzt sich mit anderen Organisationen, die die Gleichstellung von Frauen und Männer fördern.

Ein aufschlussreicher Spiegel: "Almanya - Willkommen in Deutschland"
Ein aufschlussreicher Spiegel: "Almanya - Willkommen in Deutschland"

Ein wichtiges Instrument zur praktischen Frauenförderung stellt das Mentorenprogramm des Forums dar. „Als mit der großen Flüchtlingswelle 2015 viele Flüchtlinge auch nach Dortmund kamen, haben die Mitglieder des Forums schnell festgestellt, dass unter denen auch viele sehr gut qualifizierte Frauen waren, vor allem aus technischen Berufen“, berichtet Räbiger. So gründete das Forum mit PerMenti eine Zweigorganisation, die das Modell für Frauen in Dortmund auf geflüchtete Frauen übertrug. "Die Mitarbeiterinnen haben mit ihnen Bewerbungsmappen zusammengestellt, Praktika vermittelt und insbesondere Mentorinnen an die Seite gestellt." In einem zweiten Schritt kam dann die Kinoreihe hinzu.


Frauenschicksale in den Mittelpunkt stellen

Die alle vier Wochen stattfindende "Weltsichten"-Reihe hat sich inzwischen etabliert. "Wir sind jetzt im dritten Jahr und haben bisher 26 Filme vor rund 1800 Zuschauerinnen und Zuschauern gezeigt“, resümiert Räbiger. Die wichtigste Leitlinie bei der Auswahl: „Es geht uns darum, internationale Frauenschicksale in den Mittelpunkt zu stellen.“ Dazu passt der Eröffnungsfilm „Das Mädchen Wadjda“ der saudi-arabischen Regisseurin Haifaa Al-Mansour. „Das war eine glückliche Wahl“, erinnert sich Räbiger, „denn es wurde danach sehr heftig diskutiert. Ob Fahrradfahren frei macht oder nicht, das war ein großes Thema, die zu einer spannenden Diskussion führte.“

In der Reihe liefen auch Filme wie das iranische Scheidungsdrama „Nader und Simin“ oder die französische Multikulti-Komödie „Monsieur Claude und seine Töchter“, aber auch die Komödie „Almanya - Willkommen in Deutschland“ über türkische „Gastarbeiter“ in der Bundesrepublik oder das Drama „Barbara“ über eine Ärztin in der DDR.

Auch Dokumentarfilme und Filme zur deutschen Geschichte gehören zum Angebot, etwa „Lucica und ihre Kinder“ von Bettina Braun über eine Roma-Familie im Dortmunder Norden und „Sternstunde ihres Lebens“, ein Porträtfilm von Erika von Moeller über die Bundestagsabgeordnete Elisabeth Selbert.

Hin und wieder kommen auch Filmschaffende zu den Vorführungen und stellen sich den Fragen des Publikums, etwa Bettina Braun und Erika von Moeller. „In der kommenden Staffel werden wir zwei Mal Gäste haben“, kündigt Räbiger an. In jeder Staffel aus vier Filmen ist jeweils auch ein Titel für Kinder und Jugendliche mit dabei, etwa der Animationsfilm „Die Melodie des Meeres“ des irischen Regisseurs Tomm Moore.


Schwierigkeiten & Zukunftsaussichten

Was die Zielgruppe angeht, so wünschen sich die Organisatorinnen, dass noch mehr geflüchtete Frauen teilnehmen. „Deshalb sind wir vom Samstag auf den Sonntag gegangen. Seit Kurzem macht bei uns auch Sophia e.V. mit, eine interkulturelle Plattform von Studentinnen und jungen Akademikerinnen, unter ihnen viele Frauen mit Migrationshintergrund. Von ihnen haben wir erfahren, dass die geflüchteten Frauen während der Woche an Sprach- und Integrationskursen teilnehmen und den Samstag vor allem nutzen, um sich ihrer Familie zu widmen oder andere Familien zu besuchen. Der einzige Tag, an dem diese Frauen freier über ihre Zeit verfügen, ist der Sonntag. Durch den Terminwechsel ist die Resonanz leicht angestiegen. Allerdings sind wir genauso wie andere Kinoveranstalter vom Wetter abhängig. Sobald die ersten schönen Wochenenden kommen, lässt die Nachfrage spürbar nach.“

Gemeinsam geht es besser: "Die Melodie des Meeres"
Gemeinsam geht es besser: "Die Melodie des Meeres"

Als Handicap hat sich nach den Beobachtungen von Silke Räbiger auch der zwischenzeitliche Kinowechsel erwiesen. „Wegen einer großen Pink-Floyd-Ausstellung mussten wir das Kino im U leider verlassen und konnten dankenswerter Weise ins Kino ,sweetSixteen‘ umziehen. Erst im September können wir wieder ins U-Kino zurück. So ein Ortswechsel ist nicht gut, zumal unsere ursprüngliche Spielstätte verkehrsgünstig mitten in der Stadt liegt."

Angesichts des Erfolgs in Dortmund plant Räbiger, das Modell nach Köln zu übertragen, wo sie auch wohnt. „Wir haben mehrere Gespräche mit dem SprachHaus geführt, um dort eine ähnliche Reihe aufzubauen, die 2020 starten soll. Sehr wahrscheinlich auch mit dem Schwerpunkt Frauen, weil diese Einrichtung ohnehin spezielle Kurse für Frauen anbietet.“ Angedacht sei auch eine Musikvideowerkstatt für Ferienfreizeiten, in der geflüchtete Kinder und Jugendliche unter fachkundiger Leitung selber Musikvideoprogramme zusammenstellen können.


Foto oben:  Stadt Dortmund, Dortmund-Agentur, Roland Gorecki; übrige Fotos: Weltsichten

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