Cinema Jahrbuch #64: Qualität

Samstag, 27.07.2019

Mit Cinema #64 ist die neueste Ausgabe eines 1955 gegründeten Filmperiodikums erschienen. Thema sind Qualitätskriterien für Filme

Diskussion

Wann ist ein Film gut? Die aktuelle Ausgabe des Schweizer Filmperiodikums "Cinema" beschäftigt sich mit „Qualität“. Das 1955 gegründete Jahrbuch, die älteste (Deutsch-)Schweizer „Filmzeitschrift“, ist in mehrfacher Hinsicht ein Unikum.


Cinema #64 beschäftigt sich mit „Qualität“. Das Jahrbuch, 1955 gegründet und somit die älteste (Deutsch-)Schweizer „Filmzeitschrift“, ist in mehrfacher Hinsicht ein Unikum.

Die Ausgabe #65, mit der man im nächsten Jahr 2020 das 65-jährige Bestehen feiern will, soll dem „Skandal“ gewidmet sein. Für diese im Entstehen begriffene Ausgabe habe man so viele Vorschläge erhalten, dass die Auswahl nicht einfach falle, erzählt Benjamin Eugster, der Vize-Präsident des Vereins „Arbeitsgemeinschaft CINEMA“. Er ist Mitglied eines Teams von neun Personen, die als Herausgeber und Redaktionsteam fungieren; die meisten stammen aus dem Umkreis des filmwissenschaftlichen Seminars der Universität Zürich. Das Team arbeitet unentgeltlich. Die Beiträge hingegen, darauf legt man Wert, sind von den Rezensionen bis zu den Essays alle honoriert.

Ausblick auf "Cinema#65 Skandal": Pasolinis "Saló - 120 Tage von Sodom"
Ausblick auf "Cinema #65 Skandal": Pasolinis "Saló - 120 Tage von Sodom"


Zum Autor eines längeren Beitrags wird man, wenn man dem jährlichen „Call for Papers“ folgt, einen Vorschlag einreicht und der vom Redaktionsteam dann ausgewählt wird. Die Autoren der „Beiträge aus der Praxis“ werden vom Redaktionsteam eingeladen; über den Redaktionsprozess verrät Eugster, dass es vielen Sitzungen gibt und die jeweilige Ausgabe einen langen Vorlauf habe.

Die mit dem schwarzen Buch

Die Mitglieder des „Cinema“-Teams werden bisweilen als „die mit dem schwarzen Buch“ tituliert. Das hat nichts mit dem gleichnamigen Film von Paul Verhoeven zu tun, sondern mit dem Aussehen der Periodikums: Der Umschlag der Zeitschrift, die sich seit 1983 als rund 200 Seiten starkes Jahrbuch präsentiert, ist grundsätzlich schwarz; in den 1980er- und 1990er-Jahren haben sich farbige Bilder darauf geschlichen. Das sieht edel aus, und auch der Schriftzug des Titels wirkt mit dem eigenwillig eingefügten Hashtag erhaben: „Cinema#64 Qualität“, steht außen aus der 2019er-Ausgabe.

Im Editorial werden die Themen angerissen: Kriterien zur Qualitätsbeurteilung von Filmen, die Rolle der Filmkritik. Fragen der Qualitätsermittlung bei der Filmförderung und der Qualitätssicherung bei Technologien und Industriestandards. Das klingt aktuell und weitet das Feld. Allerdings relativiert sich dieser Eindruck bei näherer Betrachtung: Statt des erwarteten Artikels zur derzeitigen Krise der (herkömmlichen, nämlich im Print angesiedelten) Filmkritik findet sich ein Aufsatz von Simon Meier zur wechselhaften Rolle der Filmkritik bei Siegfried Kracauer; Margarete Wach nimmt in „Qualität(en) des Laien-Blicks“ Amateurfilmklubs in Polen unter die Lupe. Henry M. Taylor geht in „Dramaturgien journalistischer Qualität im Reporterfilm“ ausführlich auf Alan J. Pakulas „Die Unbestechlichen“ von 1976 ein, verpasst es aber, später entstandene Filme ebenso eingehend zu analysieren.

Wird eingehend analysiert: "Die Unbestechlichen" von Alan J. Pakula
Wird eingehend analysiert: "Die Unbestechlichen" von Alan J. Pakula

Die längeren Essays sind mit der Feder (und den Ansprüchen) von Wissenschaftlern verfasst und somit recht anspruchsvoll; lediglich der Aufsatz über den Medien(-Rezeptions-)Wandel der letzten 30 Jahre von Benjamin Eugster und Heinrich Weingartner kommt etwas frischer und frecher daher. Als aktuellster Aufsatz entpuppt sich ein älterer Beitrag. Der Aufsatz „In Defense of the Poor Image“ von Hito Steyerl, der 2009 im e-flux journal erstmals erschienen und hier unter dem Titel „Zur Verteidigung des ärmlichen Bildes“ in der deutschen Übersetzung von Aurel Sieber wiederabgedruckt wird, handelt vom (Verbreitungs-)Schicksal (analoger) Bilder in einer zunehmend digitalen Welt.

Das Gegengewicht zu den längeren Essays bilden die „Selection Cinéma“ und die verstreut eingefügten „Momentaufnahmen“. „Selection Cinéma“ ist ein in Form von Filmbesprechungen gehaltener Spiegel aktueller Schweizer Filme. „Momentaufnahmen“ sind persönlich formulierte Impressionen Schweizer Filmschaffender und von Menschen, die sich mit der Schweizer Filmszene auseinandersetzen; in der aktuellen Nummer etwa eine Notiz des Filmregisseurs Jan Gassman mit Titel „Die Erlaubnis zu scheitern“, und eine von Johannes Binotto verfasste Abhandlung zur lexikalischen Bedeutung des Begriffs „Qualität“, der in seiner primären Bedeutung schlicht „Beschaffenheit“ meint.

Homepage & Social Media

Man wisse um die Nähe zu Wissenschaft, meint Eugster im Gespräch und fügt an, dass man dabei sei, das zu ändern; die Zeitschrift gehe aktiver auf Schweizer Filmschaffende und Filminteressierte zu; auch die Homepage und das Engagement in den Sozialen Medien soll künftig aktueller sein.

De facto ist eine in Print und Online erscheinende Zeitschrift auf Basis weitgehend freiwilliger Arbeit und abhängig von Förderern eine bewundernswürdige Herkules-Arbeit. Auch wenn man in der aktuellen Ausgabe einen Beitrag über die jahrzehntlang verliehene, 2004 mit Einführung des Schweizer Filmpreises allerdings abgeschafften „Qualitätsprämien für Filme“ vermisst, so ist „Cinema#64 Qualität“ in der breiten Auslegung des Themas durchaus augenöffnend und lesenswert.


Cinema #64 Qualität. Schüren Verlag, Marburg 2019. 216 S., zahlr. Abb., 25 EUR. Bezug: hier.

Weitere Informationen finden sich auf der Webseite www.cinemabuch.ch


Fotos: Cinema

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